homolka_reist

keine schonzeit für die alte dame

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Schiffe werden gerne auf Frauennamen getauft, und auch auf Eilean scheint das zuzutreffen. Doch die 30 Meter lange Ketsch ist kein Mädchen, auch keine feine Dame, sondern ein alter Haudegen. Schon 40 mal hat sie seit ihrem Stapellauf 1936 an der wilden schottischen Küste den Atlantik bezwungen, und bei ettlichen Regatten harte Manöver gesegelt.

Auch hier an der Ligurischen Küste vor Imperia schenkt ihr der  Skipper nichts. In der neunten und vorletzten Regatta der Panerai Classic Yachts Challenge gilt es den knappen Vorsprung auf Overload zu verteidigen, vielleicht sogar Pazienza und Golden Fleece zu attackieren um in der Gesammtwertung zu den Top Five aufzuschliessen.
Die letzte Regatta in Mahon war von stürmischen Winden verblasen worden, nur eine einzige Wettfahrt konnte durchgeführt werden, die Teams sind gierig, sich wieder unter zivilisierten Bedingungen zu messen. Auf der Eilean besteht die Crew aus zwölf Mitgliedern, neben dem britischen Skipper Andrew Sculley, der das Schiff seit  Renovierung 2009 bei den Regatten in Europa führt, und Taktiker Antonio gehören zwei weitere Italiener zur fixen Besatzung, die restlichen acht werden jeweils für die Regattasaison ausgewählt. Das Anforderungsprofil ist bei den an den Winden arbeitenden italienischen Muskelpaketen rasch zu durchschauen, hellhäutige junge Männer mit hohen Sonnenschutzbedarf kommen gerne von Marineinstituten in Cornwall und wissen genau was warum wie funktioniert- oder eben nicht. Die vier `leichten Mädchen´ an Bord sind allesamt ausgewiesene Seglerinnen, klettern auch mal in die Takelage um einen klemmenden Block zu lösen, übernehmen allerhand Spezialaufgaben.

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Marconi ohne Schuhe

Die erste Wettfahrt für die Klasse der Boote über 15 Meter mit Marconi Rigg, in welcher Eilen startet, findet am Freitag statt. Um zehn Uhr früh steht die Crew vollständig versammelt an Deck, Nachzählen überflüssig, zwölf Paar Schuhe stehen am Pier neben der Gangway. Das makellose Teakdeck der Eilean betritt man ausschliesslich blossfüssig, auch alle anderen Teilnehmer lassen Schuhe, historische Rettungsringe und anderen unnötigen Ballast an Land zurück. Und dann trennt sich Eilean auch noch von der Gangway, Maschine an, Leinen los, und im hinaus aus dem Hafen auf´s weite Meer. Klingt einfacher als es ist, das Starterfeld ist umfangreich, in zehn Klassen starten unterschiedlichste Segler aus dem ganzen letzten Jahrhundert, kaum eines davon ist wirklich wendig, und ein sechzig Meter langer Dreimaster füllt schon alleine das Hafenbecken recht gut aus.
Wie im Gänsemarsch verlassen die Schiffe den schützenden Hafen, tuckern zwischen den Leuchttürmen hinaus, verteilen sich malerisch am Horizont, begeben sich in Warteposition. Der Start soll um 12 Uhr erfolgen, die Startlinie wird vom Regattaboot und einer beeindrucken grossen Boje mit Panerai Schriftzug gebildet, sie liegt ein paar hundert Meter vor der Kaimauer, dahinter erhebt sich Malerisch die kleine Stadt Porto San Maurizio mit ihrer etwas überdimensionalen Kirche. An Deck werden Vorbereitungen zum Segelsetzen getroffen, wenn ein besonders schönes Schiff in der Nähe dümpelt wird dies ausgiebig gewürdigt, landschaftliche oder gar architektonische Schönheit entlockt der Crew hingegen kein Interesse. Wenn der Blick hinüber an die Küste schweift, dann nur um die Wolkenbildung zu beobachten, etwaige Bewegung in den Blättern der Bäume oben, denn das würde Hinweise auf die Windrichtung geben. Um diese überhaupt feststellen zu können, muss er jedoch eine gewisse Mindeststärke erreichen, doch dem ist nicht so.

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Startverschiebung.

Um 13 Uhr beginnt mit dem Ankündigungssignal endlich der Countdown zur ersten Wettfahrt. Der Wind hat zwar noch immer alles andere als Sturmstärke, aber zum dezenten Segeln reicht´s, vor Allem wenn alle Vorsegel gesetzt sind. Das erfordert den Einsatz der ganzen Manschaft, es wird gezogen und gekurbelt, schliesslich sind alle Fallen durchgesetzt. Einige Klassen sind schon gestartet, ein Hornton gibt einer das Startsignal und der nächsten das zur Vorbereitung, dazwischen knistern Anweisungen aus dem Funk. Langsam nähert sich Eilean der Startlinie, ein Frühstart würde mit einem 360 Grad um die Startboje geahndet. Schliesslich das Signal, alle Yachten fallen ab und nehmen Fahrt auf, Eilean ist mitten drin, Andys Taktik an der Linie richtig und die Crew hat ordentlich gearbeitet.
Das tut sie auch im weiteren Verlauf der Wettfahrt, der Wind legt etwas zu, die Segeltrimmer versuchen mit kleinen Ändeungen der Stellung und Spannung den maximalen Vortrieb aus dem Tuch zu holen, der Skipper auf kleinste Windänderungen zu reagieren und so Geschwindigkeit zu machen. Und doch schiebt sich ein Konkurrent nach dem anderen vorbei, im Ziel liegen nur zwei Schiffe hinter der Eilean…
Zurück in der Marina macht sich beim Skipper Frustration bemerkbar, während die Crew von Eileen ihren Sieg feiert, grübelt er. Auch die zweiten Wettfahrt am nächsten Tag bringt mit einem 7. Platz nicht das erhoffte Ergebnis, diesmal siegt Oiseau de Feu, Eileen wird zweite, Eilean hat mit einer Zeit von fünf Stunden um eine mehr für die zehn Seemeilen benötigt als die Sieger. Kritik an seiner Mannschaft lässt Andy nicht gelten, sie haben super gekämpft, aber vielleicht müsse man die Segel noch besser verstehen, erklärt er in einem Interview. „Die Segel verstehen?“ murmelt ein Trimmer. „Die haben wir doch schon seit dem Stapellauf, während die Anderen mittlerweile fast jedes Jahr eine neue Garderobe aufziehen!“ Womöglich wird Angelo Bonati demnächst einen Vorstandsbeschluss fassen.

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Wrack als Markenbotschafter

Bonati ist CEO von Panerai, vor Allem jedoch ziemlich Segelverrückt. Er hatte das Wrack in der Karibik entdeckt, zum perfekten Markenbotschafter der Firma erklärt und von dieser kaufen, nach Europa bringen und gründlich restaurieren lassen. Wie es derzeit aussieht, wirden wohl demnächst zwei Segelschneider ihre Angebote unterbreiten lassen, denn hinterherfahren macht ihm keine Spass, er war ja bei der zweiten Wettfahrt mit an Bord und sichtlich `not amused´. Was ihm allerdings offensichtlich Freude bereitet, ist seine Begeisterung am Segeln zu teilen, zum Beispiel mit jenen Kindern, die sonst wenig zu lachen haben, und welche mit ihm und der Crew den Regattatag auf Eilean verbracht haben. Er möchte aber seine soziale Ader nicht an die grosse Glocke hängen, was wir hiermit auch nicht tun wollen.
Der Sonntag, letzter Tag der Regatta und somit auch die letzte Chance, aus Imperia doch noch ein achtbares Resultat mitzunehmen begrüsst die Teilnehmer mit strahlend blauem Himmel und brütender Hitze. Als wir kurz nach zehn Uhr aus dem Hafen auslaufen kühlt noch der leichte Fahrtwind, draussen am Meer beim Warten auf den Start rührt sich kein Lüftchen. Wir hissen das Grosssegel, es hängt schlaff am Mast, spendet aber immerhin etwas Schatten. Um uns herum stehen regungslose Yachten auf der spiegelglatten Wasseroberfläche, schön anzusehen diese schwimmende Leistungsschau der Bootsbaukunst aber nicht sehr dynamisch. Die Regeln sehen vor, dass so lange gewartet wird, bis der Wind einen Start ermöglicht, oder die Uhr halbdrei anzeigt.

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Alles klar zum Entern

Ab zwölf kommt Bewgung ins Starterfeld, auch wir werfen den Motor an und tuckern auf einen Konkurrenten zu. Auf dem Vordeck wird ein Segel zur Seite geschlagen, zum Vorschein kommt eine geräumige Plastikschüssel voller bunter Luftballons. Diese sind mit Wasser gefüllt und werden, ehe sich die Gegner versehen, mittels einer überdimensionalen Schleuder in Richtung des gegnerischen Bootes abgeschossen. Die durchtrainierten Kurbelkörper spannen unter vollem Körpereinsatz die Gummiseile, eines der Mädchen zielt, feuert, der Ballon zerplatzt am Grosssegel der Nachbarn. Der Rest der weiblichen Crew springt unterdessen als Piraten dekoriert und mit Spritzpistolen bewaffnet über Bord und entert das feindliche Schiff über den Bugspriet. Ziel des Angriffes ist angeblich das Erbeuten von Panerai Uhren des jeweiligen Captains, de facto erbeuten unsere Piratinnen in erster Linie Champanger, der auf den mächtien Zwei- und Dreimastern anscheinend zu den Grundnahrungsmitteln zählt. Offensichtlich haben sich schon alle Segler damit abgefunden, dass heute kein Startschuss mehr fällt, als das Rennen abgeblasen wird befinden sich alle Schiffe schon verdächtig nahe am Hafen. „Schade um die Wettfahrt, aber hatten wir nicht wieder einen herrlichen Tag auf See?!“ bringt Andy die Sache auf den Punkt. Aber in zwei Wochen, wenn sich in Cannes all diese wunderbaren Segelboote und ihre Crews zur letzten Regatta der Panerai Classic Yacht Challenge treffen wird wieder ordentlich gefightet, auch wenn die neuen Segel noch nicht fertig sind.

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Dieser Beitrag wurde am 2013/04/09 um 13:28 veröffentlicht. Er wurde unter imperia, italien, liguria, sail abgelegt und ist mit , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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