homolka_reist

paulus predigt

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am dach des österreichischen hospiz

 

Der WIENER hat Paulus Manker anlässlich der Aufführung seiner ALMA 2009 in Jerusalem besucht. Und befragt.

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am pool des american colony, mit alma 1 donja golpashin

 

„Arschkriechen“, sagt Paulus Manker, „war nie meine Sache. Das ist auch eine Frage der Selbstachtung – auch wenn unser Beruf nicht wirklich wichtig ist. Aber wenn man ihn nicht einmal selbst mehr ernst nimmt, dann verliert er völlig seine Bedeutung.“ Mit „Alma“, seiner rasenden Theater-Show, ist der manische Macher in diesem Jahr in Jerusalem: „Dabei haben mir viele abgeraten, nach Jerusalem zu gehen, haben gesagt, ich soll doch nach Tel Aviv gehen. Selbst Joshua Sobol hat nicht daran geglaubt, dass es je funktionieren würde. Es laufen hier ja nicht nur orthodoxe Juden mit ihren Pelzmützen in der Hitze herum, die Christen sind genauso verwirrt, schleppen ihre Kreuze durch die Gegend und lassen sich annageln. Und die Moslems trampeln auf dem alten Tempel herum, weil sie jetzt dort ihre Moschee stehen haben. Jerusalem ist eine durch und durch verrückte Stadt, aber genau das zieht mich an. Tel Aviv ist ja gerade mal hundert Jahre alt, da kann ich auch nach Düsseldorf gehen oder nach Mistelbach. Aber Jerusalem ist einmalig, auch in der Verrücktheit, der Kompliziertheit, dem Wahnsinn, der sich hier ansammelt. Ein israelischer Autor hat gesagt, ,Jerusalem ist wie eine verwöhnte, großartige Frau, die es genießt, wenn man um sie kämpft. Und das hat viel mit unserer Alma zu tun‘.“

 

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rabinovich square

 

Mit der Aufführung hier in Israel haben Sie für Schlagzeilen gesorgt, das Stück wurde sogar zensiert. Beim israelischen Verteidigungsministerium, dem das Gefängnis, in dem wir spielen, untersteht, hat man Angst bekommen, dass sich religiöse Menschen an einigen Formulierungen erregen könnten – und deshalb mussten wir das Wort Nippel durch Rosebud ersetzen oder Cream statt Samen sagen. Dass dadurch in der Vorstellung der Zuschauer viel intensivere Phantasien entstehen, hat wohl niemand bedacht.

 

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donja golpashin

 

Das Ergebnis? In den großen Blättern wurde über die Zensurversuche berichtet, was enorme Aufregung verursacht hat. Man kann doch nicht Kunst zensieren, und schon gar nicht einen großen Namen wie Sobol.

Und haben die Schlagzeilen der Produktion geschadet? Überhaupt nicht! Weiten Kreisen ist das gar nicht egal, wenn sie lesen „Sobol zensiert“ wo sonst steht „Iran hat Atombombe“.

 

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Und trotzdem hat es noch mehr Probleme gegeben. Wir haben hier einen Museumsdirektor, der ein echter Psychopath ist. In der dritten Woche hat er plötzlich untersagt, dass der historische Lastwagen, mit dem Alma und Werfel in Gesellschaft der Zuschauer nach Palästina reisen, abfahren darf – dabei saß bei der Premiere sogar Verteidigungsminister Barack darauf. Damit hat er den Abbruch der Aufführung verursacht, ausgerechnet jener, für die er selbst vierzig Ehrengäste eingeladen hatte.

 

Die Alma-Aufführung war doch als Geschenk zum 60. Geburtstag Israels gedacht – aber der war doch eigentlich schon im Vorjahr. Genau! Aber dann hat es Probleme mit den österreichischen Stellen gegeben. Wenn ich mit der Produktion ins Ausland gehe, ist das natürlich immer mit größeren Kosten verbunden. Die Stadt Wien, die ja nicht unbedingt müsste, und das Kulturministerium haben sich entschlossen, zu sponsern, aber das Außenamt hat sich geziert.

 

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Stimmt es, dass es vom Außenministerium schon eine Zusage für eine Förderung gemacht hat? Die frühere Ministerin Ursula Plassnik hat eine Förderung von 10.000 Euro genehmigt. An diese Zusage haben sich jedoch Minister Spindelegger und sein willfähriger Scherge, ein pfeifenrauchender Schnösel, der für Auslandskultur verantwortlich war, nicht gehalten. Ihnen war es eindeutig nicht wichtig, dass Österreich dem Staat Israel zum 60. Geburtstag ein Geschenk macht. Dabei ging es um einen Betrag in der Höhe des Monatssalärs eines leitenden Angestellten, aber für uns ziemlich viel Geld, dessen Verlust schon bedeutend ist.

 

Wie gehen Sie damit um? Als sich der großartige Erfolg abgezeichnet hat, und zur Hauptsendezeit im staatlichen Fernsehen ein 20-minütiger Bericht lief, hätte der Botschafter, der vorher keinen Finger für uns gerührt hat, gerne damit angegeben. Er hat unzählige Freikarten beansprucht. Ihn und seine Gattin hab‘ ich eh eingeladen, und das ist schon großzügig, dafür, dass er nicht einmal ein einziges Telefongespräch für uns geführt hat. Ich bin nämlich nicht geizig, aber nachtragend.

 

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Finanzielle Unterstützung holen Sie auch von Sponsoren. Einer davon, die Firma Meinl, war mit Ihrem Engagement nicht wirklich glücklich. Weil unser Spielort ein Gefängnis ist, haben die Meinl-Leute ihre Kaffeemaschine in einem Raum aufgebaut, bei dem es sich offensichtlich um eine Zelle handelt, was man an den vergitterten Fenstern unschwer erkennen kann. Ich, dies sehend, konnte natürlich nicht umhin, das zu kommentieren. Hab‘ gesagt, dass Meinlkaffee die ideale Häfenkost ist, und er jetzt endlich dort angelangt ist, wo er hingehört. Mehr hab‘ ich nicht gesagt, aber der Dominik Heinzl und die Seitenblicke haben es gefilmt und natürlich auch gesendet. Am nächsten Tag sind die Meinl-Leute hereingestürmt, haben die Türen aufgebrochen und ihre Häferln handstreichartig aus dem Häfn befreit. Ihren finanziellen Verpflichtungen sind sie natürlich auch nicht nachgekommen, aber meine gute Erziehung lässt mich denken: Scheiß drauf, der Spass war mir die paar Tausender wert.

 

In der Sendung mit dem Meinl-Bonmont hat sich auch ein israelischer Schauspieler über das angeblich obszöne Stück unglücklich gezeigt. Der Darsteller des Franz Werfel ist gläubiger Jude. Sein Glaube verbietet ihm gewisse Darstellungen, die sexuelle Dinge zum Inhalt haben. Er fand das auch ganz toll, dass das Stück zensiert wurde, hat im Fernsehen sogar gesagt, ihm sei’s nicht weit genug gegangen. Aber er ist ein guter Schauspieler, und außerdem lerne ich diese Welt des religiösen Fanatismus lieber durch einen Menschen kennen, den ich mag und der im Team dabei ist – und daher spielt er die Rolle.

 

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Sie stehen ja an sich im Ruf, mit Schauspielern nicht zimperlich umzugehen. Ich erwarte von ihnen nur dass, was ich auch von mir verlange. Ich sag‘ ihnen aber immer, Achtung, das ist echte, harte Arbeit, wir sind ein kleines Team, wenn du dabei sein willst, dann sag Adieu zu deiner Familie und deinen Haustieren, dann gehörst du uns. Erst sind sie Feuer und Flamme, aber schon nach wenigen Tagen hängt ihnen die Zunge raus und sie entfernen sich von der Truppe oder werden entfernt. Das ist bei allen interessanten Produktionen so, auch bei Zadek wollte jeder mal dabei sein, das in seine Bio schreiben. Aber Schauspieler sind meist nicht besonders charakterstarke Persönlichkeiten, eher Opportunisten. Nur wenigen kann man so etwas zutrauen, und bei uns sind nur solche Menschen!

 

Sie gehen ja generell keiner Konfrontation aus dem Weg. Wurden Sie deswegen auch schon geklagt? FPÖ und BZÖ haben mich schon seit Jahren im Visier, und suchen jede Gelegenheit, um mit mir in den Ring zu steigen, was Ihnen aber nicht gut bekommt. Vier Prozesse haben sie schon angestrengt, aber alle verloren.

 

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Alma- ein Polydrama

Seit der Premiere im Sanatorium Purkersdorf anlässlich der Wiener Festwochen 1996 hat sich Alma auf ihrer Reise um den halben Globus zu einer Erfolgsstory entwickelt. Author Joshua Sobol und Regisseur und Produzent haben es verstanden, an einzigartigen Locations in Venedig, Lissabon, Los Angeles und anderen Orten, eine mitreissende Show zu inszenieren. Die Vorstellung läuft simultan auf mehreren Handlungssträngen, so dass sich jeder Zuschauer sein eigenes Stück zusammenstellen kann. Weswegen sich auch eine treue Fanszene entwickelt hat, um nach und nach das gesammte Werk kennenzulernen. Nächstes Jahr bietet sich die Möglichkeit, das Bild bei Gastspielen in Paris und Istanbul zu vervollständigen, den hundertfünfzigsten Geburtstag Alma Mahler-Werfels wird man jedoch mit der vierhundertsten Vorstellung in Wien gebührend begehen.

 

Paulus Manker

1958 als Sohn der Schauspielerin Hilde Sochor und des Regisseurs Gustav Manker geboren, besuchte das Reinhard Seminar, und spielte seine erste Filmrolle in Michael Hanekes „Lemminge“. Sein Erstlingsfilm „Schmutz“ erlebte seine Uraufführung auf den Filmfestspielen in Cannes 1985. Bei der Regiearbeit zu „Weiningers Nacht“ am Wiener Volkstheater 1988 lernte er den Author Joshua Sobol, seinen, neben Haneke und Peter Zadek, wichtigsten künstlerischen Partner, kennen.

 

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Dieser Beitrag wurde am 2016/05/17 um 15:08 veröffentlicht. Er wurde unter israel, jerusalem, `WIENER´ abgelegt und ist mit , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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