homolka_reist

svobodno ozemlje

Die Triesterstrasse war für Generationen von Wienern Projektionsachse ihrer Träume, von imperialen Ambitionen im achtzehnten über wirtschaftliche Phantasien im neunzehnten bis zu schlichten Urlaubsplänen im zwanzigsten Jahrhundert. Braucht kein Mensch mehr, die Reichsstrasse, K&K ist längst Geschichte, H&M bringt billige Klamotten zu uns, und in den Ferien jetten wir alle nach All-Inclusivien, alles cheap und easy.
Moment, Alle? Natürlich nicht, wir Motorradfahrer zählen ja zu den letzten Widerstandsbewegten, statt komfortabel in den Süden zu jetten setzen wir uns auf Kraftfahrzeuge, die umfallen können, und sobald Andere den Scheibenwischer betätigen wurschteln wir unter einer Brücke wasserdichte Überzieher aus dem knappen Gepäck- falls uns das Glück hold ist. Und auch wenn die Behauptung, der Weg wäre das Ziel, ganz offensichtlich semantischer Schwachsinn ist, huldigen wir ihr, diesmal indem wir statt zwei Stunden über die Südautobahn einen halben Tag durch die Mur-Mürz-Furche gen Süden pflügen, irgendwann aus dem 17er Korsett ausbrechen, das Alpl bezwingen und entlang der Feistritz nach Süden strömen, der Name wird uns auf der Reise noch öfters begegnen. Graz umschiffen wir zeitsparend um rasch vom grünen Herz der grossen und starken Leute ins, de facto gleichnamige, windische Stajerska übersetzen können, passender Weise über die grüne Grenze.

 

Wir wählen den Radlpass, dort war der Herr Papa schon immer stolz, wenn er den alten Peugeot mit streng riechenden Bremsen erfolgreich ins Drautal hinunter bugsiert hatte, zwecks Abkühlung folgte einst wie heute ein Stop in der Gostilna, im Pri Lipi, zur Linde in Muta heisst man Reisende willkommen, und reicht vorzügliche `koroška kmećka košta´, Kärntner Hausmannskost. Das hat übrigens gar nichts mit Anbiedern an allfällige Besucher aus dem Norden zu tun, Carantanien kennt man hier schliesslich schon seit der Völkerwanderung, das Herzogtum ist sowieso seit 976 a.d. unabhängig, da sassen die Babenberger noch in Bayern, also bitte keine deitschtümelnden Beschwerden aus Nordslowenien. Dafür dürfen politisch überkorrekte Leser sich jetzt aufpudeln, wenn wir als nächstes Windischgraetz passieren, Stammsitz derer von, und bis 1918 eine bedeutende, deutschsprachige Stadt. Hugo Wolf wurde hier geboren, sein Elternhaus ist geschmackvoll renoviert worden, was man vom restlichen Ort Slovenj Gradec nicht behaupten kann.

 

Doch sind die Landstrassen in Slowenien durchwegs anregend angelegt, begleiten die kleinen Flüsschen, die sich anmutig durch die Landschaft schlängeln, wir folgen jetzt der Mislinja bis zu den Seen von Velenje, die jedoch die Gegend weit weniger prägen als Industriebauten jeder Ära. Ganz modern und toll mittendrin die Gorenjewerke, man sieht, hier wird Geld verdient, die Infrastruktur rundum lässt eher zu wünschen übrig, aber deswegen sind wir ja nicht hier, auch nicht wegen der überlebensgrossen Graffiti, sondern wegen der kurvigen Umgebung.
Diese ist tatsächlich malerisch, wenn auch etwas dürftig beschildert, die Freytag und Berndt Generalkarte widerspricht auch hin und wieder der Tektonik. Kein Problem, die Sonne steht nun am Nachmittag im Westen, dort wollen wir hin, und zwar auf den Pass hinter Nova Štifta, Flüsse fliessen nicht bergauf, auch nicht die Dreta, also fällt die Entscheidung leicht und wir ziehen wieder ein verschlafenes Tal hinauf.

Die auffällige Gelassenheit der Menschen könnte von den Erträgen ihrer Feldarbeit herrühren, Hopfen rankt sich an zehn Meter hohen Konstruktionen gen Himmel, dazwischen wächst das Getreide naturbelassen, vor den kleinen Höfen zieht man buntes Gemüse, von industrialisierter Landwirtschaft weit und breit keine Spur. Das nämliche Neue Stift stammt aus dem Jahre 1869, ist ergo neoklassisch, die unlängst gekalkte Facade hebt sich malerisch von den dunklen Gewitterwolken über den Bergen ab. Und die bukolische Ruhe kontrastiert nun ein Donnergrollen, Blitze suchen ihren Weg in die Mobilfunkantennen am Kamm, glücklicher Weise wartet am Pass ein nettes Eiscafé, selbst die Chauffeure der Lieferwagen, welche die Route offensichtlich als Abkürzung kennen, suchen nun hier Zuflucht vor dem prasselnden Niederschlag.

 

Schnell hellt der Himmel im Süden wieder auf, durch Nebelschwaden tasten wir uns über glitschigen geschliffenen Asphalt hinunter ins Tal der Kaminška Bistrica, wieder eine Feistritz, diesmal bringt sie den Reisenden nach Stein in der Krain, wie Kamen bis vor gar nicht so langer Zeit hiess. Da war aber auch noch nicht die Autobahn in Betrieb, welche die Verkehrsströme nun viel weiter im Süden gen Laibach fliessen lässt, die Triesterstrasse hatte sich noch durch diese Stadt bemüht, immerhin eine der ältesten Sloweniens. Dank der Energie der Bistrica und dem Seiner Allerhöchsten Durchlaucht gefallen habenden Anschluss an die K&K Südbahn durfte Kamnik auch an den Segnungen der industriellen Revolution teilhaben. Übrig geblieben sind ein ausgesprochen romantischer mittelalterlicher Stadtkern, zwei Burg- und einige malerische Industrieruinen, sowie eine rege Kulturszene. Die profitiert vor Allem von den privilegierten Pendlern, nur vierundzwanzig Kilometer vom hektischen Laibach entfernt wohnt hier offensichtlich der Bobo ganz gerne.

 

 

Dumm nur, dass er täglich zur Arbeit muss, durch die weite Ebene rund um die Hauptstadt führen viele Wege, und doch staut sich´s allenthalben. Nach Laibach hinein kommen wir auf der Dunajska Cesta, der Wiener Strasse, logisch, wenn sie in die Reichshaupt- und Residenzstadt führt. Dafür nennt sie sich als östliche Ausfallsstrasse wieder Tršaźka, klar, dort führt sie hin, nur das Verbindungsstück rund ums Zentrum heisst `Bleiweisova´, benannt nach Janez Bleiweis, geboren 1808 in Krain, Tier- und praktischer Arzt, überzeugter Monarchist und `Erfinder´ des unabhängigen, vereinten Gross-Sloweniens. Sei ihnen vergönnt, das zwei Kilometer lange nationalistische Intermezzo, genau wie die `Slovenska Cesta´ mitten durch die Altstadt, deren alt-österreichische Architekturgeschichte schwer zu übersehen ist.

 

Einiges über die Industriegeschichte Sloweniens erfährt man im Technischen Museum des Landes, die Zentrale desselben findet man unweit der Hauptstadt in einem Örtchen namens Bistrica, ja, genau, entspräche wieder Feistritz, hier hiess es aber Freudenthal, welch schöne Abwechslung. Das Museum breitet sich in den alten Gemäuern eines Schloss-ähnlichen Klosters aus, penible Überrestaurierung der Gemäuer ist genau so wenig ein Ärgernis wie jene der unzähligen Gebäude. Vielmehr besticht das Ensemble durch seine romantische Anmutung, die zahlreichen Exponate aus Land-, Forst- und Textilwirtschaft werden Sonntags sogar in Betrieb genommen, und auf die elektrotechnische Sammlung ist man im Lande des Nikola Tesla sowieso stolz. Eher skuril daneben der, noch zu Jugoslawischer Zeit in den Bestand des Museums gelangten, stattliche Fuhrpark des Josip Broz vulgo Tito, den man hierzulande ja nicht so schätzt, aber seine prachtvollen Staatskarossen sind halt doch eine Zier für jede Sammlung.
Die Triester- wird nun wieder zur Bergstrasse, über Logatec, dessen Ortsname nichts mit High-tec zu tun hat, sondern keltischen Ursprungs sein soll, und den bis zur Anbindung an die Südbahn hauptsächlich Kutscher bewohnt haben, führt die historische Trasse durch die Adelsberger Pforte hinunter zu den berühmten Höhlen, heute unter dem Namen Postojna bekannt. Ab dort wird die Streckenführung immer flüssiger, bis schliesslich fast nur mehr Geraden über die sanften Hügel zur Küste führen, man kann sich gut die ungeduldigen Kutschpferde vorstellen, wie sie dem nahen Ziel entgegentrabten. A propos: kurz vor der Grenze könnte der Pferdefreund seiner Passion frönen, und in Lipica die Heimat der berühmten weissen Gäule einen Besuch abstatten, welche nach dem Besuch einer einschlägigen spanischen Lehranstalt in der seinerzeitigen Reichshauptstadt zu Weltruhm gelangt sind.

 

Der sentimentale Wiener jedoch passiert rasch bevor die Sonne endgültig den Horizont küsst die Grenze bei Seźana, überquert die Strassenbahnschienen in Obćina/Opicina/Opcina/Optschinach, um schliesslich und endlich beim Obelisken, der das Ende der Reichstrasse markiert und an den Besuch Seiner Durchlaucht anlässlich deren Eröffnung erinnert, seufzend den ersten Blick auf das funkelnde Meer und den Hafen Mitteleuropas in sich aufzusaugen.
Bei Triest könnte man die Sprachverwirrung nun vollends auf die Spitze treiben, zu Deutsch, Slowenisch und Italienisch kämen nahezu gleichberechtigt Kroatisch, Griechisch sowie Yiddisch und Hebräisch dazu, tatsächlich begreifen sich aber ettliche Einwohner noch immer als Nachfahren österreichischer Untertanen, seit sich die Bürger 1382 aus freien Stücken den Habsburgern unterstellt haben.

De facto sprach man im Zentrum von Triest vorwiegend Deutsch, während die Vororte eindeutig slowenisch waren, Italiener bedienten sich entweder des Friulanischen oder des lokalen Dialektes, dazu kamen die kroatischen Istrier, sowie Händler und Seeleute aus aller Herren Länder im Hafen. Aber bei Triest muckt ohnehin Keiner auf, italienische Orte darf man ja offensichtlich durchaus bei ihren deutschen Namen nennen, niemand sagt Firenze oder Venezia (Benetke übrigens auf Slowenisch, wie auf einem Wegweiser bei Duino/Devin zu lesen!), nur bei Laibach, Agram und Konsorten will der politisch korrekte Spassverderber plötzlich diese nur Originalversion ohne Untertitel gelten lassen, warum auch immer…

 

Die Einheimischen haben da schon weniger Probleme mit Idiomen und Grenzen, letztere sind kaum noch wahrnehmbar, nur die langen Schlangen italienischer nummerierter Kraftfahrzeuge an den Tankstellen hinter oder in den ehemaligen Zollstationen sind unübersehbar. Davor und dahinter, entlang der Küstenstrasse von Muggia über Lazzaretto nach Koper liegen die Menschen dicht gedrängt am schmalen Uferstreifen, nur die ermutigenden Zurufe der waghalsigen Kunstspringer lassen hin und wieder Rückschlüsse auf die Volksgruppenzugehörigkeit der halbstarken Burschen und der Objekte ihrer Begierde zu. In Koper versucht das noch immer junge Slowenien die industrielle Unansehnlichkeit des Triester Hafens an seinem einzigen Hochseezugang nachzubilden, bevor es südlich davon seinen fairen Teil vom Sommertourismuskuchen abzuschneiden trachtet.

In Izola hat man es auf Yachtbesitzer aus dem Norden abgesehen, Portoroz muss die All-Inclusive-Gäste zufrieden stellen, während sich Piran redlich Mühe gibt, mit seinem venezianischen Charme anspruchsvollere Beuscher anzulocken. Das gelingt ganz vorzüglich, Autos lässt man erst gar nicht in die Stadt, dafür steht ein Fiakker auf dem Hauptplatz bereit, die Pferde sind natürlich weiss und der Kutscher trägt die Uniform des staatlichen Gutes zu Lipica.

 

Nichts von der sommerlichen Hektik an der Küste bekommt man im Hinterland mit, über kleine Nebenstrassen gelangt man zügig nach Sveti Anton, von dem man den weiten Ausblick auf die Bucht von Koper und die schroffen Gipfel des Karst geniesst, ein unscheinbares Strassenschild weist einem den Weg nach Kubed, einem kleinen Dorf unter einer grossen Burg über einer Schlucht, durch welche man, mit etwas Orientierungssinn und Glück, in ein Naturschutzgebiet findet. Auf italienischem Staatsgebiet heisst es `Val Rosandra´, beiderseits der Grenze wächst in diesem paradiesischen Tal von Olivenbäumen bis Weinreben so ziehmlich Alles, was dem Wohlbefinden zuträglich ist. Wenn man das Tal dann unten wieder verlässt, stösst man auf die Fabriken der Illys, Stocks und weiterer Genussmittelproduzenten, deren Erzeugnisse, gemeinsam mit jenen der ansässigen Bauern und Fischer, von früh bis spät in der Stadt genossen werden, die Variätät der Zubereitungsarten profitiert hier eindeutig von der babylonischen Sprachverwirrung.

 

 

Geographisch und -politisch hat die Geschichte den Slowenen ja einen kleinen Streich gespielt, die wenigen Kilometer Ufer reichen kaum, um den Einheimischen einen Platz an der Sonne zu bieten, von den vielen Touristen in der Hochsaison gar nicht zu reden. Und vor dem wunderschönen westlichen Zipfel des Landes liegt ein schmaler Streifen Italien als Barriere, selbst der lädt durch die drastische Steilküste auch nicht wirklich zum entspannten Bade im Adriatischen. Mit einer Ausnahme: bei Devin-Nabreźina, das wussten schon die Herren von Duino, gewähren zwei Buchten Zutritt, die hochaufragende Klippe dazwischen bietet sich als idealer Burgberg an, strategisch und optisch einzigartig, das konnten sich später nur mehr die Thurn und Taxis leisten, wenigstens waren die kunstsinnige Gastgeber, da können Sie ruhig Rainer Maria R. und Ferenc L. fragen, nur zum Beispiel.

Um nicht auf die Grosszügigkeit derer von angewiesen zu sein bietet sich die Villa der Signora Gruber als Unterschlupf an, unter ausladenden Bäumen oberhalb des Fischerhafens gelegen, oder die `Dama Bianca´ , ein kleines Hotel im frugalen Stil der fünfziger Jahre, welches wie auf Zehenspitzen ganz knapp am Ufer steht und sogar seinen eigenen Strand hat. Der ist zwar nur einige Meter breit, dafür sauber betoniert, sehr exclusiv, und die Cocktail Bar ist auch gleich da, vorzüglich sortiert und erstaunlich preiswert obendrein.

 

Nach Triest führt die legendäre Costiera, eine Aussichtsstrasse erster Güte, aber wir stossen diesmal gleich ins Landesinnere vor, schon einen Kilometer landeinwärts verbindet die alte Provinzstrasse die Bauerndörfer mit slowenischen Namen auf der einen mit jenen italienischen auf der anderen Seite der Staatsgrenze, welche Triest einst vor allem mit ihren charakteristischen Weinen versorgt haben. Der holzige rote Terlan verlangt nach Gewöhnung, während man dem Malvasia rasch verfallen ist, das Örtchen Prošek hat immerhin eine Rebsorte hervorgebracht, welche es andernorts unter der Bezeichnung Prosecco zu Berühmtheit gebracht hat. Um der Enge und Geschäftigkeit des italienisch geführten Küstenstreifens endgültig zu entgehen, empfiehlt es sich, an beliebiger Stelle durch den Wald auf die slowenische Seite zu wechseln, warum nicht bei Col, drüben heisst´s dann origineller Weise Dol.

 

`Col´dürfte Hügel meinen, `Dol´ müsste dann das Tal dahinter bezeichnen, und in einem solchen schlängeln sich verschiedene Wege und Strasserln durch fast unberührte Natur, Wälder und Weinberge. Man kann sich vorzüglich ziellos auf Schotterstrassen verirren oder elegant durch die hügelige Landschaft auf aspahltierte Fahrbahnen surfen, venezianische Kirchtürme weisen einem immer wieder verlässlich den Weg zum nächsten Dorf auf irgend einem Hügel an der Landesstrasse 616, welche nach Westen und somit wieder nach Italien führt, oder besser: führen würde. Denn kurz vorher, in Brestovica, zweigt eine Bergstrasse hinter der Kirche ab, Sela na Krasu heisst das Ziel, Zell am Karst, von dort wieder rasant hinunter nach Gurize, dem Berlin Friauls, wenn ich so sagen darf. Die Stadt ist, oder war, nämlich zu Zeiten des kalten Krieges auch zweigeteilt, davor war sie als Stammsitz der Grafen von Görz nach deren Lossagung vom Patriarchen von Aquiläa ein Nukleus des späteren Österreich. Der italienischen Hälfte Gorizia sieht man das auch heute noch deutlich an, während Nova Gorica unschwer als dem Fleiss des Jugoslawischen Arbeiter gewidmete Musterstadt zu identifizieren ist, auch wenn nunmehr vor Allem die grenznahem Casinopaläste ins Auge stechen, jetzt nützt nur mehr Glück.
Ein letztes Relikt der schlechten alten Zeit ist wohl jene exteritoriale Verbindungsstrasse durch italienisches Hoheitsgebiet, welche wie ein Hochsicherheitstrakt eingezäunt die Stadt mit dem Hinterland jenseits der Soća, Goriška Brda, dem Görzer Hügellland, oder, al´ italiano, dem Collio.

 

 

Ein Unterschied zu jenem ist mit freiem Auge nicht wahrnehmbar, auch der Gaumen kennt keine Grenzen, die Weinberge und Felder hat man während der diversen Nachkriegszeiten möglichst ungeteilt bestellt, Ehen wurden ohne Ansehen des Passes geschlossen, profitiert hat davon vor Allem Italien, weder echte Weinbauern noch echte Kommunisten wollten ihr Leben real sozialistisch gestalten, eher hängt man alten Habsburgerstaat nach.

Selbst die Weinbaugenossenschaft von Goriška Brda macht da keine Ausnahme, in ihrer Selbstdarstellung beruft man sich aber nicht auf den Kaiser, sondern verdankt die Initiative `Vater Radetzky´, der im Gründungsjahr 1849 dank Kriegsrecht die Staatsgewalt darstellte. Passender Weise residiert der grösste slowenische Winzer im Schloss Dobrovo, einst im Besitz der Grafen Colloredo, auch sie Ex-Untertanen des Patriarchen von Aquiläa.

 

Lag zu Radetzky´s Zeiten die Grenze zwischen italienisch und slowenisch noch am Isonzo, wanderte sie im Ersten Weltkrieg hart umkämpft wieder hinauf auf den Bergkamm des Kolovrat, wie zu venezianischen Zeiten. Die italienische Armee hat hier eine `linea d´armata´ errichtet, ihre dritte Verteidigungslinie, und so mit ihren bekannt gelungenen Militärstrassen dem Motorradfahrer ein erquickliches Betätigungsfeld hinterlassen. Über aussichtsreiche Wege stösst man so hoch oben nach Norden vor, der Ausblick ist umwerfend, der Rückblick auf die Aktivitäten vor hundert Jahren raubt einem allerdings auch den Atem, ettliche Freilichtmuseen und die zahlreiche Soldatenfriedhöfe erzählen die traurige Geschichte von den zwölf blutrünstigen Isonzoschlachten rund um Bovec/Plezzo/Flitsch/Plèz oder, wie die Einheimischen sagen, Bec.
Genau beim Soldatenfriedhof mit seinen schlichten Betongrabsteinen teilt sich die Strasse, links geht´s über den Predil nach Tarvis, rechts weiter entlang der Soća ins Trenta Tal. Meist ist der Fluss tief eingeschnitten, manchmal sieht man ihn von einer Brücke nicht einmal, aber wenn, dann besticht er mit kristallinen Farben von Aquamarin über Lapislazuli und Türkis bis zur klaren Reinheit von Bergkristall. Nur schwer kann man der Versuchung widerstehen, einfach hineinzuspringen, erfrischend ist es allemal, schon gar nach einem langen, heissen Sommertag in der Lederkombi. In der Situation nimmt gerne die Dienste von Silvia und Milan Dolenc in Anspruch, die mit der Pristava Lepena eine Oase der extraklasse geschaffen haben. Auf einer eigenhändig gerodeten Weide inmitten des Triglav Nationalparks warten urige Holzhütten auf müde Reisende, die Küche zaubert knusprige Soćaforellen, saftiges Hirschcarpaccio und andere Köstlichkeiten auf den Tisch, und wer mag, kann auf dem Rücken eleganter Lipizzaner sein Glück suchen. Und im Hintergrund rauscht der Wildbach…

 

Im Frühtau geht´s dann beschwingt den Berg hinauf nach Trenta, dem letzten Dorf vor der Scheitelstrecke des Vršić Passes, die Marienkirche auf dem letzten flachen Wiesengrund haben die Grafen Attems für ihre Knappen errichten lassen, sie haben das Tal erschlossen, um im sechtzehnten Jahrhundert Eisenerz abzubauen. Auch die Attems kommen aus der Grafschaft Görz, haben es im 15. Jahrhundert bis zum Statthalter von Niederösterreich und im Barock zur einfluss- und auch sonst reichsten Familie der steirischen Mark geschafft.
Wir immerhin die sechzig Kehren des Vrsić, sie sind akribisch durchnummeriert, von hüben nach drüben, auf der Nordseite gepflastert, die ganze Strecke ein einziges Vergnügen, nur der dichte Verkehr um Ferragosto kann es ein wenig trüben, manchmal legt sich auch ein übermotivierter Holländer auf die Nase, Sommerurlaub halt.

 

Krajnska Gora ist rasch passiert, das hässliche Jesenice schon gar, und noch lange bevor mit Kranj die nächste Grossstadt droht, biegen wir auf die Landesstrasse 638 ab und cruisen gemütlich und ungestört am Nordhang des weiten Savetals durch Hudi Graben und andere Weiler mit lustigen Namen nach Bistrica na Tršiću. Durch die Stadt fliesst, genau, die Feistritz, die sich dort mit dem Podljubeli trifft, der vom Loiblpass kommt, wir hingegen fahren weiter auf der kleinen landstrasse, sie hat jetzt die Nummer 410, rasten und speisen kurz in einer slow-food Gostilna bei Preddvor, in dessen mitte ein mächtiges, verfallendes Herrenhaus das Geisterschloss gibt, welches im elften jahrhundert noch als Stift Höflein zu jenem von Viktring resortierte, und ergo wohl bessere Zeiten gesehn hat.

Weit wär´s ja nicht, über den Seeberg gelangt man rasch ins kärntnerische Mutterland, die fünfundzwanzig Kilometer auf den Sattel sind in wenigen Minuten erledigt, See seh ich auf dem Berg jedoch weit und breit keinen. Auch die unten in Koroška interessieren nicht, nach den sportlich genommenen sechzehn perfekt asphaltierten Kehren hinunter auf österreichischer Seite lockt rechts die Abzweigung zum Paulitsch Sattel, von April bis November geöffnet, sonst Wintersperre, ergänzen die Untertitel, das macht´s noch interessanter.

 

Der Forst, durch den die markierungslose Piste führt, muss in Privateigentum stehen, so aufgeräumt wirkt er, und die Schranken, welche das vordringen auf Forststrassen verhindern, sind in dezentem Grün gehalten und schauen nicht nach beamtetem Bundesförster aus. Nach wenigen Minuten hüpft man geradewegs über eine Kuppe, das Zollhäuschen balanciert unbeaufsichtigt obenauf, schon sind wir wieder in Slowenien, also auch hoheitstechnisch gesehen. Laut Freytag und Berndt sollte uns ein Umweg über Süden bis nach Gorenje und somit etwa sechzig Kilometer erspart bleiben, wenn wir nur möglichst nahe am Kamm bleiben und die Abzweigung ins richtige Tal, jenes der Meza nämlich, Gemeindegebiet von Bistra.
Zugegeben, eins zu hundertfünfzigtausend ist nicht unbedingt der Massstab einer Wanderkarte, so eine wäre angebracht gewesen, da wären dann wohl auch die farbigen Markierungen erklärt gewesen, landschaftlich war die Strecke aber eine der schönsten der gesammten Reise. Bergbauernhöfe hoch über dichten Wäldern auf steilen, saftig grünen Wiesen, im Hintergrund die schroffen Gipfel der karnischen Alpen, wunderbar, Gegenverkehr kaum, und wenn, dann in Form landwirtschaftlicher Selbstfahrer und ihrer minderjärigen Nachkommen auf knatternden Mopeds, Staubwolken hinter sich herziehend. Weil: nach kürzester Zeit waren nur mehr die Hofdurchfahrten asphaltiert, staubfrei gemacht, wie der Landwirt sagt, ansonsten zeigte sich die Piste nun geschottert, kein Problem, so lange es eben oder bergab dahin ging. An den wenigen Bergaufpassagen hatte die gute Guzzi California ihre liebe Mühe, nicht wegen mangelnder Leistung sondern wegen deren Überfluss, welchen die elektronische Antriebsschlupfregelung eifrig bekämpfte, im Extermfall bis kurz vor der totalen Zündungsabschaltung. Da hiess es vorausschauend fahren, nur nicht den Schwung verlieren, und doch nicht die halbe Tonne bergab aus der Kontrolle verlieren, ganz einfach, so, als ob man einen Dampfer durch´s Kinderbecken steuern würde.

 

Die Burschen von Crna na Koroskem haben ziemlich erstaunt von ihrem xten Bier aufgeschaut, wie wir so aus dem Forst auf den Kirchplatz eingelaufen sind, viel erlebt man ja nicht in so einem ehemaligen Industriestädtchen in Zeiten der Globalisierung. Welche Branche hier genau zu Grunde gegangen ist versteht man plötzlich angesichts des Hinweisschildes auf den nahen Grenzübergang, und die nächste Stadt dahinter, Bleiburg nämlich, wird wohl was mit Metalurgie zu tun gehabt haben, das nächste Dorf hinter der Grenze wäre übrigens, no, erraten, Feistritz ob B.!
Jetzt ist´s nicht mehr weit bis Unterdrauburg, Glück gehabt, Oberdrauburg hingegen liegt ja beinahe schon in Tirol, Dravograd also, dort links die Drau hoch, und dann rechts hinauf in Richtung Heimat über die Soboth. Klingt auch irgendwie komisch, der Name, muss gleich nach einer Übersetzung forschen…

 

Dieser Beitrag wurde am 2013/08/21 um 19:14 veröffentlicht. Er wurde unter motorrad, slowenien abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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