homolka_reist

beachlife mitten in der metropole

Mir ist das immer ein wenig zu intim, Badematel und Schlapfen im Hotellift. Im Tel Aviv Sheraton wird die Situation noch ein bisserl verschärft. Wenn man morgens bei „-1 / Beach Access“ den Lift verlässt, steht man schlagartig mitten im Berufsverkehr. Immerhin an einer Fussgängerampel, und auf der anderen Seite wartet die Belohnung: endloser Sandstrand, mitten in der Stadt! Der wird auch reichlich genutzt jeden Morgen, zum Joggen, Walken oder eben Kraulen. Wem ein Badeurlaub ohne brodelndes Citylife im Hintergrund als Fluchtperspektive aus der Idylle zu langweilig erscheint, der ist hier jedenfalls bestens aufgehoben!
Sich jetzt über das doch unstädtische outfit Gedanken zu machen ist unnotwendig, die Israelis sind von der legeren Sorte. Und in Tel Aviv ist man erst recht stolz auf die gelebte Toleranz. Ist aber auch einfach, grosszügig zu sein, wenn man jederzeit abbiegen kann, an´s Meer! Das historische Stadtzentrum liegt zwar ein paar Blocks landeinwärts, aber wirklich weit weg ist man nie vom Strand. Und der ist laaang, heisst alle paar Kilometer anders, Gordon, Frishman, Bograshov, damit man sich was ausmachen kann, zum Sundowner. Ganz im Süden gibt’s noch Yerusalem und Banana Beach, keine Ahnung warum die so heissen, weder besonders viele Orthodoxe finden sich hier, noch tropische Vegetation.

Muss es aber gegeben haben hier, wenn auch in Form anderer Früchte. Gar nicht so lange her, da stand ja Jaffa synonym für Orangen, und genau von hier sind sie gekommen. Die Festung von Jaffa, welche von jedem Punkt der Promenade das Panorama dominiert, hat schon den Römern gute Dienste geleistet, und später dann den Kreuzrittern. Die haben eine Festung errichtet, na ja, errichten lassen wohl eher, wahrscheinlich auch von den vielen arabischen Siedlern, die hier einst hausten. Von denen gibt´s immer noch welche, nicht viele halt, weil die Gegend hip und teuer geworden ist. „Funktioniert hier genau so wie überall sonst auch. Die abgewohnten Häuser werden von Investoren gekauft, hergerichtet, und dann ziehen wohlhabende Bobos ein,“ erklärt Ali, der sich nicht verdrängen lassen hat.

Tatsächlich hat sich die Gegend ziemlich verändert, seit die Bilhauerin Ilana Goor eine verfallene Kreuzritterresidenz mitten im historischen Zentrum gekauft, saniert und 1995 zu ihrem Museum und Atelier gemacht hat. Ilana passt perfekt hier her, die Bilhauerin vereinigt Altes mit Neuem, zu bewundern sind, neben ausgefallenen Schmuckstücken, futuristische Retromöbel.
Doch sie war nur eine der Ersten, die sich in der romantischen Kulisse wohlfühlen, die engen Gasserln beherbergen mittlerweile ettliche Galerien, Bars und Cafés. Besonders beliebt ist die malerische Kulisse auch bei Hochzeitspaaren, gerne lässt man sich hier photographieren. Versuchen Sie mal, anhand der Kleidung die jeweilige Religion der Glücklichen zu erraten. Gar nicht so leicht, schliesslich gibt sich Yaffa immer noch recht multikonfessionell, das spürt man auch im alten Souk. Hier entdeckt man mit ein bisserl Mazel originelle Fundstücke aus der Frühzeit des Staates, skurile Alltagsjudaika, allerlei Nippes, aber auch das eine oder andere Möbelstück von Omi aus der K&K Monarchie. Ein schönes Beispiel für friedliche Koexistenz ist auch die winzige Humustaverne Ali Karavan. Wie heisst´s so schön, beim Esssen kommen die Leut´ zusammen, und Humus, Foul und Falaffel schmecken halt bei Abu Hassan am besten, da sind sich alle einig!

Weil so ein Hafen recht praktisch ist, wenn man sich über das Meer nähert, aber gar nix bieten kann, wenn man weiterreisen will, gab es schon im neunzehnten Jahrhundert Bestrebungen, eine Eisenbahn nach Jerusalem zu bauen. Der erste Versuch von Sir Moses Montefiore, war zwar wenig erfolgreich, aber ein paar Franzosen haben dann doch eine nette kleine Eisenbahnlinie zustande gebracht, den Suezkanal verdanken wir ja auch der Grande Nation. Haben wohl bessere Connections zu den damals regierenden Osmannen gehabt. 1891 wurde die Linie eröffnet, und kurz vor der Unabhängigkeit Israels 1948 wieder geschlossen. Übrig geblieben ist das Bahnhofsgelände in Neve Zedek, einen Steinwurf von Yaffa entfernt. Die Gebäude sind anlässlich des hundertsten Geburtstag der Stadt aufs vorzüglichste renoviert und 2009 wiedereröffnet worden, Boutiquen und Cafés beleben jetzt die klassizistische Wartehalle, in den Nebengebäuden finden Theathergruppen einen inspirierenden Auftrittsort, sehr hip, sehr europäisch.

A propos europäisch: ein bisserl abseits, hinter dem Bahndamm, lohnt ein Besuch bei der Sankt Immanuel Kirche. Die Gegend läuft unter der Bezeichnung American oder auch German Colony, bennannt nach dem einst namhaften Hospiz, wo sich Kaiser Wilhelm mit Theodor Herzel getroffen hat, zwei wichtige Proponenten der deutschen Kultur. Die Kirche wurde von alttestamentarischen deutschstämmigen Pilgern aus Maine gegründet, die haben das Bauholz aus Amerika mitgebracht, und ihr kleines Dörfchen in Palästina errichtet. Sehr skuril, schaut aus wie ein Dorf hoch im Norden, die Hitze weist aber auf die geographische Lage am Rand der Wüste hin. Ergibt eine ausgesprochen angenehme friedvolle Stimmung, das finden natürlich auch Künstler wie Yosif Chaim, der den unbedarften Turisten gerne in ein Gespräch über Gott und die Welt verwickelt, wobei ihn eher zweiteres interessiert.

Umgekehrt verhielt es sich bei den ersten Siedlern, von der Welt verfolgt taten sie sich zusammen, vertrauten sie auf G´tt, kauften Land in Palästina. Die ersten dreissig Familien verlosten dann die Parzellen, daraus entstand erst die Siedlung Neve Zedek, und zweiundzwanzig Jahre später Tel Aviv. Neve Zedek wechselte seither mehrmals zwischen hip und heruntergekommen, mittlerweile ist die Gegend wahnsinnig angesagt, das wird so wohl auch bleiben. Immer schon bei Künstlern beliebt, die Art Nouveau und Bauhaus-Architektur legt davon Zeugnis ab, schien das Viertel in den sechziger Jahren schon verloren. Die Gefahr ist wohl gebannt, in der Shabazi Strasse werden schöne Umsätze in einschlägigen Boutiquen und Bars gemacht. Im Mittelpunkt steht das renomierte Suzanne Dellal Center, Kulturzentrum der Stadt und Heimat der renomierten Batsheva Modern Dance Troupe.

Schräg gegenüber, bei `Suzana´ –man beachte die unterschiedliche Schreibweise!- dreht sich alles um leibliche Genüsse. Das Lokal hält seit 15 Jahren seine Qualität, die Küche reicht vom traditionellen israelischen Frühstück, über die klassisch nordafrikanische-levantinische Küche bis zum Cocktail im Sonnenuntergang in der Rooftop-Bar. Man speist persichen Reis, irakische Suppe und yemenitische Deserts unter einem riesigen Ficus in dörflicher Stimmung, die Terasse ist origineller Weise in Raucher- und Nichtraucherbereich getrennt, je nach Windrichtung macht das mehr oder weniger Sinn. Aber die vielen aus Amerika zugewandert Neo-Israelis legen tatsächlich Wert auf ihre korrekten Erungenschaften, auch wenn ihnen der Wind den blauen Dunst erst wieder in die Augen treibt. Die strengen Rauchergesetze stehen den europäischen in nichts nach, das dürfte sich aber noch nicht so wirklich herumgesprochen haben.

Die sehr heterogene Mischung der „Einheimischen“ bringt eine Vielzahl von Geschmäckern mit sich, die in zahlreichen, ganz unterschiedlichen, Lokalen bedient werden. Man will ja schliesslich schlemmen wie bei Omi, die möglicherweise in Polen gelebt hat, in Paris, in Marokko oder Shanghai, und mit ein bisschen Glück ihr Leben und ein paar Rezepte gerettet. Nach Jahrhunderten des Asimilierens sind nun nicht nur die Gerichte der Diaspora nach Israel eingewandert, sondern auch so mancher Brauch aus der alten Heimat. Zwischen den Alleebäumen des Rothschild-Boulevards kann man Männer beim Petanque-Spiel beobachten, in der „Brasserie“ am Rabin Platz könnten sie danach ihren Hunger mit Choucrute Garni und Coq au Vin stillen. Gleich um´s Eck, in der Ahad Ha´am Strasse, ist das „Cafe Noir“ eine beliebter Treffpunkt zum Businesslunch für Geschäftsleute, Journalisten und Politiker. Einer der Gründe mag sein, dass sich hier diskret Geschäfte abwickeln lassen. Doch unter Gourmets und Altösterreichern gilt das Cafe Noir vor allem als Heimat des besten Schnitzels in ganz Israel, dünn ausgeklopft das erstklassige Kalbskotlett und knusprig in Butterschmalz gebacken, auf Wunsch auch gerne als klassisches `Wiener vom Schwein´.

Wohnen tun die wohlhabenderen Aschkenasen allerdings eher oben im Norden. Dort, rund um Basel Square und den Kikar Hamedina, wo israelische Fashionistas mit hohem Einkommen oder großzügigem Überziehungsrahmen einkleiden residieren auch die lokalen Designer, wie Loulou Liam, deren Boutique sich versteckt in einer ehemalige Wohnung befindet, oder Frida, die für Donna Karan gearbeitet hat, bevor sie sich in Israel niederließ. An Donnerstagen sollten Sie Ausschau nach in zweiter Spur geparkten Limousinen halten, da wird gern geheiratet. Und wenn die Braut endlich voll aufgemascherlt ist, wartet der Hochzeitsphotograph schon auf dem Trottoir, um die Holywood-Pracht gebührend zu belichten. Die coolen jungen Professionals ignorieren das überkochmezte Treiben, lassen sich ihr Sushi schmecken, oder geniessen ein Glaserl Chardonay in einem der Schanigärten, die den Platz säumen, erholen sich so vom hitzigen Powershopping in den kleinen, feinen Boutiquen in denen meist die Designer höchstpersönlich beraten, um gerüstet zu sein für den Abend. Denn auch als Partymetropole ist Tel Aviv längst ein Begriff, Sie werden schon sehen!

Dieser Beitrag wurde am 2014/06/27 um 12:15 veröffentlicht und ist unter israel, tel aviv abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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