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bilbaoeffekt

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So nennt der Städteplaner die rasante Entwicklung, welche durch ein Kardinalprojekt und den politischen Willen der Verwaltung ausgelöst werden kann. Der neugierige Reisende erlebt noch ein paar andere Bilbao Effekte.

„Stadtführer Bilbao? Leider nein!“ In wiener Buchhandlungen jedenfalls nicht, auch keiner meiner Bekannten wusste über persönliche Erfahrungen zu berichten. Seltsam, Direktor Schröder hat doch gerade eine Schiele Ausstellung dort im Guggenheim eröffnet, und die Form der spektakulären Skulptur von Frank O. Gehry die das Museum beheimatet ist auf fast jeder Netzhaut gespeichert. Also müsste Bilbao tatsächlich existieren, auch wenn aus der Ferne der Beweis dafür nicht erbracht werden kann.

Licht am Ende des Tunnels

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Eine tief hängende Wolkendecke verhindert die Verifizierung im Landeanflug, den Flughafen hat der Pop Architekt Santiago Calatrava sehr schön in die Landschaft versenkt, wirkt wie das Hauptquartier von Bonds Gegenspieler im Raumschiff Enterprise Stil, das erste Indiz für den bewussten Einsatz von Architektur zwecks Identitätsstiftung. Der, ansonsten wortkarge Taxifahrer erklärt mir, wie froh Alle hier über den ersten Regen nach sechs Wochen sind, meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Nach wenigen Kilometern auf der Autobahn nimmt er plötzlich eine Ausfahrt in ein üppig bewaldetes Seitentälchen und wir fahren in einen Tunnel ein, von einer Stadt weit und breit keine Spur.

Aber da ist ein Licht am Ende des Tunnels, wenn auch ein fahles, und kaum draußen: Bilbaoeffekt der Extraklasse! Wie wenn man einen Fensterladen aufstößt liegt einem plötzlich die Stadt zu Füssen, in einem dicht verbauten Kessel an der Flussbiegung des Nervion, von der hohen Brücke erkennt man links unten die Altstadt, direkt vor den staunenden Augen materialisiert sich die selbst unter grauem Himmel edel strahlende titanverkleidete Dachlandschafft des Guggenheim- atemberaubend!

Architektonisches Schlaraffenland

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Schräg gegenüber des riesigen blumenbewachsenen Hündchens, welches bei Jeff Koons anlässlich der Eröffnung des Museums in Auftrag gegeben wurde, und das ungeplant noch immer auf den Bau aufpasst, nehme ich Quartier im Hotel Miró. Wie mir Alexandra Wicke, PR-Dame des Hauses, erklärt verdankt es seinen Namen nicht nur Juan, dem Maler, sondern vor Allem Antonio, der auch aus Barcelona stammt, einer der renommiertesten spanischen Modedesigner ist, und für die Innenausstattung des Hauses verantwortlich zeichnet. Die darf man als mehr als gelungen bezeichnen, das moderne und doch heimelige Designhotel wurde im Zuge der kompletten Neugestaltung der Gegend rund um das Guggenheim am Ende des letzten Jahrhunderts errichtet und 2002 eröffnet, man merkt, dass die ganze Stadt sich seit damals unerhört dynamisch entwickelt und sich jeder Bauherr verpflichtet fühlt, ordentliche Architektur zu ermöglichen.

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Besonders im Viertel von Abandoibarra, der nach dem Niedergang der Schwerindustrie und des Schiffsbaus verwaisten und verödeten Docklands am linken Ufer des Nervion, der hier, wo die Gezeiten des Atlantiks den Wasserspiegel um bis zu sechs Meter variieren lassen, Ria de Bilbao genannt werden will, sieht man das deutlich. Als letzter Zeuge der glorreiche Ära baskischer Schiffsbaukunst bewacht Carola, ein süßer roter Kran, die Trockendocks der Euskalduna Werft, in welchen nun Ausstellungsstücke des Marine Museums genau unter die Lupe genommen werden können. Das eigentliche Museum kauert unscheinbar unter einer elegant geschwungenen Brücke, der Besuch lohnt sich unbedingt, die permanente Sammlung zeigt deutlich, wie sehr sich die Stadt verändert hat und wie man es hier versteht, scheinbare Brachen sinnvoll zu nutzen.

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Und weil genau hier rostiger Stahl so gut ins Bild passt, haben Soriani und Palacio diesen gleich verwendet, um die Euskalduna Jauregia, ein Mehrzweck Kultur- und Ausstellungszentrum, welches auch die Oper beherbergt, stilvoll einzukleiden. Weiter geht´s mit der Bibliothek der Universität von Deusta des Architekturstars Rafael Moneo, dem Iberdrola Tower von Cesar Pelli, am Guggenheim vorbei unter der von Daniel Buren diesem stilistisch angepassten La Salvia Brücke durch zu den `Torres Isozaki´. Den Namen haben sie einerseits von ihrem Architekten Arata Isozaki, abgesehen davon bedeutet `isozaki´ auf baskisch `Tor´, was deren Funktion als Entreé hinauf in die Stadt entspricht, verbunden mit dem rechten Ufer durch eine weitere Brücke. Die ist unschwer als weiteres Werk Calatravas erkennbar, nicht nur wegen ihrer geschwungenen Form, sondern auch weil, wie auf fast allen Brücken dieses Architekten, ein nachträglich aufgebrachter Spannteppich verhindern soll, dass deren Benutzer bei Regen verunglücken.

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Promenade und Proviant

Diese Aufzählung könnte nun natürlich den Eindruck einer dicht verbauten Gegend erwecken, doch genau das Gegenteil trifft zu. Immobilien-Tycoons muss es schlaflose Nächte verursachen, wenn sie sehen, wieviel Fläche hier `ungenutzt´ bleibt, tatsächlich haben jedoch die Bilbuinos von den großzügigen Freiflächen, Promenaden und Parks enthusiastisch Besitz ergriffen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit joggen sie zahlreich das Ufer auf und ab, spazieren, radeln oder sitzen plauschend in ihrer großartigen Kulisse.

Außer der Appetit zwingt sie zu zielgerichteter Aktivität, so wie mich jetzt gerade. Ich bin mit Maria Carmen del Sel Korsatko bei Victor Montes auf der Plaza Nueva verabredet. Die Adresse `Neuer Platz´ ist allerdings nur relativ zu verstehen, wir befinden uns dort am Rand der historischen Altstadt, er wurde nur 1821 an Stelle der Plaza Vieja neoklassizistisch neu gestaltet und bezaubert nun mit durchgehenden Arkaden, unter denen sich so manche kulinarische Institution versteckt. Carmen ist österreichische Honorarvizekonsulin, außerdem Exportchefin einer Baustofffirma, nebenbei handelt sie ihre vier Kinder. Und findet überdies Zeit, mich mit ihrer Begeisterung für Bilbao anzustecken- was mittlerweile allerdings nicht mehr schwer ist. Sie hingegen erinnert sich noch an die schmutzige heruntergekommene Stadt der späten achtziger Jahre, in die sie nach dem Besuch der diplomatischen Akademie im ordentlichen Wien zurückgekehrt ist, „da ist niemand freiwillig am Fluss spazieren gegangen, und joggen schon gar nicht!“

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Phönix aus der Asche

Bilbao war, neben Barcelona, seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts die wichtigste Industriestadt Spaniens, doch spätestens mit der industriellen Konterrevolution in den achtziger Jahren verlor Bilbao seine wichtigste Einnahmequelle. Nachdem sich die Basken aber in ihrer mehrere tausend Jahrzehnte langen Geschichte noch nie entmutigen haben lassen, fanden sie auch diesmal wieder ihren Weg aus der Krise, investierten in den Achtzigern in einen radikalen Strukturwandel. „Iniaki Azkuna hat sich als Bürgermeister auch die Anerkennung seiner politischen Gegner erworben“, erklärt Maria die politische Lage, „außerdem ist Bilbao schuldenfrei, Azkuna wird wohl erneut gewählt werden!“

Während sie über den beeindruckenden Wandel der Industriestadt zur Kunstmetropole erzählt serviert uns der Kellner des `Victor Montes´ ein Pincho zum Glässchen Wein, elaborierte kleine belegte Brötchen, welche das Rückgrat der baskischen Ernährung darstellen. Und auch gleich anschaulich erklären, warum genau hier im Baskenland die Molekularküche ihren Ausgang genommen hat. Der Klassiker `Bakala pil-pil´ besteht aus langsam mit Knoblauch und Olivenöl in der Tonpfanne sautiertem Stockfisch, die aus dem Kabeljau entweichende Gelatine bildet mit dem Öl eine raffinierte Suspension, heute nennt man das dank Ferrian Adriá und Martin Berasategui Textur.

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Brötchen, Bauten, Bad am Dach

Der Stadtrundgang geht kulinarisch weiter, wir naschen uns von Dreisternkoch Aitor Elizegis `Bascook´ über Ricardo Perez´ `La Florinda´ bis zum Zortziko Gourmet Outlet `Atea´auf Sternenniveau durch die Stadt, je ein Gläschen und ein Pincho stärken für die nächste Etappe ohne das Portemonaie über zu strapazieren. Das einzige Problem, mit dem der seriöse Genießer auf so einer Sight-Seeing-Tour zu kämpfen hat ist, dass einem permanent ob der Fülle hervorragender Architektur der Mund offen bleibt. Den kann man aber gleich wieder stopfen, wenn man zum Beispiel im Alhondiga, einem von Phillip Starck in ein städtisches Kulturzentrum umgestalten ehemaligen Weinlager, den von der Eingangshalle sichtbaren gläsernen Boden des öffentlichen Schwimmbades bewundert. Denn natürlich haben sich auch dort einige kulinarische Nahversorger eingemietet, auf dass sich die Bilbuinos nicht zwischen ihren offensichtlichen Vorlieben entscheiden müssen: Kunst, Design und Architektur oder den leiblichen Genüssen!

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INFO

ZIRIMIRI Dank NIKI kommt man leicht nach Bilbao, täglich über Mallorca. In der Stadt gibt´s eine neue Metro, sehr übersichtlich von Sir Norman Forster gestaltet. Die Tram erschließt das Flussufer, überall sonst hin kommt man mit dem Bus. CreditTrans Tickets helfen sparen und gelten auf allen öffentliche Verkehrsmitteln- wenn man das richtige kauft. Zirimiri nennen die Basken ihren typischen Schnürlregen der unabhängig von der Saison auftritt, der Tourismusverband verkauft im Kiosk vor dem Guggenheim praktische Ponchos! www.bilbao.net

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HOTEL MIRÒ Besser kann ein Hotel gar nicht liegen, zwischen den Prachtbauten des frühen zwanzigsten und den Monumenten des einundzwanzigsten Jahrhunderts am Ufer des Nervion. Die Zimmer entsprechen dem architektonischen Anspruch der Umgebung, stylisch und funktionell, neben der Lobby findet man Bar und Lounge mit gemütlichen Ledersofas, Lesestoff wie aktuellen Ausstellungskatalogen und Stadtführern, Snacks und Drinks nimmt man sich nach Lust und Laune. Auf ein Restaurant verzichtet man gerne, in jeder Nebengasse gibt´s davon reichlich, dafür kann man sich im private Spa nach den Strapazen des Sight Seeings entspannen. Ab 110 Euro. www.mirohotelbilbao.com

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ALHÓNDIGA Das ehemalige Weinlager der Stadt aus dem Jahre aus dem Jahre 1905 wurde zum „öffentliche Gebäude von nationalem Interesse“ erklärt um es vor dem Abriss zu retten und nach einem Entwurf von Phillipe Starck in ein öffentliches Veranstaltungs- und Freizeitzentrum umgebaut. Klingt nüchtern, ist es aber nicht, der Swimmingpool mit gläsernem Boden im Dachgeschoss hat schon ´was, die Bars geben einem den Rest! www.alhondigabilbao.com

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ON EGIN, BUEN PROVECHO

VICTOR MONTES Von Morgens an wichtigste Versorgungsstation unter den klassizistischen Arkaden der Altstadt, herrliche Pinchos und lokale Weine und für Sprachkundige die letzten Neuigkeiten . Nueva Plaza 8 www.victormontes.com

LA FLORINDA Im Erdgeschoss des Alhóndiga serviert Ricardo Peréz günstig internationale Speisen mit baskischem Einschlag, am Dach entsprechend höher angesiedelte Haubenküche. Plaza Arriquibar 4 www.restaurante-laflorinda.com

BASCOOK Slow Food Fan Aitor Elizegui bietet Mittags in seinem Restaurant in einem alten Salzlager am Fluss ein leistbares Menü in drei Varianten an, Details entnimmt man aus der als Zeitung auftretenden Speisekarte. Barroeta Aldamar 8 www.bascook.com

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Bilbao

Dieser Beitrag wurde am 2013/04/09 um 11:36 veröffentlicht. Er wurde unter baskenland, bilbao, euskadi, spanien abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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