homolka_reist

remap athens

Das mag jetzt in Ihren Ohren vielleicht paradox klingen, aber ich kann Ihnen sagen: Athen boomt! Schaut auf den ersten Blick vielleicht nicht so aus, auch drückt die Athener der eng geschnallte Gürtel immer noch schmerzlich. Doch eine neue Generation bringt mit Kunst und Kultur frischen Wind in die Stadt.

Sie glauben mir nicht? Dacht´ ich mir schon, deshalb gehen wir gleich ins Museum, das grosse nationale auf der Patission, das `Strasse´ spart man sich in Athen, keine Zeit. Im eleganten klassizistischen Bau des Theophil Hansen Schüler Ernst Ziller warten unzählige einzigartige Fundstücke auf staunende Besucher, nicht wenige davon vom Meeresgrund geborgen, fatale Navigationsirrtümer waren damals an der Tagesordnung. Kennt man eh, klar, aber derzeit gibt´s eine Sonderausstellung, die ist einem Ding gewidmet, welches, wäre es nur an seinem Bestimmungsort angekommen wäre, der Menschheit den Computer schon vor ettlichen Jahrhunderten beschert hätte. Bei dem, zugegebener Massen arg oxydierten, Exponat handelt es sich um den `Mechanismus von Antikithira´, einer faszinierenden Apparatur, mit dessen Hilfe sich der Gang der Gestirne absolut exakt berechnen und nachspielen liess. Schlichte Zeitgenossen werden an Hexerei geglaubt, wahre Kenner wohl schon damals die Tragweite der Erfindung erkannt haben. Ist aber leider untergegangen, und damit auch die Chance der hellenistischen Welt auf ihren Machtanspruch.

Tritt man aus dem Museum, fällt der Blick erst mal auf einen wenig attraktiven Stadtteil jenseits des Patission Boulvards.Blickt man hingegen nach links, lockt an dessen südlichem Ende die hell strahlende Silhouette der Akropolis. Lassen Sie sich nicht blenden, der Weg dorthin führt durch die Verkehrshölle, stattdessen sollte man gleich hinauf nach Exarcheia abbiegen. Glauben Sie sich den drastischen Warnungen angeblicher Auskenner, welche die Gegend als Heimat der Anarchisten verunglimpfen. Tatsächlich findet man hinter den bunten Tags und Comics hier ein Stück echtes altes Athen, besonders empfohlen sei der Samstag. Da verwandelt sich die Kalidromiou Strasse unter dem Streffi Hügel in einen lebhaften Wochenmarkt, Produzenten aus dem Umland preisen ihr Gemüse an, Fischer aus Piräus den nächtlichen Fang, Lautstärke und Kreativität im Anpreisen konkurrieren mit der Qualität des Angebots um die Aufmerksamkeit kritischer Omis, am Wochenende kommt für die liebe Familie nur das Beste auf den Tisch! Mittendrin irren vom Lärm aus dem Schönheitsschlaf gerissenen Photomodelle umher, die im legendären Hotel Orion auf Jobs warten, wenigstens geniessen sie bei ihrem frugalen Frühstück auf der Terasse den besten Blick der Stadt.

Ihren Appetit können Sie stillen, wenn Sie die Benaki drei Blocks hinunter schlendern stossen sie auf die offenen grünen Türen der Taverna Barba Yiannis, wo man seine Wahl noch an der Vitrine vor der Küche treffen kann. Am Wochenende besonders beliebt ist der Schweinsbraten mit Erdäpfelsalat, das klassische Festessen der Athener. Den Café nimmt man dann auf der Plateia, dem `Platz´ und Mittelpunkt von Exarcheia, beliebter Treff alternativer Jugendlicher jeden Alters. Im Café Floral geniesst man nicht nur den mittlerweile zum griechischenStandardgetränk gewordenen kalten Cappucino Freddo, sondern kann auch in Büchern über Design und Architektur stöbern. Das trifft sich gut, befindet man sich hier doch im Souterrain des als `Blue Building´ in die Geschichte als erstes griechisches Appartementhaus eingegangene Werk von Konstantin Antonopoulos aus dem Jahr 1932, einem frühen Beispiel modernistischer Architektur.
Unweigerlich treibt man von der Plateia die Themistokleous hinunter, gleich im ersten Block laben sich Kenner jeden sozialen Hintergrundes in der Souvlaki Bar `Kavvouras´. Auf dem meterlangen Holzkohlengrill brutzeln allzeit köstliche Fleischspiesschen, mit ein wenig Zwiebel, Tomate und Tzaziki blitzschnell in eine knusprige Pita gewickelt ergibt das immer noch das beste und authentischste Fastfood.

Über die Hauptverkehrsachsen Solonos, Akadimias und Panepistimiou, deren ofiziellen Namen Leoforos Venizelou übrigens kein Athener kennt, gelangt man in weiterer Folge zur Stadiou, die innerste der drei grossen Ringstrasse. Deren Überquerung erfordert Mut und Reaktionsschnelligkeit, doch danach hat man mit der verkehrsberuhigten Aeolou das Fussgängerfreundliche Zentrum erreicht. Nach dem grosszügigen Kotzia Platz, von dessen anderer Seite das klassizistische Rathhaus grüsst stösst man auf die Sofokleous, deren Strassenname in Vor-Euro-Zeiten Synonym für die dortselbst befindliche Börse und die damit verbundenen unberechenbaren Währungs- und Kurssprünge stand. Mittlerweile zum fremdbestimmten finanzpolitischen Schmuddelkind Europas erklärt, steht das Gebäude seit vielen Jahren leer, das verstaubte Finanzzentrum bietet jedoch heuer der Athener Biennale stilvoll Unterschlupf, im Börsensaal kontrastiert kritische Kunst spannend die alte Pracht.

Nebenan werden noch immer lautstark Kurse ausgerufen, allerdings jeweils der aktuelle für Ziegen, Schweinehälften und allerlei Meeresgetier, auch schon seit Jahrhunderten. Der Fleisch- und Fischmarkt ist ein absolutes Highlight der an Attraktionen reichen Altstadt, auf der Athinas Strasse davor und den angrenzenden Stadtvierteln findet man zudem Alles, was zur Zubereitung und sonst im Haushalt gebraucht werden könnte, wirklich Alles!
Der alten Richtungsanweisung immer der Nase nach findet man automatisch die Evripidou mit ihren Gewürzgeschäften, weiter unten wird die Szenerie dann recht asiatisch, um das gepflegte Auftreten der Geschäftsleute kümmern sich pakistanische Barbiere, welche auch die spektakuläre Technik der Körperhaarentfernung mittels brennender Wattebäusche virtuos beherrschen.

An der Plateia Eleftherias, welcher wiederum ausschliesslich als Kumunduru bekannt ist, stösst man auf die Piraeous, auf der Karte als Tsaldari ausgewiesen. Am gegenüber liegenden Strassenufer kann man Viertel von Kerameikos dabei zusehen, wie es sich aus einem heruntergekommenen Stadtteil in ein neues Hoffnungsgebiet mausert. Erst haben Künstler die billigen Lager und Kontorhäuser als Ateliers entdeckt, die malerischen kleinen Bordelle haben sie nicht wirklich gestört. Mit `Remap Athens´ hat diese Entwicklung im heurigen Herbst ihre organisierte Präsentation erlebt, falls sie die Arbeit des aktuellen Biennale Direktors inspizieren wollen, finden sie diese in einem leer stehenden Laden an der Ecke Thermopilon und Keramikou. Vom zwielichtigen Charakter der Umgebung sollten Sie sich nicht irritieren lassen, Athen ist noch immer eine der sichersten Städte Europas. Und eine der interessantesten obendrein, lassen Sie sich ruhig überraschen!

Wohnen
Hotel Orion & Dryades
Wer die familiäre griechische Atmosphäre im Sommerurlaub schätzt, wird diese beiden Häuser lieben! Das Dryades ist etwas bürgerlicher ausgerichtet, das Orion hat sich vom weltbekannten Modelhotel zum gemütlichen Stammquartier von Kreativen und Intellektuellen gemausert. Aber das Beste ist die Aussicht von der Dachterrasse!
www.orion-drydes.com

Essen
Yperokeanio
Warum das Lokal `Ozeandampfer´ heisst erschliesst sich dem hungrigen Neuankömmling nicht sofort, auf den ersten Blick ist es schlicht eine dieser wunderbar einfachen Tavernen in einer `Stoa´. In dem einstigen Café in der Geschäftspassage bieten die jungen Eigentümer klassische kleine Gerichte an, am Oberdeck haben sie eine Pop-Up-Bar installiert. Sehenswert!
Od. Perikleous 56, Kentro

Trinken & Unterhalten
Six Dogs
Die Hunde manifestieren sich in Form von sechs kleinen Gassenlokalen und Bühnen, in denen wechselnde Ausstellungen, Konzerte und schwer klassifizierbare Aktionen ihre Bühne finden. Clou des Ensembles ist jedoch der Garten, den man nur unterirdisch erreicht. zwischen historischem Gemäuer stehen hier riesige Bäume, gefeiert und getrunken wird bis in den Morgen.
Od. Avramiotou 6-8, Plaka

Kunst & Kultur
BIOS
Das Zentrum für zeitgenössische und Cross Media Kunst residiert in einem nicht mehr ganz taufrischen architektonischen Kleinod des Modernismus. Direkt am rund um die Uhr pulsierenden Piraeus Boulevard, im Rücken das im radikalen Umbruch befindliche Keramikos Viertel, und in unmittelbarer Nähe des Kulturzentrums Gazi fühlt man hier den Puls der Stadt.
www.bios.gr

Shopping Tipp Souvenirs
Hellenic Art & Design
Nein, die Athener lassen sich die Plaka nicht vom Tourismus wegnehmen! Auch im Epizentrum von Fremdenführung und Kitsch halten sie die Stellung, eine Verteidigerin guten griechischen Geschmacks ist Kallitoi Spyrodonos. In ihrer kleinen Design Gallerie findet man reichlich Beispiele creativen Gestaltens, ideal auch als Souvenirs.
Chairefontos 10, Plateia Agia Ekaterini, Plaka
http://www.helenicartanddesign

athen_01:14.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2014/02/07 um 15:52 veröffentlicht. Er wurde unter athen, griechenland abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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