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beinahe lebenslänglich

Es ist unmöglich Hans Gruber sein Alter anzusehen. Wäre auch nicht weiter wichtig, trüge sein Buch nicht den Titel „Beinahe Lebenslänglich“. Der sich natürlich auf seine Arbeit als Gefängnisseelsorger bezieht, auch wenn „Lebenslängliche“ eher zur Ausnahme in seinem Arbeitsalltag zählten. Immerhin beinahe 50 Jahre hat er sich Menschen angenommen, die, aus welchen Gründen auch immer, hinter Gittern gelandet sind.

Sein eigener Weg war hingegen ein schon früh vorgezeichnet, Gespräche mit einem Kaplan, den er in der Katholischen Jugend traf, weckten in ihm den Wunsch, Pfarrer zu werden. Also machte er, neben seiner Arbeit als Schmiedegeselle, an der Abendmittelschule in Linz die Matura und trat 1961 ins Priesterseminar ein. Um gleich danach als Arbeiterseelsorger auf der Baustelle des Donaukraftwerks Wallsee seinen ersten Posten anzutereten. 2000 Schafe zählte dort seine Herde, das eine oder andere schwarze war wohl auch dabei, „einige meiner späteren Kunden in der Gefängnisseelsorge habe ich schon dort kennengelernt, ungefähr ein Drittel der Arbeiter war vorbestraft“. Noch ein weiteres Kraftwerk hat er später betreut, zwischendurch aber noch Soziologie inskribiert, „daher stammt auch mein Magistertitel, nicht von der Theologie“, darauf scheint er Wert zu legen, „da habe ich auch erstmals Marx gelesen, der damals ja noch am Index stand!“.

In Linz an der Uni hat er auch den Aufbruch der 68er Generation an vorderster Front mitgemacht, mitsamt den Demonstrationen und kleinen Störungen des Unterrichts. Nach dem Studienabschluss wurde der Stadtpfarre Linz zugeteilt „und zwar einem Pfarrer, der dem Personalchef zu bürgerlich war, er wollte ihn mit mir ein Bisserl ärgern“ verrät Gruber ein kleines Geheimnis aus der Personalpolitik. „Und das Gefangenenhaus machst´ auch gleich mit, die Karmeliten wollen´s nimmer machen und du bist eh goschert genug!“ Der sonst meist ausgesprochen ernste Gesichtsausdruck Grubers beginnt einem verschmitzten Lächeln zu weichen, wenn Pfarrer Gruber über seine Zeit als progressiver Störfaktor in der konservativen Nachkriegszeit zu erteilen. Immer wieder hatte er ehemalige Wehrmachtsoffiziere als Vorgesetzte, die auf Disziplin und klare Hierarchien pochten. Was bei ihm aber eher paradoxe Wirkung zeigte, schon als Kind in Gaspoltshofen hatte ihn gestört, dass stets Großbauern und Bürger in der Kirche die vorderen Bänke beanspruchten. „Das hat mich auch dazu motiviert, in die Arbeiterseelsorge zu gehen. Und so stolz mein Vater, immerhin ÖVP-Vizebürgermeister, war, dass ich Pfarrer wurde, so irritiert war er von meiner linken Gesinnung“.

Dementsprechend logisch war sein stetes Bemühen für die Annäherung von Gewerkschaft und Kirche, das Interesse an und die Kooperation mit Kirchen in Lateinamerika, das Engagement für Kirchenvolksbegehren und das stete Drängen auf Reformen. Hans Gruber arbeitete stets am Puls der Zeit, von den Anfängen im Gefangenenhaus in Linz, als die meisten Insassen Oberösterreicher waren, „mit denen konnte ich im Dialekt reden, ihnen Mut zusprechen, sie hatten so schneller das Gefühl, dass ich sie verstehe.“ Oder man kannte sich sowieso schon, wie etwa im Fall eines ursprünglich erfolgreichen Boxers. „Wenn er aber betrunken im Wirtshaus gesessen ist, haben sich manchmal falsche Freunde einen Jux daraus gemacht, ihn zu provozieren. Der da drüben schaut so komisch, druck eam ane Ferdl, haben sie dann gesagt, und er stand schon wieder vor dem Richter. Und hat, auf dessen Frage, was er den mit ihm machen sollte, geben´s ma hoit wieder drei Monat´, Herr Rat gesagt hatte!“

Das vertrauensvolle Gespräch ist es, was für Hans Gruber ganz klar seine wichtigste Aufgabe ist. Auch, weil ihm, als einzigem im Gefängnis, Vertrauen entgegen gebracht wird. Und auch werden kann, dass er dem Beichtgeheimnis unterliegt wissen schließlich alle seine Kunden. „Da kommt´s dann natürlich immer wieder vor, dass der eine oder andere Angeklagte in der Untersuchungshaft seine Verteidigungsstrategie als Beichte getarnt bei mir ausprobiert und schaut, ob seine Not- beziehungsweise Testlüge glaubwürdig ist, nach dem Motto wenn´s der Pfarrer glaubt klappt´s beim Richter vielleicht auch Ich hab´s aber immer durchschaut. Glaub´ ich zumindest, und ihnen zu einer wahrhaftigeren Verantwortung geraten“.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Insassen ihm hohes Vertrauen entgegengebracht haben, ihn auch manchmal um Gefallen gebeten haben, die er ihnen dann aber nicht tun konnte. Einzige Ausnahme waren Liebesbrief, die er hinausschmuggelte. „Die Insassen müssen ihre Post ja offen abgeben, wenn´s um Liebesangelegenheiten geht ist das natürlich unangenehm. Schon weil die Beamten ja wissen, wie vielen Frauen ein Gefangener die gleichen Geschichten schreibt!“ Man spürt, dass er seine Aufgabe als Berufung verstanden hat, nicht nur als Job. Weswegen er immer noch regelmäßig ins Gefängnis geht, „einerseits weil mir das Milieu einfach am Herzen liegt, andrerseits um meinen theologischen Kollegen zu helfen“. So hält er alle drei Wochen die Messe, abwechselnd mit seinem Nachfolger und dem evangelischen Kollegen. Nur für moslemische Insassen gibt es keinen Seelsorger. Kurz erinnert er sich an seine Zeit als Stadtpfarrer, als er auch für die Stadtbetriebe zuständig war. „Da habe ich viel mit den ersten kosovarischen Gastarbeitern zu tun gehabt, Fremdenfeindlichkeit gab´s damals noch nicht, man ist respektvoll miteinander umgegangen, hat sich geholfen, gemeinsam gearbeitet und gearbeitet. Das Problem ist erst Ende der neunzehnhundertachtziger Jahre zu einem geworden.“

Was aber alles nichts daran ändert, dass Pfarrer Hans Gruber seinen Beruf offensichtlich noch immer liebt und immer wieder gerne ins Gefängnis geht. Und dort auch spürbar gerne gesehen wird. Kaum, dass der meist ernst wirkende Herr Pfarrer die junge Beamte an der Sicherheitsschleuse am Eingang begrüßt ziert ein breites Lächeln ihr Gesicht, auch der stellvertretende Direktor, der rasch herbeigeeilt ist, um den Gast zu begleiten ist sichtbar erfreut. Gemeinsam rücken die beiden ein paar Blumentöpfe zur Seite, um ein schönes Photo vor der im Vorraum ausgestellten, immer noch Respekt einflößenden historischen Zellentür zu ermöglichen. Man kann sich leicht vorstellen, wie erfreulich ein Besuch von Hans Gruber erst für die Insassen sein muss. Auch wenn man auf die Gelegenheit dazu nur zu gerne verzichtet.

Beinahe Lebenslänglich, Hans Gruber,

Wagner Verlag,

ISBN 978-3-903040-43-4, € 23,-

Dieser Beitrag wurde am 2020/04/17 um 09:40 veröffentlicht. Er wurde unter GRÜSS GOTT, linz, oberösterreich abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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