homolka_reist

vorwärts in die vergangenheit

Interessante Versuchsanordnung: vier Journalistinnen ohne Griechenland Vorkenntnisse, ein Journalist mit zwanzig Jahre zurückliegender einmaliger Inselhüpferfahrung treffen auf eine, auch in Athen studiert habende, Archäologin in Verlagsdiensten und den Autor, der Athen seine zweite Heimatstadt nennen darf. Das Experiment gewinnt noch an Spannung durch die Tatsache, dass heutzutage ein private-public-partnership die ökonomisch unruhigen Gewässer Griechnlands bewältigen muss, die Agenden der Griechischen Fremdenverkehrsorganisation wurden an eine Agentur ausgelagert, Discover Greece soll die Aufgabe übernehmen, griechische Hoteliers und andere Unternehmungen die Initiative jeweils finanzieren und durchführen.

Dazu bedient man sich nunmehr einschlägiger Agenturen in den Zielmärkten, muss kein Fehler sein, mit Wilde und Partner hat man diesmal die Richtigen gefunden, kann aber auch zu grotesken Aktionen führen, zum Beispiel lässt mich eine britische Agentur im Auftrag eines Kunden in Nordgriechenland aus Wien via Konstantinopel nach Thessaloniki anreisen. Resultiert in mehr als zwölf langweiligen Stunden in Fliegern und auf Flughäfen, es gäbe auch Direktflüge, nicht mal teurer, da hat wohl wer bei der Buchung nicht mitgedacht, positive Vorurteile generiert man anders!
Verzeihen Sie den kleinen Ausflug in die Leiden des Dienstreisenden, in Athen hat alles bestens geklappt, auch wenn Discover Greece es verabsäumt hat, die zuständige Mitarbeiterin aus Deutschland erst mal einzuladen um sie mit dem zu vertretenden Produkt vertraut zu machen.

Egal, dafür haben sie uns Joanna organisiert, eine engagierte Fremdenführerin, die uns schon am vereinbarten Treffpunkt Ecke Amalias und Dionisiou Aeropagitou gegenüber des Hadriansbogens. Also eigentlich den Rest der deutschen Gang, ich retourniere erst mein Motorrad, dank Motorent habe ich die Anreise vom Kap Sounion auf der Posidonos Avenue entlang der Küste genau so absolviert, wie ich es liebe: mit Morgensonne im Haar, Meersesluft in der Nase beschwingt durch den Frühverkehr surfend.

Ich stosse also vor dem Akropolis Museum zur Gruppe, vor dem Eingang drängen sich unzählige Teenager auf den Glaspanelen über den Ausgrabungen der Zivilstadt am Fusse des Burgberges, Schülergruppen besuchen auch heute zahlreich und schnatternd den modernen Tempel ihres reichen antiken Erbes. Doch sogar die unüberhörbare Lebensfreude der reizüberfluteten Teenies erfährt unerwartete Zügelung angesichts der beeindruckenden Exponate in der gekonnt inszenierten Museumsarchitektur von Bernhard Tschumi und Michalis Fotiadis.

Durch einen relativ schmalen, dunklen, leicht ansteigenden Gang geht´s hinauf zum Licht, in den Wänden machen dezent beleuchtete Vitrinen mit der hellenischen Götterwelt bekannt, im Boden eingelassen zitiert ein, ohne sachkundige Führung leicht zu übersehender, Schaukasten das Ritual, mit welchem man, teilweise bis heute, anlässlich der Grundsteinlegung den Segen der Götter zu beschwören sucht. Ein paar Votivobjekte, Geflügelknochen die vom Schlachtopfer zeugen, auch heute noch muss oft zumindest ein Hendl dran glauben und mit seinem Blut das Fundament veredeln, wenn ein Neubau entsteht, nicht nur in den Bergen oder auf den Inseln Griechenlands, soll auch in den Alpen vorkommen.

Noch eine Treppe hoch und wir stehen vor steinernen Zeitzeugen, die es weiter nördlich jedoch sicher nicht zu sehen gibt. Langsam arbeitet sich der Besucher chronologisch die Jahrhunderte herunter ins Athen des Solon, die Statuen werden immer eleganter, hören bald auf peinlich berührt zu lächeln, auch die weiblichen, obwohl sie mit zunehmender Zeit immer mehr von ihrer körperlichen Schönheit zeigen. Um schliesslich in der Ära Perikles´ zu landen, dem wir die Akropolis verdanken, wie wir sie kennen, samt Propyläen, Parthenon und Erechtheion, übersichtliche Modelle erlauben diese einzigartigen Gebäude in toto zu bewundern, so wie sie von ihren Designern erdacht worden waren.

Und endlich, ganz oben, die Präsentation des umlaufenden Frieses des Parthenon in Lebensgrösse, man kann die Figuren der beiden Giebelfriese aus der Nähe betrachten und staunt über die meisterliche und detailierte Ausführung selbst der nach Fertigstellung für den zeitgenössischen Betrachter unsichtbaren Rückseiten der unter der Leitung von Phidias angefertigten Statuen. Dank grosszügiger Fensterflächen kann man die Details hinauf zum nur dreihundert Meter entfernt deutlich sichtbaren Tempel projizieren, gemeinsam ergeben Museum und die nahen, ständig im Status der Renovierung befindlichen Ruinen des tatsächlichen Parthenon einen plakativen Eindruck der unglaublichen Macht, Pracht und Grösse des antiken Stadtstaates.

Joanna lockt uns danach natürlich auf den Burgberg der Athener, am Dyonisos Theater und dem Odeion des Herodes Atticus vorbei, durch die Propyläen hinauf auf die Ebene, die mit dem Schutt der vorher bereits dort existenten Tempel zum Bauplatz für die repräsentative Kultstädte des wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt der Welt im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechung ausgeweitet wurde. Immer noch reichlich majestätisch, der Blick reicht weit über Piräus hinaus aufs Meer, bis hinüber zu den Gebirgen der Pelopones, andrerseits zu den Gipfeln des nahen Lykavittos, zum einst dicht bewaldeten Hymitos, der Bau- und Brennholz zu liefern hatte, und das Penteligebirge im Osten, von wo dank akribischer Logistik ständig makelloser Marmor zur Baustelle angekarrt wurde.

Am höchsten Punkt des Festungshügels flattert heute tagein tagaus eine riesige Nationalflagge, von fast jedem Punkt der Stadt sichtbar, welche sich gleich unterhalb der steilen Abhänge auszubreiten beginnt, und die sich seit ihrer Wiedergeburt Mitte des vorletzten Jahrhunderts bis weit an die Grenzen Attikas ausgebreitet hat, viel weiter als das Auge reicht!

Dieser Beitrag wurde am 2014/05/18 um 11:59 veröffentlicht. Er wurde unter athen, griechenland abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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