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Nicht nur Paläste!

In den aktuell medial allgegenwärtigen Huldigungen der Wiener Ringstrasse werden grosso modo die üblichen Verdächtigen präsentiert, Ringstrassenpalais und Kultstätten der bürgerlichen Kultur, wie man sie in jedem Reiseführer auch findet. Dabei wird gerne vergessen, dass das Wachstum Wiens auf die etwa zwanzigfache Einwohnerzahl natürlich auch jenseits der Prachtbauten das Spielfeld der Stadt neu gezeichnet und radikale Veränderungen mit sich gebracht hat. Und dass, neben den jüdischen Grossindustriellen und Kleinaristokraten, denen das Jüdische Museum Wien eine Ausstellung gewidmet hat, sich auch noch andere, mittlerweile in Vergessenheit geratene erfolgreiche Zuwanderer, in den Dienst der Sache und ihr Vermögen zur Verfügung gestellt haben, um Wien zur Weltstadt werden zu lassen. Und dann wären da noch ein paar interessante Details, die den Mainstream Medien vernachläsigbar erscheinen dürften.

Der 1. Mai 1865 als Eröffnungsdatum der neuen Wiener Ringstraße ist unstrittig, auch das Dekret von Kaiser Franz Joseph, die Befestigungen zu schleifen und eine solche zu errichten ist eindeutig mit 20. December 1857 datiert. Doch die Geschichte dieses weltweit einzigartigen Boulevards reicht weiter zurück. Und ist, für den gelernten Österreicher wenig verwunderlich, bei weitem nicht so geplant von Statten gegangen, wie die offizielle Geschichtsschreibung insinuiert.

Vielmehr konnten die zu jener Zeit schon anachronistischen Schutzbauten Napoleons Truppen nicht mal erschrecken, die Stadt wurde kampflos nach kurzem Beschuss übergeben, die Mauern zwischen Löwel- und Augustinerbastei, hinter denen die Residenz von Franz´ II lagen, wurden daraufhin auf Befehl Bonapartes geschliffen. Dafür nahm Ersterer die Tochter des Zweiten zur Gattin, Joseph entledigte sich seines Ministers Graf Stadion und ersetzte ihn durch den ungleich berühmter gewordenen Metternich.

Den nun brach liegenden Bereich zwischen Burg und Vorstadt entdeckten die Wiener rasch als Naherholungsgebiet, die, noch vorhandenen Glacis boten „herrliche Ausblicke auf Stephansdom, Vorstädte und Paläste“, wie Eichendorff berichtet, nur die so genannte Elendsbastei am Schottentor mieden die besseren Leut´ in Anbetracht der dort grassierenden Prostitution und Kleinkriminalität.

Mit der durch „Allerhöchstes Handbillet“ 1857 bekannt gegebenen Schleifung der Mauern sollte sich dies schleunigst ändern, der nun einsetzende Bauboom ließe sich durchaus mit jenem in den Emiraten im 20. Jahrhundert vergleichen. Zwar war, wie so oft in seiner Geschichte, das Haus Habsburg knapp bei Kasse, die Händler, Geschäftemacher und Industriellen des nach dem Wiener Kongress zur Wirtschaftsmacht aufgestiegenen Reiches durch den Fall der Zollschranken und des ergo riesigen Binnenmarktes verfügten indes über nahezu unbeschränktes Kapital. Um dieses der Reichshaupt- und Residenzstadt zwecks Upgrade zur Weltstadt urbar zu machen rief die Regierung den Stadterweiterungsfonds ins Leben, welcher das plötzlich gewonnene kostbare innerstädtische Bauland verwalten und verwerten würde.

Womit der Staat einerseits Geld in die Kassen spülte, um sich am neuen Prachtboulevard selbst in Form von Repräsentationsbauten zu feiern, und dem neuen Geldadel Gelegenheit gab, dem alten gleichzuziehen und seine Palais prominent zu platzieren. So haben es etwa die Ephrussis gemacht, Bankiers und Großhändler aus Odessa, deren Geschichte Dank Edmund de Waals Familienchronik hinlänglich aufgearbeitet wurde. Ihr Palais am Schottenring blickt auf Votivkirche und Universität, zwei repräsentative Vertreter öffentlichen Bauens in der Ringstraßen Gründerzeit.

Die Votivkirche wurde „zum Dank für die Errettung Seiner Majestät“ nach einem Missglückten Attentat auf Kaiser Franz Joseph durch den Schneidergesellen Janos Libényi von Erzherzog Maximilian angeregt. Den 1854 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewann der junge Heinrich Ferstel, als Baugrund wurde das Gebiet des soeben geschliffenen Glacis in der Alser Vorstadt gewählt. Und weil die Erlöse aus dem Stadterweiterungsfonds noch in weiter Ferne lagen rief der Erzherzog die Völker der Donaumonarchie zu Spenden auf, 300 000 beteiligten sich, 20 Jahre nach der Grundsteinlegung wurde dieser erste Bauauftrag der neuen Ringstraße schließlich anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares am 24 April 1879 feierlich eingeweiht.

Das andere wichtige Gebäude, welches die Ephrussis aus ihrem Salon sogar entstehen sahen, ist die, ebenfalls von Ferstel im Neorennaissancestil entworfene, Wiener Universität. Das neue Haus der heuer ihren 650. Geburtstag feiernden ältesten Universität im Deutschen Sprachraum wurde, im Gegensatz zur viel kleineren Kirche, in sieben Jahren fertiggestellt und nahm als neues Hauptgebäude mit seinen zahlreichen Instituten, Hörsaälen und Bibliotheken 1884 den Betrieb auf.

Der rasche Baufortschritt könnte dem erfreulichen Umstand geschuldet sein, dass man sich beim Bau nicht allzusehr um Budgets sorgen musste, mit Simon Georg Freiherr von Sina bürgte ein großzügiger und überaus Vermögender Stifter für die Begleichung der Rechnungen. Er war Sohn und Erbe des Georg Simeon von Sina, einem griechischen Händler aus Nis, der mit seinem Vater Simon Georg d.Ä. um 1800 nach Wien gekommen und mit dem Import von Waren aus dem Osmanischen Reich, allem voran Tabak und Baumwolle, rasch zu beträchtlichem Reichtum gekommen war. Die Familie stieg innert kürzester Zeit zum bedeutendsten Konkurrenten der Esterhazys als größter Grundbesitzer und der Rothschilds als bedeutendste Bankiers der Monarchie auf, ja löste beide in ihren Führungspositionen Ende zur Jahrhundertwende ab. Seine Großzügigkeit und die Tatsache, dass er für vier Töchter zwecks standesgemäßer Verehelichung die Mitgift aufbringen musste führte schließlich dazu, dass das Palais der Familie verkauft werden musste und der Name der Vergessenheit anheimfiel.

Die Wirkung der Sinas auf die Ringstraße ist allerdings weiterhin sichtbar, haben sie doch den jungen dänischen Architekten Theophil, ab 1884 Freiherr von, Hansen nach dem Studium in Athen nach Wien geholt, um hier Bauprojekte im „griechischen Stil“ umzusetzen. Was er denn dann auch gründlich tat, kaum ein Architekt hat das Bild der Ringstraße so sehr geprägt, wie Hansen. Vom Palais Erzherzog Wilhelm am Parkring, über den Heinrichshof am Opernring, das Ephrussi am Schottentor, die Akademie am Schillerplatz, die Börse, sein eigenes Palais Hansen bis zum Reichsratsgebäude, welches heute als Parlament bekannt und wohl eines der Lieblingsmotive tausender Touristen täglich ist. Ein Detail entgeht ihren Cameras dabei meist, nämlich jene vergoldeten Ornamente, welche an der nordöstlichen Ecke, gegenüber des Palais Epstein -Architekt, sie ahnen es, Hansen- in der Sonne glänzen. Hier durfte Hansen die Polychromie zeigen, die er sich vorstellte, das Baukomitee sah und siegte, unter Verweis auf Budgetnöte blieb es beim Beispiel. Anscheinend unsichtbar bleibt hingegen eine Innovation Hansens, welche das ganze Gebäude bestimmt: erstmals wurde hier nicht der am Bau damals, nicht nur in Österreich noch übliche, Klafter als Maßeinheit verwendet, sondern der unerhört moderne Meter angewandt!

Freilich war nicht allen Ringstraßenarchitekten das Glück so hold wie dem dynamischen Dänen, so hatten etwa die Kollegen van der Nüll und von Sicardsburg mit Lieferengpässen beim Baumaterial für das von ihnen verantwortete k.k. Hof-Operntheater zu kämpfen. Die Oper war 1860 der erste vom Stadterweiterungsfond in Auftrag gegebene öffentliche Gebäude, während der gegenüber vom Ziegelindustriellen Heinrich von Drasche-Wartinberg als Nobelzinshaus ei Hansen in Auftrag gegebene Heinrichshof ob seiner Pracht und Größe den Wienern bereits den Atem verschlug. Dass das Niveau der Ringstraße wegen der gleichzeitig erfolgten Regulierung des Wienflusses während des Baus der Oper noch um mehr als einen Meter angehoben wurde machte die Sache nicht besser. Die Wiener nannten den Bau abschätzig „die versunkene Schachtel“, was Eduard van der Nüll in den Freitod trieb, zehn Tage darauf erlag August Sicard von Sicardsburg einem Herzinfarkt.

Die radikale Neugestaltung der Stadt manifestierte sich aber natürlich nicht nur in Prunkbauten am heutigen Ring, auch an den Schnittstellen zu den Vorstädten änderte sich die Stadtstruktur substanziell. Dort, wo heute das 1909 errichtete k.k. Kriegsministerium steht, welches den Abschluss der Ringstraße zum Donaukanal hin bildet, diente bis dahin die nach der Revolution 1848 als Schutz der Bürger vor dem Proletariat gemeinsam mit der Rosauerkaserne errichtete Franz-Josephs Kaserne. Deren Baumeister war Anton Ölzelt, 1817 in Inzersdorf geboren, später vom Maurerlehrling zum Stadtbaumeister von Brünn aufgestiegen, und 1847 in die Wiener Baumeisterinnung aufgenommen. Er machte rasch Karriere, wurde bald zum führenden Baumeister Wiens, konnte einige Aufträge an der Ringstraße ergattern und, vor Allem, Kontakte zu wichtigen Beamten im Magistrat knüpfen.

So wusste er stets Bescheid, wo wann welche Flächenwidmung wirksam werden würde, Kasernenareale verwertet werden würden, kaufte, teils über Strohmänner, zusammenhängende Bauparzellen auf, war, kurz gesagt, der erste bekannte Immobilienspekulant. Und als Mitglied der Beurteilungskommission für die „Cobcoursausschreibung zur Erlangung eines Grundplanes“, welche die Basis für die Anlage der Ringstraße diente saß er auch direkt an der Informationsquelle. Die von ihm ersonnene Blockbebauung erprobte er an einem Ensemble am Heumarkt mit Blick auf den neu angelegten Stadtpark, immer darauf bedacht, den Bauplatz bestens auszunutzen aber stets die Fassaden abwechslungsreich zu gestalten. Was er später auch am Ring tat, etwa bei den Häuserblock zwischen Operngasse und Schillerplatz oder jenen zwischen Schottenring und Maria-Theresien-Straße. Womit er womöglich, zumindest was die Kubaturen anlangt, mehr zur Architektur des Rings beigetragen hat, als die berühmten Superstars der Szene.

Dieser Beitrag wurde am 2015/07/31 um 06:18 veröffentlicht. Er wurde unter österreich, wien abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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