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die griechen spendieren dem kaiser einen musikverein

…und nicht nur das! Aus dem kollektiven Bewustsein sind sie gelöscht, doch griechische Händler wie die Sinas haben seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts jüdische Bankiers wie Rothschilds und Ephrussis in der Rolle als Financiers des notorisch klammen Herrscherhauses nach und nach abgelöst.Und, zum Beispiel, das heute wieder in alle Welt als Aufführungsort des Neujahrskonzerts übertragenen Wiener Musikverein mit ihrer Grosszügigkeit erst möglich gemacht!

Ein Jahrhundert nach ihrer Stiftung durch Kaiser Karl VI als Votivgabe nach dem Ende der Pest beziehungsweise ihrer Fertigstellung durch Johann Bernhard Fischer von Erlach, der mit seinen Plänen sowohl west- wie auch auch oströmische Elemente verwendet hatte, um den imperialen Machtanspruch der Habsburger als Herrscher von Gottes Gnaden in den entsprechenden Zusammenhang zu stellen, blickte die Karlskirche noch immer über den einst sumpfigen Platz an der Wien hinüber auf die Stadt. Doch deren Mauern waren mittlerweile gefallen, auf deren Trümmern und dem zum Stadterweiterungsgebiet mutierten Glacis wurde nach besten Kräften gebaut. Statt auf Gottes Gnaden war der Herrscher auf bürgerliche Financiers angewiesen, die Kriege des neunzehnten Jahrhunderts waren kostspielig gewesen, Metternichs Polizeiapparat detto, also nahm man Anleihen auf, wo man konnte, Die Rothschilds waren bereits zu den grössten Grundbesitzern Österreichs aufgestiegen, hatten auch schon ihre Palais beiderseits des Belvederes, neben deren Creditanstalt residierten die Ephrussi in ihrem neu errichteten Palais gegenüber der Votivkirche, doch abgesehen von diesen bereits wohlbekannten Clans haben noch einige andere dem Kaiser und seinem Reich unter die Arme gegriffen, und nicht alle waren Juden.

 
1863 stimmte Kaiser Franz Joseph dem Vorschlag der Stadterweiterungskomission beim Innenministerium zu, dem 1812 gegründeten Wiener Musikverein zwecks Errichtung eines Konzertgebäudes unentgeltlich ein dem Staat gehörendes Baugrundstück am Wienfluss gegenüber der Karlskirche zur Verfügung zu stellen. Mit dem Entwurf wurde Thophil von Hansen beauftragt, der Däne hatte sich nach dem Studium in Wien in Athen mit dem byzantinischen Baustil vertraut gemacht, was ihn zum Favoriten zweier bedeutender Unterstützer des Musikvereins und wichtiger Geldgeber beim Bau machte, namentlich des Vizepräsidenten der Gesellschaft Nikolaus Graf Dumba sowie Freiherr Simeon Georg Baron von Sina zu Hodos und Kizdia, wirklicher geheimer Rath und engagierter Mäzen. Wie etwa die Ephrussi waren die beiden Familien aus dem südöstlichen `Nachbarstaat´ des österreichischen, nämlich dem osmanischen Reich nach Wien gekommen, waren aber nicht Juden sondern Griechen aramounischer Herkunft, das heisst sie sprachen einen rumänischen Dialekt, der nach dem Ende der römischen Herrschaft über den Balkan als Souvenir in der Gegend zurückgeblieben war.

 
Simon Georg Sina der Jüngere wurde am 17 August 1810 in Wien in eine Bankiersfamilie geboren und, wie es im Biographischen Lexikon des Kaiserthums heisst, im Elternhause erzogen, “ durch bedeutende Glücksgüter noch bei Lebzeiten seines Vaters unabhängig gestellt, nach dessen Tode alleiniger Erbe eines unermesslichen Vermögens“ und nahm in der Gesellschaft bald eine Stellung ein, die ihn weniger als Besitzer solcher “ Reichthümer als vielmehr als Benützer derselben zu zu edelsten Zwecken beneidenswerth“ machten. Sein Grossvater, Giorgos Sinas, 1753 in Sarajevo als Sohn einer angesehenen Baumwollhändlerfamilie geboren, war um 1800 vor der unübersichtlichen politischen Situation am Balkan mit seinem in Nis zur Welt gekommenen Sohn Georg Simon nach Wien geflüchtet und hat von hier aus den Aussenhandel Österreichs mit dem Osmanischen Reich begründet, der bis dahin unbedeutend war.

Sina verstand es aus den Handelsfreiheiten, welche die Österreicher bei den Friedensverhandlungen mit den unterlegenen Osmanen für `Unterthanen seiner Majestät´ herausgehandelt hatten und der Erkenntnis, dass Österreich mit den als Vorbild für die wirtschaftliche Entwicklung erkannten Briten und Franzosen nur mithalten konnte, wenn es das osmanische Reich mit seinen billigen Resourcen als Lieferant für die hiesigen Manufakturen erschlösse, reichen Profit zu schlagen. Er handelte mit Baum- und Schafwolle, Holz und Kohle sowie Salz und Tabak, gründete ein Bankhaus, war 1810 bereits zum grössten Bankier Ungarns aufgestiegen, veranlagte sein Geld natürlich auch in Grund und Boden, einerseits, weil dies zwar geringen, aber sicheren Profit versprach, andrerseits wohl auch, weil auf diesem wege nicht Adelige als Grossgrundbesitzer ihren Status an jenen der Aristokratie annähern konnten, bald waren die Sinas die grössten Grundeigentümer in Ungarn und wurden, nachdem sie sich unter Anderem an der Finanzierung der Franzosenkriege substaziel beteiligt hatten, konsequenter Weise zu Freiherren von Hodos und Kizdia geadelt.

Die Sinas unterhielten Niederlassungen in allen europäischen Zentren wie Paris, Rom und London, aber auch in Odessa, Alexandria und Kairo, sogar in Indien war man aktiv, zählte neben Rothschild sowie Arnstein&Eskeles zu den bedeutendsten Bankhäusern und Kreditgebern der Monarchie, da konnten auch die Ephrussis nicht mithalten. Auf den Ländereien in Ungarn produzierten die Sinas unter Georg Simon dem Älteren schlisslich auch grosse Mengen der von ihnen gehandelten Produkte, mit der Erteilung der Konzession für die Errichtung und den Betrieb der Südbahn sowie der Linie über den Semmering sowie einer substanziellen Beteiligung an der Donaudampschiffahrtsgesellschaft verdiente man auch an deren Transport.

Daneben blieb immer noch Zeit für politische Betätigung, sowohl als Gouverneur der Österreichischen Nationalbank wie auch als Generalkonsul in Athen und vice versa war er, wie auch später sein Sohn, aktiv, wogegen sein Halbbruder Johann Simon mit seinen Unternehmungen wenig erfolgreich war, zwar teilte man sich die Direktionssitze in den Familienfirmen, doch die eigenen Zuckerfabriken und Bierbrauereien dürften wenig profitabel gewesen sein. Materiell hatten die Sinas in weniger als einem Jahrhundert all jene österreichischen Familien von Stand überflügelt, welche über Generationen hinweg ihren Reichtum erworben hatten, und auch in einer anderen Beziehung zogen sie mit denen von Auersperg, Stadion und Leidensgenossen gleich: als Simon Georg der Jüngere am 14 April 1876 starb erlosch mit ihm männliche Linie, wie bei jenen, mit ihm. Doch weil er vor seinem Ableben schnell noch den Neubau der Universität finanziert sowie den grossen Teil seines Vermögens in weitere wohltätige Zwecke investiert hatte mussten seine vier Töchter sogar das legendäre Familienpalais am Fleischmarkt an die Bank verkaufen, womit, in Ermangelung alten blauen Blutes, der Name zumindest in Wien in Vergessenheit geraten ist.

aus: Wien für Neugierige, Metro Verlag, ISBN 978-3-99300-122-3

Dieser Beitrag wurde am 2015/01/01 um 13:25 veröffentlicht. Er wurde unter österreich, wien abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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