homolka_reist

zug´reist nach roumeli

Gute vierzig Jahre reise ich nun schon nach und durch Griechenland, doch heute erstmals mit der Eisenbahn. Durch, nicht nach, von Athen nach Thessaloniki, und lerne eine neue Seite kennen, die Hinterseite quasi.
Schon der Bahnhof in Athen, die Larissa Station, macht nicht gerade den Eindruck, man wollte einen besonders guten solchen machen, eher pragmatisch hat man das klassizistische Gebäude am einstigen Stadtrand den neuen Anforderungen angepasst. Rot-weisse Absperrbänder sollen Fahrgäste ohne Fahrschein abhalten, kontrolliert wird von mürrischen Beamten, die Wagons des Intercity sind, mit Ausnahme des Erste Klasse Wagens bunt besprayt, innen immerhin sauber, relativ modern und geräumig. Die Abfahrt erfolgt pünktlich, das Signal gibt ein Fahrdienstleiter mit Trillerpfeife, ganz klassisch.
Die Trasse führt nahe der Ethniki Odos, der Autobahn, hinaus in Richtung Marathon, überlegt sich´s dann aber anders, bleibt im Landesinneren, während der Autoverkehr hinunter zur Küste strömt. Erster Stop nach einer Stunde ist Theben, an den trocken gelegten Stymphalische Sümpfen entlang geht es eben dahin bis zum nächsten Anstieg, vereinzelte kleine Bunker erinnern an den zweiten Welt- und den Bürgerkrieg an strategisch wichtigen Engpässen. Hinter dem Küstengebirge kurven wir nach Lamia, beziehungsweise einem Bahnhof in der Nähe, von dem man, wie eine Durchsage verkündet, die Provinzhauptstadt bedient wird.
Und wieder kämpft sich der Zug eine Bergstrecke hoch, parallel wird an einer neuen Linienführung gearbeitet, das heisst momentan gerade nicht, die Trasse ist zwar bestens geschottert, planiert und eingezäunt, auch jede Menge Betonschwellen liegen schon in regelmässigen Abständen bereit, aber weit und breit sind weder Maschinen noch Arbeiter am Werk. In den langgezogenen Kurven auf der Passhöhe weitet sich der Blick, die Thessalische Ebene mit dem Zwischenziel Larissa in der Mitte macht sich breit. Wir stoppen in der ersten Ortschaft am Fuss der Berge, den Bahnübergang von Damokos kenne ich gut von der anderen Seite des Schrankens, ich bin einige Male mit dem Motorrad davor zu Stehen gekommen, wenn die Bremsen von der Abfahrt nicht allzu überhitzt waren.
Auch diesmal ist irgendetwas überhitzt, wegen eines Maschinenproblems legen wir einen unplanmässigen Stopp ein, zehn Minuten Rauchpause werden zahlreich in Anspruch genommen.
Dafür geht´s danach umso schneller weiter, wir rasen durch die weiten Felder, riesige Flächen, fast alle abgeerntet und akkurat geäggt, nur die Baumwolle blinzelt noch weiss wie Schnee von ihren Stauden. Der Bahnhof von Larissa ist in einer viertel Stunde erreicht, und man sieht ihm den Status der bedienten Stadt an. Es ist der erste auf der Reise, der Erwartungen erfüllt, mehrere Bahnsteige, Rangiergleise und Remisen. Offensichtlich lohnt Landwirtschaft hier doch noch, neben der Baumwolle, die nur Dank substanzieller Subventionen vermarktbar ist, dürfte die Wassermelone als zweite wichtige Leitwährung die Menschen hier gut nähren. Aber auch die benötigt massive Unterstützung, ohne massive künstliche Bewässerung wächst die auch nicht wirklich, mehr als die Hälfte des griechischen Wasserbedarfs wird aus den Bergen in die Felder gepumpt, wird sich auf Dauer auch nicht rentieren. Der heurige Sommer scheint immerhin nicht zu trocken gewesen zu sein, die Felder wirken gar nicht ausgezehrt wie so oft, manchmal sticht sogar richtig saftiges Grün ins Auge.
Nachdem sich auf der ersten Hälfte der Strecke die Bahnstrecke zäh durchs Land quält, während der Autoverkehr auf der Ethniki Odos nur so flutscht, wendet sich das Bild am Eingang zum Tembe Tal. Während sich vor der gefürchteten Engstelle die vier Spuren der Autobahn auf eine enge, gewundene Landstrasse durch die Schlucht zwängen, deren unübersichtliche enge Kurven schon so manchem ungeduldigen Automobilisten in Form eines entgegenkommenden Lastkraftwagens einen Riegel vorgeschoben haben. Man kann aus dem Waggonfenster schön beobachten, wie sich plötzlich der Verkehrsstrom auf der Strasse zäh verlangsamt, während der Zug erst so richtig in Fahrt kommt. Denn genau hier beginnt die neue Ausbaustrecke, ausnahmsweise hat mal die Bahn Vorrang bekommen, und wurde zuerst mit einem Tunnel durch die Felsen neben der engen Schlucht bedacht. Der ist nicht nur durchgehend beleuchtet, so dass man aus dem Fenster am Zugschluss blickend ein sehr psychedelisches Reisegefühl erfährt, auch die Schienen tragen ihr Teil zum spaceigen Erlebnis Teil, kein Stoss ist zu spüren, rasant rauscht man unter den Weinbergen von Rapsani durch während sich draussen der Pineios seinen Weg zwischen den 500 Meter hohen Felswänden on Olympos und Ossa bahnt, nur noch zehn Kilometer hat er bis zum Meer vor sich.
An dem geht´s dann flott entlang, vorbei an Ptolemeida, beeindruckende fränkische Burg auf dem letzten Felsen vor den sich weitenden Abhängen des Olymp, Moränenland aus dem Schotter und Errosionsmaterial des Gebirges, ganze Ortschaften aus klassischer Zeit wie die Vororte von Dion, einst bedeutende Hafenstadt, nun vier Kilometer im Landesinneren gelegen, dürften darunter verschwunden sein. Der aus dem Hinterland bei Veria durch eine enge Schlucht rauschende Aliakmonas wird wohl auch einst mächtig Material mitgebracht haben, jedenfalls lässt das weite Mündungsdelta darauf schliessen, jetzt muss er Elektrizität und Trinkwasser für Thessaloniki liefern, aber irgendwann wir er wohl seine Stauseen auch aufgefüllt haben.
Überhaupt, diese Flüsse; Axios, Loudias und Galikos wollen auf dem Weg nach Osten noch überwunden werden, und sie alle scheinen es sich zur Aufgabe gemacht haben, möglichst viel Landmasse vom Balkan ins Mittelmeer zu transportieren, den Thermaikos Kolpos haben sie schon fast zugeschüttet, wenn das so weitergeht hat der Hafen von Saloniki irgendwann mal ausgedient. Dafür werden sich die gefiederten Freunde freuen, schon jetzt ist die unendlich Weite Mündungsebene Naturschutzgebiet, nicht nur Äonen von Zugvögeln wissen dieses ursprüngliche Vögelparadies zu schätzen, auch die einheimischen Tiere fühlen sich hier wohl.
Die nahende Grossstadt kann man schon früh an der zunehmend dichter und gesichtsloser werdenden Architektur erahnen, ettliche Stationen tragen Ortsnamen die mit `Nea´ beginnen, hier haben sich in den neunzehnhundertzwanziger Jahren die ersten Leidtragenden des grossen Bevölkerungsaustausches zwischen dem jungen Griechenland und der noch jüngeren Türkei angesiedelt, die eben erst das Erbe des Osmanischen Reichs angetreten hat. Schliesslich und endlich hält der Zug im Hauptbahnhof von Thessaloniki, und zwar dem `neuen´, nicht zu verwechseln mit der alten Station im Hafen, von dessen Bahnsteigen ein grosser Teil der Bevölkerung der Stadt, zu jener Zeit einer der bedeutendsten jüdischen Metropolen, in die Konzentrationslager des Dritten Reichs deportiert und dort ermordet wurde.
Der neue Bahnhof liegt zwar nun weiter landeinwärts, zwar nur ein paar Blocks entfernt, doch das reicht, um ihm eine völlig andere Stimmung zu verleihen. Hielt am alten noch der Orientexpress, um den Reisenden das Umsteigen auf die gleich nebenan liegenden Dampfschiffe zu erleichtern, versteckt sich der neue geradezu im Hinterland, und das Hinweisschild zum Taxistandplatz leitet einen auch noch durch einen Nebeneingang auf die Margaropoulou Strasse, die nichts Grossstädtisches an sich hat. Aber es ist ja nicht weit zur Via Egnatia, und die bringt einen rasch mitten ins Getümmel der äusserst lebendigen Stadt.

Dieser Beitrag wurde am 2013/10/22 um 21:38 veröffentlicht und ist unter athen, griechenland, thessaloniki abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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