homolka_reist

begegnungszone

Wenn man sich Istanbul heute so anschaut kann man sich vorstellen, dass der Präsident manchmal sein Volk nicht mehr verstehen mag. Da hat er ihnen so schöne Einkaufstempel hinbauen lassen, der befreundeten Bauindustrie die Möglichkeit gegeben, Malls zu bauen, die ihresgleichen suchen, selbst aus den Emiraten fliegen die Kunden ein, um in Istanbul zu shoppen, und dann sind sie erst wieder unzufrieden. Dabei sollten die Bewohner der Innenstadt doch nur auch endlich in den Genuss der wunderbaren neuen Konsumwelt kommen sollen, hätten am Taksim Platz endlich auch vollklimatisiert ihre geliebte Markenware erstehen können, statt mühsam in der Istiklal Caddesi und ihren Nebengassen auf Bargain Hunting Safari gehen zu müssen.

Der Komerz steckt den Bewohnern der Stadt ja im Blut, seit seiner Gründung ist sie schliesslich eines der wichtigsten Handelszentren der westlichen Welt. Das hat schon Kaiser Konstantin eingesehen, Rom war damals noch sehr entlegen, all die begehrenswerten Luxusgüter kamen ja aus dem Morgenland. Genau wie im fünfzehnten Jahrhundert die Osmanen, die wohl auch weniger religiöse als wirtschaftliche Motive hatten, sich die Stadt unter den Nagel zu reissen, welche sie, romantisch veranlagt wie sie nun mal waren, `Tor zum Glück´ getauft hatten. Der grosse Bazar war damals schon ein einzigartiger Umschlagplatz duftender Gewürze und geschmeidiger Gewebe aus dem Orient, auch die Genueser hatten schon eine Filiale eingerichtet, drüben, auf der anderen Seite des Goldenen Hornes in Galata, vorgeblich benannt nach den Galliern, wahrscheinlicher aber wegen des `calata´, des Abhangs, auf dem die Ansiedlung lag, und damit eine katholische Niederlassung begründet, welche auch die islamisierung Osteuropas anstandslos überdauerte.

Und auch heute sucht man in Pera oder Beyoglou, wie das Viertel nunmehr genannt wird, vergeblich nach orientalischer Folklore, vielmehr hat sich dort eine Boutiquenszene etabliert, wie man sie von einer modernen Metropole erwarten darf. Und auf der Istiklal Caddesi, der durchwegs mitteleuropäisch anmutenden Einkaufsstrasse, die seit der vorletzten Jahrhundertwende als Hauptschlagader des Istanbuler Geschäftslebens fungiert hat, finden sich die meisten jener Kettenläden, die beispielsweise auch auf der Mariahilferstrasse in Wien das Bild prägen. A propos: auf ihrer ganzen Länge wird die Istiklal von einer Tramway bedient, sonst ist sie schon lange den Fussgängern vorbehalten, Begegnungszone heisst das ja neuerdings, und in Istanbul funktioniert das ganz prächtig, machen Sie sich einfach selbst ein Bild!

Von der Tram steigt man an der unteren Endstation in den `Tünel´ um, die zweitälteste U-Bahn der Welt, wenn auch die kürzeste. 1867 vom Sultan in Auftrag gegeben, um das Vieh aus dem Hafen direkt auf die Weiden von Pera zu bringen, ohne die feudale Gegend um den Galata Serail zu verschmutzen, war sie bei der Eröffnung 1875 dann doch eher eine beliebte Aufstiegshilfe für die Besucher der zahlreichen Etablissements von Pera. Die gibt´s noch immer, auch wenn der Präsident, angeblich ob der auf den engen Gässchen platzierten Tischchen und den daran dem Alkohol zusprechenden Türken am Vorankommen gehindert, vielfach versucht hat, wieder `ordentliche´ Verhältnisse herzustellen. Allah sei Dank ist ihm das nur bedingt geglückt, wenn man in der Vinothek Sensus das Angebot erstklassiger türkischer Weine und die lokalen Kenner beim verkosten betrachtet braucht man sich keine Sorgen machen.

Die Doyenne der jungen türkischen Modeszene residiert auch nur eine Seitengasse weiter, aus der Boutique von Bahar Korçan kommen modern und sexy gekleidete Damen, man sieht Bahars Entwürfen die Erfahrung als Ausstatterin in Theater und Film an, dezent und doch effektvoll, nur Heimatfilme hat sie sicher nicht ausgestattet. Die Tatsache, dass sich die Gallionsfigur und offizielle Repräsentantin der jungen Designerszene in diesem, bis vor gar nicht allzu langer Zeit verrufenen, Viertel angesiedelt hat, führte zu einem veritablen Boom, die Gentrifizierung ist weit fortgeschritten, `man´ wohnt jetzt hier, zu mindest unter der Woche. So erspart man sich auch die sonst unvermeidlichen Megastaus auf den ständig verstopften Strassen Istanbuls, die M3 Metrolinie, die Tünel mit den stetig und rasant wachsenden luxuriösen Wohn-, Business- und Shopping Vierteln verbindet bringt da mit ihren derzeit zwölf Stationen nur oberflächliche Linderung.

Auch Istinye Park hat keine eigene Station, was den wohlhabenden Kunden immerhin die Möglichkeit eröffnet, mit ihren Oberklasselimousinen am Parkplatz vor dem Haupteingang am Jahrmarkt der Eitelkeiten teilzunehmen. Natürlich nur, wenn die Karosse in der absoluten Oberlige mitspielt, das Mindeste wäre Mercedes S-Klasse, besser kommt da schon ein Bentley oder Porsche Geländewagen, wirklich auffallen tut man aber nur mit Ferraris und vergleichbaren Schmuckstücken. An der Einfahrt sortiert ein Uniformierter minderwertige Fahrzeuge aus, verbirgt sie in der Tiefgarage, auf dass sie nicht das hehre Ensemble der Flagshipstores von Louis Vouitton, Prada, Hermes und Konsorten verunzieheren. Die feinsten aller Marken teilen den Vorplatz unter sich auf, in den Shops lagert Ware in den Regalen, als wären es Diskontläden. In der eigentlichen Mall, die den Besucher mit einem riesigen Atrium empfängt, wird ebenfalls nicht gekleckert, auch dort bieten nur renommierte Firmen ihre Waren feil, für frei werdende Lokale gibt es eine Warteliste.

Auf der steht auch der Name von Atil Kotoglu, dem türkischen Couturier aus Wien, oder umgekehrt, er scheint sich selbst nicht ganz sicher zu sein, von seiner Heimatstadt schwärmt er genau so überzeugend wie von Istanbul. Er hofft, bald hier einen Shop eröffnen zu können, am heutigen Samstag Nachmittag trifft er sich, wie so viele aus der Umgebung, in einem der reichlich vorhandenen Cafés mit Freunden, um gemeinsam den neuesten Blockbuster auf einer der zwölf Leinwände des Cinemax zu sehen.
Wochentags trifft man ihn in feinen Nisandasi, dem Businessviertel beim Zentrum, wo die Luxusboutiquen ganz altmodisch in distinguierten alten Häusern zu finden sind, und Cafés und Bars ihre stets besetzten Tischchen am Gehsteig platziert haben. Dort, in seinem diskreten Studio im Halbstock, empfängt und berät er seine Kunden, häufig Damen der besten Gesellschaft, auch Frau Erdogan hat sich schon erkundigt. Heute darf er am Hochzeitskleid einer bekannten Fernsehjournalistin die letzten Korrekturen vornehmen, sie heiratet demnächst einen einflussreichen Bauindustriellen, alles streng geheim. Als wir sie allerdings nach getaner Arbeit im Schanigarten der Brasserie des Modehauses Beyman wieder sehen, kann der glückliche Bräutigam seine Vorfreude nicht verhehlen, schmeisst eine Runde Drinks für Alle, überschwengliche Glückwünsche schallen über die Gasse. Und nach all dem Lärm und der Geschäftigkeit des Tages wird Istanbul fühlt sich die Millionenmetropole wie ein mediterranes Dorf an.

Tipps

Wohnen
Hotel George
Wie erwähnt, hat sich das Viertel beim Galata Turm zum Hip-Viertel gewandelt, das ist´s nur logisch, dass dort auch ein exquisites Boutique Hotel zu finden ist. Im akribisch renovierten Jahrhundertwende Haus finden, neben einem französisch inspirierten restaurant und einer feinen Bar, 20 luxuriöse Zimmer Platz, einige davon sogar mit unbezahlbarem Blik auf Sultanahmed, das Goldene Horn und den Bosporus!
Serdar-i Ekrem Sokak 24, Galata
www.georges.com

Essen
Cezayir
Was für die `Italienische Arbeiter Wohlfahrt´ 1901 gut war, genügt heute den Ansprüchen gehobenen Genusses. In der romantischen Gründerzeitstadtvilla wird fein gekocht, in der Lounge gechillt, im Garten nach dem Aufstieg Luft geschöpft. Denn das Cezayir liegt am obersten Ende einer Gasse, die eigentlich eine Treppe ist, an deren Absätzen Lebens- und sonstige Künstler in zahlreichen kleinen Bars und Cafés Gott und die Welt in Frage stellen.
Hayriye caddesi 12, Galata
www.cezayir-istanbul.com

Trinken
Frankie´s
Derzeit angesagteste Bar in Nisantasi auf der Dachterrasse des Sofa Hotels, hier treffen die jungen Reichen die Schönen aus der Istanbul Fashion Akademisi
Harbie Mh. Tesvikiye caddesi, Nisantasi
www.thesofahotel.com

Sensus
Hippe Vinothek neben dem Galata Turm, die besten türkischen Weine, zeitgemässe mediterrane Snacks
Büyükhendek caddesi 5, Beyoglu

Shopping Adressen

Atil Kutoglu
Wiener Charme, Istanbuls Drive, internationale Eleganz
Bostan sokak 9/2, Nisantasi
www.atilkotoglu.com

Bahar Korcan
Primadonna und Trendsetterin der türkischen Modeszene
Serdar-i Ekrem sokak 9, Galata
www.baharkorcan.org

RCR Modus Vivendi
Genuin türkische Mode im Stil von Armani
Mim Kemal Öke caddesi 16, Nisantasi
www.rcr.com.tr

Fashion Tunnel
Coop-Boutique junger türkischer Designer
Serdar-i Ekrem sokak 33/b, Galata
www.fashiontunnel.com.tr

istanbul_onrail.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2014/02/08 um 13:43 veröffentlicht. Er wurde unter istanbul, ONRAIL, türkei abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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