homolka_reist

kulturhauptstadt im werden

Dass Marseille kein romantisches Hafendorf an der Cote d´Azur ist darf als bekannt vorausgesetzt werden, dennoch trifft einen die ganze Wucht einer Millionenstadt im Umbruch erst mal doch ziemlich unvorbereitet. Noch dazu, wenn man das Pech hat, zu früh zu kommen, wie es mir passiert ist, Jahreszeitmässig wie auch anscheinend was die Vorbereitungen zur Ausrichtung der Europäischen Kulturhauptstadtfestivitäten anlangt.

Der Südwind blässt dicke dunkle Wolken vom offenen Meer über die Stadt, kühl und unfreundlich ist der Empfang, und wenn Menschen auf der Strasse zu sehen sind machen sie sich an irgendeiner Baustelle zu schaffen. Die Strasse um den alten Hafen wurde den Automobilisten entrissen, glücklich sind sie hier genau so wenig wie überall sonst, dafür könnte man jetzt gemütlich um das Hafenbecken promenieren und den Fischern beim entladen ihres Fangs oder den Freizeitkapitänen zusehen, wie sie ihre Yachten auslaufbereit machen. Aber wegen des Sturmes bleiben sie alle lieber zu Hause, auch auf dem reflektierenden Stahlbaldachin den Sir Norman Forster als Symbol der Kulturhauptstadt auf den weiten Platz gestellt hat turnt heute kein Arbeiter herum. Offiziell gilt das Werk als vollendet, darunter hat auch die feierliche Eröffnung im Jänner stattgefunden, aber Bauschutzfolie und Absperrbänder signalisieren eindeutig: hier ist noch was zu tun.

Auch in Le Panier, das Altstadtviertel am Hügel direkt neben dem Hafen, wird noch fleissig gearbeitet, allerdings nicht mehr jetzt um halbfünf, da holen Eltern ihre Kleinen von der Volksschule ab, kurz erfüllt aufgeregtes Kindergeschnatter die engen Gassen, wird leiser, verstimmt, nur der Wind bläst oben auf der Place de le Moulins vernehmlich gegen die runden Gebäudestümpfe, auf denen früher Windräder rotierten um Energie und Wasser auch hier oben am Gipfel verfügbar zu machen. Der Ort erinnert an ein griechisches Inseldorf, und das gar nicht mal ganz zufällig, vor 2600 Jahren haben Seereisende aus Kleinasien den perfekten Hafen entdeckt, der noch Jahrtausende später der Stadt zu Macht und Reichtum verhelfen sollte, und blieben. Wie überall haben sie ihre steinernen Spuren hinterlassen, die Kaimauer aus massiven Steinquadern kann man in einer Baugrube begutachten, auch die Galerie Lafayette direkt daneben schaut nach Ruine aus, wird aber bei laufendem Betrieb umgebaut. Es hat ganz den Anschein, als wollte Marseille erst gar nicht als fertige Stadt erscheinen, schon zweieinhalb Jahrtausende im Entstehen und noch immer lange nicht am Ende.

Noch etwas haben die Griechen hier gelassen, sie nennen es Kakavia, aber Bouillabaisse klingt natürlich viel besser und für diese ist Marseille immerhin berühmt. Ohne falsche Bescheidenheit hat sich Christian Buffa die Website www.bouillabaisse.com gesichert, in seinem `Restaurant Gastronomique Le Miramar´ möchte ich mich überzeugen, ob er zu Recht als Der Meister seines Fachs angesehen wird, wie die Einheimischen behaupten, oder doch der Andere im kleinen Schmuglerhafen Vallon des Auffes, wäre ja seltsam, wenn sich Alle einig wären. Trotz des schlechten Wetters ist der Nachschub an Meeresgetier offensichtlich gesichert, immerhin vier Tonnen verkochen Buffa und seine Gang jede Woche, da darf man nicht von Poseidons Gnade abhängig sein. Was hier serviert wird nennt sich `Royal´, und wahrlich königlich beginnt die Menüfolge mit einer Reihe von raffiniert modernisierten Kleinigkeiten als Gruss von der Küste. Die späteren Teilnehmer der Suppe werden dem Gast noch rasch unzerkocht präsentiert, schauen nett aus, ja, die will ich, und ab in den Topf. Während ich auf das lukullische Ergebnis warte erklärt mir der Chef die Grundregeln der Zubereitung, die wichtigste ist schon im Namen enthalten, bouille a baisse, pomali gekocht würde der Wiener sagen, nur ned hudeln, so kann sich der Geschmack schön entfalten. Und ganz nebenbei habe ich so auch einen weiteren Mosaikstein zm Verständnis der Stadt und ihrer scheinbaren Glecihgültigkeit gegenüber ihrem Status als Kapitale der europäischen Kultur erhalten. Der zur Fischsuppe genossene, und übrigens auch bei ihrer Entstehung reichlich verwendetete, Pernod erweist sich als äusserst hilfreich, Marseille mit anderen Augen zu sehen und die auf das, den Rest des Jahres wohl als Sonnenschutz dienende, Zeltdach trommelnden Tropfen zu vergessen.

Der nächste Morgen sieht auch gleich ganz anders aus, hat aber nichts mit dem Wetter zu tun, sondern mit der inneren Einstellung. Es ist doch immer das Gleiche, erst wenn maEtwas näher kennen lernt, beginnt man zu verstehen. Im Bestreben meine Kenntniss zu vertiefen habe ich einen alten Bekannten aktiviert, Journalist, seit über 50 Jahren hier heimisch, Motorradfahrer wie ich. Er holt mich vor dem Hotel im Hafen ab, entschuldigt sich für den alten Motorroller, mit dem er mich chauffiert, und dafür, dass er nicht wirklich gut Englisch spricht. So etwas hört man von einem Franzosen sonst nicht, die sind eher indigniert, wenn der Gast ihr Idiom nicht beherrscht, doch Marseille ist da ganz weltoffene Hafenstadt. Schon im Flughafenbus krächzen die Durchsagen in Französich, Arabisch und Englisch aus dem Lautsprecher, in der Stadt hört man dazu noch Italienisch und eine Menge von Dialekten und Mischungen der obigen Sprachen. Und zwar überall, Ghettobildung ist kaum festzustellen, man hat sich über die Jahrhunderte arrangiert, auch im Viertel von La Pleine, wo Philippe aufgewachsen ist. Das Quartier etwas oberhalb des Hafenviertels, in das sich sonst kaum ein Tourist verirrt, liegt rund um einen grossen, flachen Platz, der ihm den Namen gegeben hat, an dem heute unter den Bäumen der Wochenmarkt abgehalten wird. „In meiner Kindheit haben hier die Bauern aus der Umgebung verkauft, da war das hier eher ein bürgerlicher Wohnbezirk“, kommentiert Philippe die Veränderung, heutzutage findet man hier eher billige Haushaltswaren und Bekleidung aus wohl eher östlicher Fabrikation. „Die Wohlhabenden wohnen mittlerweile alle in Villen an der Corniche Kennedy mit Meerblick, aber seit Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts steigen die Mieten hier wieder deutlich, wie überall in Marseille.“ Ob es denn in seiner Jugend, immerhin der Zeit der Hochblüte der French Connection und der korsischen Mafia in Marseille hier gefährlich gewesen sei, erkundige ich mich vorsichtig. „Aber nein, seit ich hier lebe, immerhin über fünfzig Jahre, bin ich nicht einmal überfallen, ausgeraubt oder auch nur belästigt worden. Und meine Mutter auch nicht“ weist er meine Unterstellung brüsk zurück. Aber wie sieht´s denn dann mit den sattsam bekannten Drogenkriegen aus, die der Stadt zu einschlägiger Berühmtheit verholfen haben. Ja, das ist etwas anderes, bestätigt er, die waren natürlich an der Tagesordnung, und dank seines besten Freundes aus der Schulzeit verfügt er auch über intime Kentnisse des Geschäfts. Der ist nämlich der Sohn des als `Monsieur Paul´ zu zweifelhaftem Ruf gelangten Boss der French Connection Paul Damien Mondoloni. Er hat natürlich nicht hier heroben gewohnt sondern in einem repräsentativen Bau am Prachtboulevard Le Cannebiere, wenn er nicht gerade auf Geschäftsreise war. Entweder in einem der Labors, die über die Provence verstreut in Gütern und Höfen die Rohware zu Heroin verarbeitet haben, oder aber auch gerne in Mexico, von wo er den Kontakt zu höchsten amerikanischen Geschäftsfreunden pflegte. Angeblich auch zum Geheimdienst, der sich seiner Verbindungen zwecks Organisation eines Jobs in Dallas im November 1963 bedient haben soll. Die freundschaftliche Beziehung rührt wohl aus Mondolinis Schieber- und Waffenschmugglerzeit im Zweiten Weltkrieg her, den Sprung in die Schlagzeilen schaffte er mit dem Diebstahl der Diamanten der Begum, Gattin des Aga Khans, im Wert von über 200 Millionen Franc, zu Kriegsende in Paris. Seitdem gilt übrigens auch der von ihm verwendete Fluchtwagen, ein Citroen 15 CV Traction Avant als typisches Mafiaauto.

„Da war es natürlich an der Tagesordnung, dass man im Café sass, plötzlich ein Motorrad anhielt, bam bam bam, zwei Gäste sackten in ihren Sesseln zusammen, und schon war´s wieder vorbei!“ Also doch! „Ja, das ist halt die Berufskrankheit der Dealer. Aber solange man nichts mit dem Drogenhandel zu tun hatte, war Marseille immer schon eine der sichersten Grossstädte der Welt!“ Natürlich ist auch der Vater seines Schulfreundes an der Berufskrankheit gestorben, „ich habe ihn mit Paul junior damals 1975 identifiziert“, der Sohn hat sein Erbe nicht angetreten, ist nach Argentinien ausgewandert, sicherheitshalber. Also alles Geschichte, keine plötzlichen Todesfälle mehr im Café? „Mais no! Also jedenfalls nur mehr ganz selten, letztes Jahr war zwar wieder ´was, aber wie gesagt – Berufsrisiko!“

Eine Einschätzung, die auch Ulrich Fuchs teilt. „In Marseille fühle ich mich jedenfalls sicherer, als in so mancher europäischen Grossstad wie London oder Paris!“ Er lebt jetzt schon einige Jahre hier, ist als Generaldirektor für das kulturelle Programm zuständig, und hat mit der Eröffnungszeremonie am 18. Jänner schon gezeigt, wie sich Marseille heute sieht. Nach fünf Minuten Lärm aus allen Schiffssirenen, von den Glocken und Hupen und einem totalen `black out´ erstrahlte der Vieux Port und die Stadt im grellen Licht eines Feuerwerks, „wie Phönix aus der Asche“ meldet sich Marseille zurück aus dem Dornröschenschlaf. Seit im Jahre 2000 der TGV die Metropole am Mittelmeer mit der Hauptstadt verbindet und umfangreiche Infrastrukturmassnahmen zu greifen begonnen haben, kann Marseille wieder zeigen, was es immer schon war. Der grösste Hafen am europäischsten aller Meere, und gleichzeitig Nahtstelle nach Süd, Ost und West.

Wo früher Einwanderer einer Gesundheitskontrolle unterzogen wurden, hat das `Museé des Regards de Provence´ im historischen Gebäude aus den neunzehnzwanziger Jahren bereits seine Pforten geöffnet, als eines der Ersten übrigens. „Ja, wir haben Glück, unser Haus wird von einer privaten Stiftung betrieben. Es macht vieles leichter, wenn man nicht durch alle Instanzen muss, um Entscheidungen zu finden“, erklärt Direktrice Adeline Granerau begeistert.

Rundherum ragen noch die Baukräne in den Himmel, Umleitungen machen es manchmal nicht leicht, den Eingang zu finden. Hätte das Alles nicht schon längst fertig sein sollen? Ganz und gar nicht, findet Ulrich Fuchs, „erstens befinden wir uns mitten im 1995 begonnen Euromediterranee Programm, das die Entwicklung der Stadt angestossen hat und auf 25 Jahre angelegt ist. Und ausserdem bedeutet Kulturhauptstadt nicht, dass wir irgendetwas Veranstalten, und nächstes Jahr ist alles wieder vorbei.“ Somit hat der Besucher die einmalige Gelegenheit, eine wahrhaft lebendige Stadt in einem ganz besonderen Entwicklungsstadium zu erleben. Das Kulturhauptstadtjahr selbst ist in drei Abschnitte geteilt, demnächst folgt der zweite Gang, „wie eine Menüfolge, und man darf bei der Zubereitung zuschauen!“ Schon wieder so eine gastronomische Analogie, bis zum Desert im Spätherbst gibt es zwischen den Hauptgängen auch eine Menge Zwischengerichte, Amouse Bouches und Leckerbissen, und das nicht nur im Salon in der Stadt sondern weit darüber hinaus in der Provence, Bon Appetit!

WIE378_000_Marseille_5s-1 Kopie .pdf

Dieser Beitrag wurde am 2013/04/27 um 11:29 veröffentlicht. Er wurde unter frankreich, kulturhauptstadt, marseille abgelegt und ist mit , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: