homolka_reist

stop & shop am bosporus

Günstiges Ticket für den Flug in den Süden mit Turkish Airlines ergattert? Dann müssen Sie wahrscheinlich in Istanbul umsteigen, eine gute Gelegenheit, sich dem ganz normalen türkischen Shoppingwahnsinn hinzugeben!

Atil Kutoglu zwängt sich in die Ecke neben dem Spiegel, um die elegante Dame vor dem Spiegel bei der letzten Anprobe ihres Hochzeitskleides mit ihrem Handy zu Photographiern, schliesslich muss sie ja ihre besten Freundinnen von den letzten Änderungen in Kenntnis setzen. Kutoglus Atelier liegt im Mezzanin eines prachtvollen Gründerzeithauses im gutbürgerlichen Wohn- und Geschäftsviertel Nisantasi, aus dem Schaufenster blickt man hinunter auf die enge, von edlen Boutiquen gesäumte Bostan Sokak. Gegenüber erhebt sich mit dem legendären Herrenausstatter Beyman quasi der Urvater der türkischen Modewelt fünf Stockwerke über seine Epigonen, vorne an der Ecke sind mit Louis Voutton, Prada und Gucci schon längst auch die Zeugen dafür eingezogen, dass Istanbul seinen Platz in der Welt der Reichen und Schönen längst gefunden und behauptet hat. Und gerade hier, in jenem Stadtteil, wo sich seit über hundert Jahren die bürgerlichen, westlich orientierten, intellektuellen Eliten angesiedelt haben, scheinen auch dem Konsum keine Grenzen gesetzt zu sein. „Wenn in Wien jemand eine Stunde in meinem Geschäft steht, drei, vier Teile anprobiert, bin ich schon froh, wenn er schliesslich mehr als eines mitnimmt. Hier kommen die Kunden herein, schauen sich sechs Sachen an, und gehen manchmal mit neun raus“ schildert er einen wichtigen Beweggrund, 2009 ausgerechnet hier sein Flagshipstore eröffnet zu haben.

Kutoglu ist um Diskretion bemüht, erklärt der Dame in Weiss, dass der Freund aus Wien nur Erinnerungsphotos macht, hat er mir doch erklärt, seine Kundin wäre eine bekannte Persönlichkeit, und die geplante Hochzeit mit einem noch bekannteren Geschäftsmann höchst geheim. Doch Asligül Atasagun, Journalistin beim TV Sender Cine5, welche Kutoglu mir als `Danielle Spera der Türkei´ vorstellt, hat gar nichts dagegen, sich als Modebewusste Frau zu outen. Und schon gar nicht, als Kundin des international renomierten austro-türkischen Designers, auf den man hier recht stolz ist. „Schon ihre Mutter, eine prominente Repräsentantin der besseren Gesellschaft, war bekannt als eine der elegantesten Damen der Stadt“ erklärt Kutoglu, und dass dies hier im aufgeklärten Teil des Landes durchaus auch als Aussage bezüglich der gesellschaftspolitischen Ausrichtung gewertet werden kann.

Als ob das hier nötig wäre! Nisantasi zeigt sich geradezu als Inbegriff des westlichen Kapitalismus europäischer Ausprägung, sonst, meint Atil, würden sich die Türken eher an den Amerikanern orientieren. „Ein befreundter Wirtschaftsforscher hat ausgerechnet, dass in Wien, wenn die Österreicher den gleichen Prozentsatz ihres Einkommens für Konsumartikel ausgeben würden, die Umsätze mindestens vier mal so hoch sein müssten!“ Was ihm, wie er gerne zugibt, sein Wien so lebenswert erscheinen lässt, doch als Geschäftsmann sieht er die Zukunft klar in Istanbul. Auch hat die Designer Szene schon längst internationales Niveau erreicht, die Mode Akademie liegt kaum eine Gehminute vom Atelier entfernt, gegenüber vom Wohnhaus des Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, nur damit das kulturelle Umfeld geklärt ist.

Wirtschaftlich befindet sich die Türkei im Brennpunkt von Kulturen, die im zwanzigsten Jahrhundert unter komunistischer Zentralpolitik gelitten haben, nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums vom Westen stiefmütterlich behandelt wurden, aber nun einen ziemlichen Appetit auf Konsumprodukte haben. Und die Menschen am östlichen Balkan, aber auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken wollen sich auch endlich so anziehen, wie sie es aus italienischen Modemagazinen und Fashion TV kennen. Von dieser Nachfrage und den immer noch günstigen Produktionskosten der auf eine lange Tradition zurückblickenden Textilindustrie haben eine Reihe von Modelabels profitiert, die sich nun anschicken, auch auf den westlichen Märkten zu reüssieren. Eines davon ist auch Atil schon ins Auge gestochen, „da vorne hat eine neue Boutique aufgemacht, schaut interessant aus!“ Tatsächlich hat mich auch schon eine in Istanbul lebende österreichische Künstlerin auf ihren Freund Metin Öztürk angesetzt, dessen Firma über mehrere Dutzend Outlets im Franchisesystem 80 % ihrer Produktion ins Ausland exportiert. Jetzt versucht der ehemalige Lehrer zusammen mit seinem Partner, der nach Jahren als Controller in Grosskonzernen nun origineller Weise den Designer gibt, das Label zur Marke zu machen. In Russland, der Ukraine und einigen Nahoststaaten ist das schon gelungen, RCR ist dort modeaffinen Männern ein Begriff, kein Wunder, bietet man mit der reduzierten, sehr virilen Mode, die sich stark am italienischen Stil orientiert, eine leistbare, wenn auch nicht billige Alternative zu Legenden wie Armani & Co an.

Das ist dann auch in Etwa die Preisklasse, welche man auf der Istiklal Caddesi antrifft. Im Gegensatz zum stark Luxusmode lastigen Nisandasi findet man auf dieser Hauptgeschäftsstrasse des alten Istanbul, die vom Verkehrskonten des Taksim Platzes hinunter zur zweitältesten U-Bahnstation der Welt in der Nähe des Galata Turms läuft, so ziemlich Alles, was man sich auch auf der Mariahilferstrasse erwarten würde. Jeans und Sneakers, Buchhandlungen, Plattenläden und jede Menge Cafes, Snack Bars, Restaurants, Music Clubs. Der drei Kilometer lange Boulevard wird täglich von drei Millionen Menschen frequentiert, die kleine alte Strassenbahn in der Fahrbahnmitte stellt dann eher eine Gesundheitsgefährdung denn eine Marscherleichterung dar. Neben der Istiklal, hinunter zum Bosporus hin, reiht sich ein interessantes Viertel an das andere, in Cukurkuma findet man reichlich Ramsch und Antiquitäten aus aller Welt, in Cihangir mit der Cezahir Strasse eine einzigartige Ansammlung von kleinen Bars, die sich entlang einer steilen Gasse auf Treppen und Terassen breit machen.

Das untere Ende der Istiklal ist ein Paradies für Musiker auf der Suche nach neuen Instrumenten, hinter dem Galata Turm kommen dafür seriöse Trinker auf ihre Rechnung. Im `Sensus´ werden nicht nur die feinsten türkischen Käse serviert, sondern vor Allem die Besten der unzähligen türkischen Weine, dreihundertsiebzig hat man gelagert, fünfzig immer offen, um sie auch verkosten zu können. Bis vor kurzem war die Gegend, abgesehen von den einschlägigen turistischen Einrichtungen, eher von Handwerkern und Kleingewerbe geprägt, doch als Bahar Korcan mit ihrer neuen Boutique in die Serdar-i Ekrem Sokak, einer bis dahin eher schäbigen Seitengasse, eingezogen ist, hat sie einen wahrhaften Boom ausgelöst. Bahar Korcan hat in Paris Mode studiert, nach ihrer Rückkehr bei Vakko, dem, wie ihn die türkische Haute Volée nennt, `Dior der Türkei´ gearbeitet, schliesslich 1983 in Nisantasi ihr eigenes Atelier eröffnet. „Das war eine perfekte Zeit, die Kaufkraft war hoch, aber ich eine Art Mode-Alien in der Türkei!“ schildert sie lachend ihre Startschwierigkeiten. Das hat sich mittlerweile geändert, heute ist sie die Doyenné der Modedesignergilde, gibt den Ton an. „2005 habe ich meiner Sehnsucht nach der Gegend hier nachgegeben. Ich wusste immer schon, dass ich meine Boutique irgendwann in diesem faszinierenden Teil der Stadt haben werde!“ Heute ist sie nicht die einzige, doch anfangs hielt man sie für verrückt, als sie das Holzlager einer Tischlerei in einen eleganten Showroom umwandelte. Jetzt kann man in der Gasse ganz bequem spazierend einen Überblick über die lokale Designszene verschaffen, nicht nur in Boutiquen, sondern in auch in interessanten Concept Stores, welche gleich eine Reihe von spannenden Talenten vorstellen.

Doch zum Schluss musste ich noch, wohl oder übel, Nachschau halten, wie die breite obere Mittelschicht ihre Konsumbedürfnisse befriedigt. Zwar zählen Shopping Center nicht wirklich zu meinen persönlichen Wunschdestinationen, doch schon bei früheren Besuchen haben mich Malls wie `Kanyon´ oder `Adressistanbul´ beeindruckt, derzeit gilt der `Istinye Park´ als höchste Pilgerstätte der Konsumgläubigen . Istanbul entwickelt sich auf dem europäischen Kontinent entlang einer Achse parallel zum Bosporus rasant nach Norden, zwanzig Millionen Menschen brauchen schliesslich Platz, und mit jeder neuen Brücke nach Asien kommen mehr. Am Sonntag scheint es sie alle mit dem Auto in diese Konsumtempel zu ziehen, die Zufahrtsstrasse ist jedenfalls derart verstopft, dass mein Chauffeur mir empfielt über die Leitschiene der Schnellstrasse zu klettern, und die letzten Meter zu Fuss zu bewältigen. Vor der Einfahrt zu den Parkplätzen wird aussortiert, nur Luxuskarossen vom Schlage Aston Martin, Ferrari, Bentley und Co kommen in den Genuss des Valet Parkings, alle anderen müssen in die Tiefgarage. Den ein Hektar grossen Vorplatz vor dem Eingang in das riesige, grösstenTeils unterirdische Center bildet ein Geviert aus architektonisch durchaus wertvollen Boutiquen, in welchen ausschliesslich teuerste Markenware der renomiertesten Hersteller erhältlich ist, Fussbekleidungsmässig zum Beispiel Jimmy Choo, Manolo und Konsorten. Faszinierender Weise sind auch die Regale bei Prada, Gucci und LV vollgeräumt, wie man es sonst nur von Diskontläden kennt, durchaus verständlich, wenn man erfährt, dass Kundschaft aus Dubai extra anreist, um sich hier einzudecken. Die eigentliche Mall kann dann fast nur entäuschen, meint man, doch keine Sorge, es gibt ja noch die günstigen Line Extensions wie Armani Exchange oder Ralph Lauren Sports. Aber allein die schiere Grösse des Gebäudes beeindruckt, das sich von aussen ganz unscheinbar gibt, in den Hang gebaut, in seinem ganzen Ausmass gar nicht sichtbar ist. Dazu gesellt sich ein gut besuchtes Kinocenter, ein riesiger Food Court, und reichlich Cafes auf jeder Ebene. Die alle sind heute bestens besucht, auch Kutoglu treffe ich hier, der seinerseits mit einer Freundin verabredet ist. Für mich ganz unverständlich, doch Atil kann´s erklären: „In diesen Suburbs leben Millionen von Menschen, welche die ganze Woche hart und lang arbeiten. Aber hier gibt es keine gewachsenen Strukturen, keine Ortszentren, also trifft man sich in der Mall. Ausserdem, wie gesagt, sie müssen in ihrer spärlichen Freizeit ja auch noch vier mal so viel Geld ausgeben, wie wir in Wien!“

Adressen

Atil Kutoglu
Bostan sokak 9/2, Nisantasi
www.atilkutoglu.com

RCR Modus Vivendi
Mim Kemal Öke caddesi 16, Nisantasi
www.rcr.com.tr

Bahar Korcan
Serdar-i Ekrem sokak 9, Galata-Tünel
www.baharkorcan.org

Fashion Tunnel
Coop-Boutique junger türkischer Designer, Alltagstaugliche Mode für Sie und Ihn, Accessoires und Schuhe
Serdar-i Ekrem sokak 33/b, Galata
www.fashiontunnel.com.tr

Lunapark
Designobjekte von Lampen bis Geschirr, Einrichtungsobjekte, auch bedrucktes Papier von Taschenkalender bis Prachtbildband
Serdar-i Ekrem sokak 17/b, Galata
www.lunaparkshop.com

Building
Serdar-i Ekrem cadesi, Beyoglu
Temporäre `fashion-pop-up-stores´ an der Schnittstelle von Kunst und Mode, derzeit in der Serdar-i Ekrem sk. 27/a
www.building.com.tr

Sensus
Bereketzade Mah. Büyükhendek Cad. 5, Beyoğlu
Willkommene Tränke hinter dem Galata Turm, die besten Weine aus dem ganzen Land, feine mediterrane Snacks
www.sensuswine.com

Dieser Beitrag wurde am 2014/07/07 um 15:54 veröffentlicht. Er wurde unter istanbul, türkei abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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