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Der Peripato geht weiter – die Katastrophe auch

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die Volksschule im Park und der Platz der 200 Helden. Die Details habe ich mir für hier aufgehoben, zum Beispiel die Bezeichnung der Schule. Die ist nämlich nach Roza Imvrioti benannt, der 1898 hier geborenen Lehrerin, prononcierten Feministin, Widerständlerin und Funktionärin der Kommunistischen Partei KKE. Als solche hat sie sich nicht nur für en modernes Schulsystem eingesetzt sondern auch für die Nutzung von Dimotiki, der Neugriechischen Volkssprache. Noch bis in die neunzehnhundertsiebziger Jahre konnten erstaunte Reisende skurril kleine Tischchen mit Schreibmaschine drauf vor jedem öffentlichen Amtsgebäude bewundern, an denen von der Hochsprache mächtigen Herren etwaige Eingaben in die alleine gestattete Katharevousa, die „saubere“, Version des Griechischen geklopft wurden. Immerhin bis 1976 haben es die reaktionären Kräfte geschafft diese ständische Barriere aufrecht zu erhalten.

Auch für die Gleichberechtigung hat sie natürlich gekämpft, wenn auch nicht so erfolgreich wie für eine barrierefreie Amtssprache. Dafür sieht man am Verkehrsübungsplatz neben der Schule mittlerweile erstaunlich viele Mädchen die gelernten Vorrangregeln umsetzen. Und auch wenn´s ums Verbannen ging waren die Griechinnen – fast – gleichberechtigt, jedenfalls oft solidarisch. Mit dem Hinrichten von Frauen hat man sich dann aber doch ganz galant zurückgehalten, am Platz der 200 Helden findet man ausschliesslich männliche Namen. Die Hinrichtungen, welche am Schiessstand von Kaisariani, ebenfalls in unmittelbarer Nähe dieser sowie ettlicher weiterer Schulen im Park gelegen stattfanden, waren als Vergeltung für die Erschiessung eines Wehrmachts Offiziers durch griechische Widerstandskämpfer von den Nazis angeordnet worden.

Praktischerweise konnte die Regierung von Ioannis Rallis, der seine Ausbildung in Deutschland und Frankreich absolviert und sowohl Sohn als auch Vater von, allerdings demokratisch gewählten, Premierministern war, 200 vom eigenen Regime inhaftierten Kommunisten – oder was man halt gerade unter solchen verstand – zur gefälligen Erschiessung anbieten. Auch sonst erwiesen sich manche Griechen als hilfreich, alleine 100 „subversive Elemente“ waren im Zuge „spontaner“ Aktionen von sogenannten „Germanotsoliades“, vulgo Sicherheits Batallionen oder, besser wohl: Kollaborateuren ermordet worden. Waren halt wirklich grausame Zeiten damals, und das eindeutig nicht nur im deutschsprachigen Europa.

Noch im selben Jahr zogen die Deutschen ab, wobei da natürlich auch Österreicher mitgemeint sind, zumindest vom Festland, an Kreta und ein paar vormals italienisch besetzten Inseln hing man noch länger. Was natürlich weitere gewalttätige Kriegsverbrechen mit sich brachte, auch hier wollten sich die Nationalisten auf keiner Seite lumpen lassen. Kaum, dass die Deutschen weg waren und mit Unterstützung der Engländer eine Regierung der sogenannten Nationalen Einheit gebildet worden war, begannen schon die nächsten Grauslichkeiten. Briten und Royalisten inklusive Exilpremier Papandreou – dem Opa quasi, vom bislang letzten sozialdemokratischen Premier nämlich – gegen die „Linken“, also die „echten“. Die wurden, nachdem sie jahrelang für die Befreiung ihrer Heimat gekämpft hatten, nicht in die neue Ordnung miteingebunden und zur Abgabe ihrer Waffen aufgefordert. Ausser jenen, die noch an der Seite der Briten in den Bergen oder auf Kreta für den Kampf gegen die letzten Nazis von Nutzen waren.

Dem Aufruf zum Generalstreik und einer Demonstration über die Panepistimiou Strasse vorbei am Parlament zum Syntagma Platz am 3. Dezember 1944 folgten, wie es offiziell heisst, mindestens 200.000 Menschen. Als diese sich dem Grab des unbekannten Soldaten näherten fiele plötzlich Schüsse. Während der Britische Kommandeur der Stadt Montague Woodhouse meinte, nicht sicher sagen zu können, wer zuerst geschossen hatte, bezeugte der LIFE-Photograph Dimitri Kessel, die Polizei habe das Feuer eröffnet. Und der 15 Jährige N. Farmakis, immerhin Mitglied der linker Umtriebe unverdächtigen königstreuen Gruppierung X, bezeugte mitbekommen zu haben, wie Polizeichef Angelos Evert den Schiessbefehl gegeben hatte. Wie auch immer, dutzende Tote blieben an jenem Tag auf den Strassen zurück, es folgten Wochen von Strassenkäpfen zwischen Briten, Regierungstruppen und empörten Widerstandskämpfern. Sollte aber auch nur ein Vorgeschmack auf die Schrecken des späteren Bürgerkrieges sein.

Der einstige Hinrichtungsort im Park Kaisariani ist mittlerweile natürlich ein Gedenkort, nicht nur für die unmittelbaren Opfer, sondern für all Jene, die im Kampf für ein freies Griechenland ihr Leben gelassen haben. Es ist ein geradezu idyllischer Ort, grün und ruhig, etwas, was man in Athen nicht unbedingt erwartet. Vor Allem die Athener selber sind der unumstösslichen Meinung, dass es in ihrer Stadt kein Grün gäbe. Was ich nicht bestätigen kann, ganz im Gegenteil, kaum ein Bezirk muss ohne Parks auskommen. Dass in denen dann auch noch der Geschichte nachgegangen werden kann, wie in Kaisariani im Widerstandsmuseum, ist für den Stadtwanderer durchaus als Bonus zu erachten!

Dieser Beitrag wurde am 2024/12/09 um 14:36 veröffentlicht und ist unter Uncategorized abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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