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bauboom und bombenstimmung

 

Die lauten Schüsse reißen uns aus dem beschaulichen Genuss einer Gondelbahnfahrt auf den Harissa Berg, im Libanon denkt man da nicht unbedingt gleich an Feuerwerk, schon gar nicht im grellen Licht des schwülen Mittags. Auf einem Hochhausdach erkennt man auch Mündungsfeuer und Pulverdampf, doch Christelle Traboulsi, professionelle Beirutkennerin, beruhigt: „Wir Libanesen geben gerne viel Geld für sinnlose Dinge aus, wird wohl eine Hochzeit sein, die da gefeiert wird!“

 

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Christelle ist eine ganz normale moderne junge Frau, selbst- und modebewusst, elegant und gebildet, typisch libanesisch möchte man sagen. Was auch vollinhaltlich zutrifft, zumindest auf Bewohner von Beirut, einer Stadt, in der scheinbar mehr gebaut wird als in Dubai. Gelegenheit dazu gibt es genug, der Bürgerkrieg hat jede Menge Baulücken hinterlassen, und als ob das nicht schon gereicht hätte wurde auch noch vor der Küste Bauland ins Meer aufgeschüttet, die alte Croisette läuft jetzt teilweise quasi in zweiter Spur hinter den neuesten, teuersten und gefragtesten Apartmenthäusern mit Meerblick.

 

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Von der Bergstation sieht man schön, wie unten in Jounieh, einem Vorort ein wenig nördlich von Beiruts Innenstadt, die Menschen um einen Platz an der Sonne zu ergattern den üblichen Stau über sich ergehen lassen. Ganz wie bei uns, nur dass sie etwas kreativer mit den Fahrspuren umgehen, und die Anderen gerne mittels Hupsignalen und Auspuffröhren an ihrem jeweiligen Gemütszustand teilhaft werden lassen.

 

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Wenigstens haben sie´s, zu Hause angekommen nicht weit an den Strand und können den Blick auf die kühlen Wogen genieße- im Gegensatz zu uns. `Ganz ungewöhnlich schwül´ sei es, meint Christelle, sogar hier oben auf siebenhundert Metern Seehöhe kommt am ordentlich ins Schwitzen und der Dunst versagt uns die Aussicht, man könnte sonst bis Zypern sehen.

 

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Aber deshalb sind wir ja gar nicht hierher gekommen, sondern wegen der `Notre Dame de Liban´, einer Marienstatue die von hier oben über das Land wacht und von der langen christlichen Geschichte ihrer Einwohner erzählt, zumindest eines großen und Einflussreichen Teils von ihnen. Und hier oben am Gipfel unter den ausgebreiteten Armen der heiligen Jungfrau haben sich viele von ihnen heute am Sonntag eingefunden, um dem gemeinsamen Glauben zu huldigen, wie es hier in der Gegend schon unmittelbar nach Christi Kreuzigung gang und gäbe ist. Wobei, gemeinsam sollte man nicht zu eng fassen, immerhin haben auf dem Berg vier Patriarchen von verschiedenen katholische Ostkirchen ihre Residenzen, aber auch der päpstliche Nuntius führt hier seine Geschäfte. Im Sockel der Madonna findet man überdies eine byzantinische Kapelle, daneben einen riesigen maronitischen Dom dessen Architektur an eine Sprungschanze erinnert und einen Steinwurf entfernt die Sankt Pauls Basilica der griechisch katholischen Melkiten. Und weil auch Moslems der Jungfrau huldigen haben die auch die eine oder andere Mosche in der Gegend.

 

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Die Sonntagsmesse wird über Lautsprecher für alle Anwesenden nach draußen übertragen, unter Bäumen, im Auto, auf der Aussichtsplattform oder im Café lauschen so die Gläubigen der Predigt und den Chorälen, die, weil auf arabisch vorgetragen, für unsere Ohren exotisch aber umso interessanter klingen.

 

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Hinunter geht´s wieder mit der bunten Seilbahn, knapp an Wohnungen und Balkonen vorbei. Man kann gut erkennen, was am Mittagstisch steht, oder ob die Heimmannschaft gerade ein Tor geschossen hat, das Fernsehprogramm unterscheidet sich jedenfalls hier nicht wesentlich von unserem, Bibliotheken dürften offensichtlich auch in Beirut nicht mehr zur Grundausstattung bürgerlicher Wohnungen zu gehören, gesehen hab ich jedenfalls keine in den Wohnzimmern an denen ich vorbei gegondelt bin.

 

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Dabei liegt doch in unmittelbarer Nachbarschaft das legendäre Byblos, die phönizische Hafenstadt über die in klassischer Zeit der Handel mit dem Morgenland lief, also auch der Export der Zivilisation gen Westen. Und offensichtlich auch ein reger Buchversand, jedenfalls stammt die Bezeichnung `Bibel´ vom griechischen `biblos´, was schlicht und ergreifend Buch bedeutet, und diese revolutionären Datenträger hat man damals in Ost- wie Westrom ausschließlich über ebendiesen Hafen beziehen können.

 

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Die Archäologen haben Byblos erst relativ spät für sich entdeckt, erst nachdem Schliemann und Konsorten die hellenistische Welt gründlich umgegraben haben machte sich französische Wissenschaftler nach dem ersten Weltkrieg hier an die Arbeit, immerhin war die Grande Nation als Erbe der Osmanen Mandatsmacht. Die guten Beziehungen zur Obrigkeit ließen die Arbeiten rasch voranschreiten, die Bewohner des Tempelbezirkes rund um die Kreuzritterfestung waren rasch abgesiedelt, nur ein traditionelles osmanisches Herrenhaus durfte bleiben, ursprünglich als Geräteschuppen, demnächst soll es als Museum zu neuer Pracht finden. Es thront auf einem einsamen Hügel, der das Niveau des neunzehnten Jahrhunderts darstellt, umgeben ist es von Gräben und Gruben, die jeweils eine eigene Epoche erschließen. So spaziert man also hinunter ins Mittelalter, weiter durch die römische, griechische und ägyptische Zeit, und schließlich durch die Hochblüte der Phönizier bis in die Baureste der ersten Besiedlung in der Jungsteinzeit, in der Byblos als erste Stadt der Geschichte, der Legende nach von Cronus höchstpersönlich, gegründet worden war, wir schreiben das Jahr 6234 vor unserer Zeitrechnung, also mehr als achttausend Jahre vor der Erfindung der Radiokohlenstoffdatierung.

 

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Fast ebenso historisch ist Pépé Apeds Byblos Fishing Club unten im alten Hafen. Der als `Hugh Heffner des nahen Ostens´ bekannte Abenteurer hatte als Juwelier in Mexico ein kleines Vermögen gemacht, auf einem Heimatbesuch bei der Familie erkannte er plötzlich die Schönheit des Landes und blieb, um fürderhin zu tauchen, zu fischen und schließlich ein kleines Restaurant zu eröffnen, welches sich in den goldenen Zeiten der fifties und sixties zum Hot Spot des Jet Set entwickelte. An der Hauswand unter der Laube zeugt eine Trophäensammlung von Photos von den hochkarätigen Besuchern aus Film, Aristokratie und Politik. Von Anita Ekberg über Kim Novak und diverse französische, belgische und englische Ex- und Fastkönige sowie Prinzen und Prinzessinnen bis Vaclav Havel ist alles vertreten, was Rang und Namen hat. Nicht zu vergessen Jacques Cousteau, mit dem Pépé die Liebe zum Meer und dem Umweltschutz verband und dem zu Ehren eines seiner Motorboote den Namen Calypso trug.

 

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Was Byblos noch bieten kann ist eine romantische Altstadt mit einem Souk, in dem man bummeln und versteinerte Fischchen als einzigartige Souvenirs kaufen, etwas, was Beirut nicht zu bieten in der Lage ist. Nicht die versteinerten Fischchen, sondern einen romantischen Markt, wie man ihn in der Levante erwarten würde. Doch die Stadt ist viel zu westlich und modern, um sich mit solch folkloristischen Traditionen schmücken zu müssen. `Beirut Souks´ ist ein veritables Shoppingcenter, überdacht, klimatisiert und mit Tiefgarage, in welchem so ziemlich jede angesagte Marke vertreten ist, Fashion Victims werden ihr Glück eher finden als Kräutersammler. Die alten Souks sind dem Bürgerkrieg zum Opfergefallen, immerhin konnten die Ladeninhaber in einer Feuerpause ihre Lager noch Räumen, danach war das Viertel im Stadtzentrum Brennpunkt der Kämpfe. Nach dem Ende der Kampfhandlungen hat sich die Shop Owners Union mit einem Immobilienentwickler zusammengetan, und ein modernes Einkaufsviertel aus den Ruinen gestampft, das sich sehen lassen kann. Nur von orientalischem Charme ist halt nichts zu sehen, aber den braucht hier niemand.

 

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Eher schon steht der Libanese auf französischen Flair, italienischen Chic und amerikanische Coolness. Die Geschichte der libanesischen Diaspora ist lang und erfolgreich, der Einfluss und das Kapital welches die Exillibanesen dem Land zurückbringen macht Beirut zu einer boomenden, weltoffenen Stadt. Am Place de´l Etoile im Historischen Zentrum verkündet eine riesige Rolex vom Uhrturm in der Mitte die genaue Zeit, auf dass Gläubige ihre Gebetszeiten nicht verpassen, doch in den Cafés rundum frönt das Publikum eher weltlichen Vergnügungen. Ab und an rast eine Limousinenkolonne, von Polizeisirenen unüberhörbar angekündigt, zum nahen Parlament, doch sonst sitzt und wandelt man beschaulich in den Arkaden der penibel renovierten Gründerzeitpalais. Nur wenn man genau hinschaut, entdeckt man die Einschusslöcher in den Sandsteinfassaden, ansonsten präsentiert sich der Business District ganz geschäftstragend.

 

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Der Eindruck ändert sich gewaltig, wenn man auf den Märtyrer Platz hinaustritt, an welchem jener Journalisten gedacht wird, die wegen ihres Widerstandes gegen die Osmanen im ersten Weltkrieg hier gehenkt wurden. Die Bronzestatue im Zentrum wiederum ist von Projektilen durchlöchert, ein weiteres Souvenir des Bürgerkrieges. Und in einem weißen Kunststoffzelt im Schatten der Mohamed Al Amin Moschee gedenkt man deren Erbauer Premier Rafiq al-Hariri, und seiner sieben Leibwächter. Sie alle sind bei einem Attentat 2005, wenige Monate nachdem Hariri aus Protest gegen den Syrischen Einfluss sein Amt zurückgelegt hat, ums Leben gekommen.
`Wir Libanesen müssen uns immer wieder daran erinnern, was wir einander angetan haben´ erklärt Christelle die Allgegenwart dieser Zeugen der Gewalt. Ein besonders beeindruckendes Denkmal soll aus dem einstigen Kino eines zerstörten Einkaufszentrums am oberen Ende des Märtyrerlatzes entstehen. Die von Bomben und Granaten schwer beschädigte, ausgebrannte Stahlbetonstruktur liegt wie ein verendender, gestrandeter Wal inmitten der pulsierenden Stadt. Schon vor einigen Jahren haben Jugendliche begonnen dort Konzerte zu veranstalten, nun soll es zur permanenten Heimat des Beirut Rock Festival und zu einem internationalen Ort der Begegnung werden.

 

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Der Begegnung mit der Geschichte der Stadt kann man praktisch nirgends aus dem Weg gehen. Am Abend im luxuriösen Phoenician Hotel an der mondänen Corniche von Saint George, wo in der Marina beeindruckende Superyachten vor sich hin dümpeln, drängt sich unweigerlich das Holiday Inn Hotel ins Bild. Es wurde 1975 just an jenem Tag eröffnet, als der Bürgerkrieg ausbrach, und wird seither von der Armee als Stützpunkt verwendet. Nicht eine Fensterscheibe ziert das Hochhaus, ein ausgebranntes Betonskelet, noch so ein gespenstisches Mahnmal, und auch noch mit direktem Blick auf jenen Ort, wo eine mächtige Explosion Rafiq al-Hariri, seine Leibwächter und fünfzehn passanten tötete, gleich neben den modernen Immobilien Projekten auf dem angeschütteten Land, mit welchen der Bauunternehmer sein Vermögen gemacht hatte. Letztes Jahr hat das UN Tribunal Haftbefehle für vier Hisbollah Mitglieder ausgestellt, die Libanesen haben wieder einen Christen zum Premierminister gewählt, die Bauindustrie boomt wie eh und jäh, am Abend sitzt man ausgelassen im Café und genießt entspannt Schischa oder Whisky, ganz nach persönlicher Vorliebe.

 

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Geschichtliches

Der Libanon, einst als Schweiz des Nahen Ostens bekannt und beim Jet Set beliebt, stand nach dem Untergang des osmanischen Reiches von 1919 bis zur Unabhängigkeit 1943 unter französischem Mandat. 1945 war der Libanon Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und erlebte eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Hochblüte.

1970, nach dem als `Schwarzer September´ in die Geschichte eingegangenen Bürgerkrieg in Jordanien, verlegte die PLO ihre Kommandostrukturen und machte den Südlibanon de facto zu ihrem Hoheitsgebiet. 1973 brach der offene Bürgerkrieg aus, Interventionen der Nachbarländer Syrien und Israel waren die Folge, nach einem Anschlag auf eine Linienautobus in Tel Aviv mit über 100 Toten und Verletzten marschierte die israelische Arme im Südlibanon ein, fünf Tage später beschloss die UN die Entsendung von Beobachtern, den sogenannten Blauhelmen. 1983 kommen bei einem Selbstmordanschlag auf die amerikanische Botschaft in Beirut 60 Menschen ums Leben, daraufhin beschießt erstmals auch die US Navy syrische Stellungen im Libanon, erst 1990 führen Verhandlungen endlich es zu einem Friedensvertrag.

Daraufhin beruhigt sich die Lage schnell, der Wiederaufbau beginnt, und der saudisch-libanesische Milliardär Rafiq al-Hariri beginnt eine wichtige Rolle zu spielen und wird schließlich Ministerpräsident.

Der Süden des Landes ist jedoch weiterhin von Syrischen Truppen besetzt, erst nach einem Attentat, dem Hariri und seine sieben Leibwächter zum Opfer fallen, ziehen sie auf internationalen Druck hin ab. Nach der Entführung zweier israelischer Soldaten durch Mitglieder der Hisbollah, die auch in der Regierung vertreten ist, bricht 2006 der zweite Libanonkrieg aus, nach knapp einem Monat wird ein Waffenstillstand erreicht, gleichzeitig stockt die UN ihre Truppen auf und erteilt ihnen ein `Robustes Mandat´, welches auch aktives Eingreifen erlaubt.

 

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Tipps
Warum das Hotel Phoenicia nur ein Viersternhaus sein soll versteht keiner, es bietet seit fünfzig Jahren nahöstlichen Luxus vom feinsten, vom riesigen Pool bis zum Frühstücksbuffet an dem auch der Emir keinen Grund zum klagen hat, und das Alles mit Meerblick! Ab 385 $. www.phoeniciabeirut.com
Seinem Namen alle Ehre macht das Albergo, ein Boutiquehotel in der Altstadt, jedes Zimmer ist individuell gestaltet, ein Hauch vom alten Beirut weht durchs Haus. Ab 350 $ www.albergobeirut.com
Darüber hinaus bietet es eine Dachterrasse, welche von Niccola Offredi, dem besten italienischen Koch der Stadt allabendlich in ein Restaurant unter Sternen verwandelt wird.
Ganz dem französischen Einfluss der libanesischen Küche hat sich das Couqley verschrieben, das authentische Bistrot in der Rue Gouraud im Nightlife Bezirk von Gemmayze wird dementsprechend allabendlich von der verwöhnten Bourgeosie Beiruts frequentiert. www.couqley.com
Als bestes Fischrestaurant gilt das Al Sultan Brahim, 1968 direkt an der Uferstraße von den drei El-Ramy Brüdern gegründet, empfängt es seit 1976 gleich neben dem Phoenicia seine Gäste wieder mit einer Leistungsschau der libanesischen Küche. Vom Personal sollte man sich aber nicht allzuviel erwarten… www.al-sultanbrahim.com
In der Bar The Angry Monkey (www.theangrymonkey.co) in Gemmayze trifft sich die Jugend nach dem Essen auf kreative Drinks, Kreative zieht es eher nach Hamra in die February 30 Bar in der Alleyway (einfach fragen-kennt jeder!)
Die reichen und schönen ziehen exclusive Roof-Top-Clubs vor, wie etwa die Sky Bar (www.sky-bar.com). Um dort reinzukommen sollte man jedoch entweder blond und weiblich sein, oder den Consierge reservieren lassen!

 

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WIENER371_000_Beirut-Reisereportage_5s.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2013/04/27 um 09:46 veröffentlicht. Er wurde unter beirut, byblos, libanon abgelegt und ist mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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