homolka_reist

jung, blond, haarig

Die vier soignierten Herren in ihren wallenden Jelebias deuten mit ihren Gehstöckchen mal dahin mal dorthin, unterhalten sich über die vollen Lippen, den langen Hals und die schlanken Beine der Kandidatinnen, besonders angetan scheinen es ihnen die grossen Füsse zu haben. Aus jeder Zehnergruppe wählen sie ein paar aus, die dürfen in die nächste Runde, dann wandern sie mit ernstem Blick weiter. Die ganze Woche Tag für Tag werden ihre kritischen, hinter dunklen Sonnenbrillen verborgenen, Augen im gleissenden Licht die Schönsten der Schönsten ermitteln, heute sind mal die Jüngsten dran.

Es soll ja viele gute Gründe geben, nach Dubai zu fliegen, und alle stehen sie im Superlativ. Das grösste, teuerste, höchste Wasweissich, manche beeindruckt das. Doch abgesehen von diesem Jahrmarkt der neureichen Eitelkeiten bieten die Emirate auch noch ein paar Reste von Beduinenkultur, man muss nur das Dorado der Immobilien Freaks verlassen und sich ins Landesinnere trauen.

Chef der Emirate ist der Emir von Abu Dhabi, Sheik Kalifa bin Said aus der Dynastie der al-Nahyan, ein weiser und gütiger Führer, ganz wie sein Vater Said bin-Sultan, man kennt den Archetyp aus den Fabeln des Morgenlandes. Kraft seines Reichtums ist er unumstrittener Stammesfürst, seit der Vereinigung der sieben Emirate vor 42 Jahren ist der Herrscher von Abu Dhabi automatisch auch Präsident und Regierungschef des gemeinsamen Ganzen. Weil nämlich bei ihm das Öl nur so aus dem Sand sprudelt und er ergo dessen stinkereich ist, Dagobert Duck ist dagegen ein armer Schnorrer.

Aber auch das Fussvolk in den Emiraten nagt nicht am Hungertuch, der Reichtum wird nach einem ausgeklügelten System über die Untertanen ausgeschüttet, so dass der gemeine Emirati nicht Hunger leiden muss, und auch was die Indiviualmotorisierung angeht kann er nicht klagen. Dementsprechend leistungsstark angetrieben ist Mann hier unterwegs -Frau übrigens auch, die Saudi-Schwestern können da nur neidig über die Grenze blinzeln- dicke SUVs, rasante Sportler und edle Limousinen drängen sich auf den Überholspuren.

Nun könnte man meinen, dass sich die Männlichkeit anlässlich von Zusammenkünften nach Art des GTI-Treffens feiern liesse, aber nichts da! Bei aller neumodischer Bling-Bling-Sucht haben sich die Wüstensöhne ihre Bodenständigkeit bewahrt, statt buntem Blech und zügellosen Pferdestärken zu huldigen erweisen sie dann doch lieber jeden Winter ihren alten Schicksalsgenossen und historischen Wegbegleitern, dem edlen Wüstenschiff die hoch verdiente Ehre beim Festival von Al Dhafra.

Wobei: ganz ohne Automobil geht´s natürlich auch nicht, auf der Schnellstrasse von der Küste in die Liwa Oase steigt der Adrenalinspiegel schon deutlich und so manche Rivalität zwischen den verschiedenen Emiraten wird mal über das Gaspedal geregelt. Aber nicht nur Menschen müssen reisen, auch die edlen Kamele kommen nicht alle per pedes. Nur die unmittelbaren Nachbarn treiben ihre Herden durch die Dünen, die können auch aus Saudi Arabien oder Oman kommen, der Rest chauffiert die Wüstenschiffe auf entsprechend dimensionierten Kraftfahrzeugen zum Festivalgelände.

Dieses erstreckt sich scheinbar unkoordiniert vom Ortsrand der Siedlung Mezairaa bis, na ja, irgendwo hinein in die Dünen, die Hauptachse bildet eine asphaltierte Zufahrtsstrasse, die vor einem luxuriösen Hotel in einem malerisch begrünten Kreisverkehr endet, passend zur Saison, wenn auch nicht zur vorherrschenden Religion, sind die Palmen am Entreé weihnachtlich geschmückt. Die breite Chausseé dient natürlich vorderhand dem Sehen und gesehen Werden, besonders stark motorisierte Fahrzeuge kann man auch weithin hören, das muss so sein, schliesslich reichen die verstreut liegenden Zeltcamps scheinbar bis zum Horizont. Da gibt es jene, welche majestätisch auf Dünen oder Hügeln thronen, umstanden von meterhohen Standarten ihrer gewichtigen Bewohner, Scheichs und Emire lassen keine Zweifel an ihrer Stellung aufkommen. Vorne parkt die strahlendweisse Wagenkolonne mit den schwarz getönten Scheiben, hinten die Sattelschlepper und Camper der Kamele und ihrer Treiber sowie die klimatisierten Wohnmobile der Jagdfalken. Und dann sind da jene ganz gewöhnlichen Lager in den windgeschützten Senken, in denen meist pakistanische Hirten sich um die Herde kümmern, ein paar dutzend Tiere, ein älterer Geländewagen und ein grosser Wassertank kompletieren die diversen Camps, so weit das Auge reicht. Gut und gerne zehn Kilometer in jede Richtung erstreckt sich diese Karavanseray, rechnen Sie ruhig selbst, das ergibt ein ziemlich ausgedehntes Festgelände, zu Fuss braucht man sich da erst gar nicht auf Erkundungstour begeben.

Aber genau deshalb baut Toyota ja seinen Land Cruiser, einen luxuriösen und dennoch ernsthaften Geländewagen, der die Wüsten der Welt erschlossen hat. Hier und heute parken ein paar Hundert davon neben und hinter der grossen überdachten Tribüne von der man ungestörten Blick auf ein paar Dutzend Gatter geniesst. In einem jeden wartet ein `Zehner´, das heisst zehn Kamele, gerade werden die unter dreijährigen Asayels unter die Lupe genommen, helle zarte Tiere, die in den Emiraten und im Oman heimisch sind. Fünf Bewerbe finden jeden Tag für die Asayels statt, dazu noch vier für die grossen dunklen Majahim aus Saudiarabien. Von den jeweils hundert Teilnehmern gewinnen die zehn Schönsten zwischen 18.000 und 30.000 Dirham in Bar sowie, je nach Sponsor, verschiedene Geländeautos, kann man immer brauchen.

Über die Kriterien klärt uns Ali Al Mansouri auf, er hat selbst ein paar Tiere im Wettbewerb und ist überdies im Organisationskommitee tätig. Ein langer Rücken kann entzücken, der Buckel sollte gross, der Hintern ausgeprägt sein, auch auf edle Haltung und schöne, gleichmässige Farbe kommt es an, nicht zu grosse, gerade Ohren, und schöne Nasenlöcher. Und, wie gesagt, lange Beine und grosse Füsse, oder wie das bei Kamelen halt heisst, was gar nicht geht sind Hautunreinheiten, klingt alles durchaus bekannt. Aber auch hier wird über Geschmack durchaus gestritten, Mansouris Ausführungen werden von einem daneben stehenden Züchter aus Jordanien engagiert kommentiert, der Dolmetsch tut sein Bestes, die divergierenden Ansichten unter Wahrung arabischer Höflichkeit zu interpretieren. Nichts desto Trotz schaffe ich es bis zum Abend nicht, unter den vielen hübschen blonden Asayel Teenies die angeblich offensichtlichen Favoritinnen zu erkennen. Und die Majahim gefallen mir sowieso nicht so gut, obwohl diese angeblich die wahren Schönheiten und ergo auch viel teurer sind, ich nehme einfach mal an, das verdanken sie ihren Schutzherren den Saudis, die prinzipiell immer recht haben.

Aber auch die weniger hübschen der anwesenden etwa 40.000 Wüstenschiffe haben beim Festival in Liwa Chancen auf einen Sieg, aber auch nur, wenn sie schnell sind. Während das Augenmerk der hochwohlgeborenen Eigner noch auf die Schönheitskonkurrenz gerichtet ist trainieren ihre leichtgewichtigen Jockeys schon auf der Rennbahn, die in Dubai unlängst in Mode gekommenen Roboter sind hier noch total verpönt. In riesigen Rudeln trotten die Tiere unermüdlich ihre Runden auf der unglaublich langen Rennbahn, heftig angefeuert von ihren wilden Reitern, nach absolvierter Trainingseinheit geht´s über die Hauptstrasse hinüber in die `Boxen´, aufdringliche Photographen bekommen mindestens so aggressive Kommandos zu hören, wie faule Traber, hier herrscht aufgekratzte Rennstreckenstimmung.

Ganz anders bei den Falknern, sie gewöhnen im Schutz der Dünen ihre edlen Greiffvögel an die ungewohnte Umgebung. Und hier stammen die Sieganwärter endlich mal nicht aus den Emiraten, dem Oman oder Saudi Arabien, nein, die Besten sind Österreicher, Bayern oder Böhmen, am liebsten vermehren sie sich halt doch in gemässigten Breiten. So richtig verehrt werden sie hier, reisen und logieren klimatisiert, aber lieben, nein, das nicht. Die wahre Zuneigung der Wüstensöhne gehört dann doch den treuen Kamelen, man kann´s ihnen nicht verdenken, wenn man in die treuherzigen Augen unter diesen herrlichen Wimpern blickt!

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Dieser Beitrag wurde am 2014/02/10 um 16:26 veröffentlicht. Er wurde unter abu dhabi, liwa oase, uae abgelegt und ist mit , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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