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zwischen zwei meeren – salento, le puglie

„Heraussen auf dem Meer ist es eigentlich immer schön, aber schau, dort drüben im Westen stehen dicke Wolken, in Lecce schüttet es sicher schon!“ Der Salento, die südlichste Region Apuliens und als Sporn am Italienischen Stiefel wohl jedem geläufig. Das flache Kalksteinplateau erhebt sich kaum über den Meeresspiegel, als wollte es die Adria nicht allzu streng vom Ionischen Meer trennen. Selbst das Kap von Otranto würde, wäre es nicht vom Leuchtturm an der Punta Palascia spektakulär akzentuiert, anderswo kaum als hohe Klippe durchgehen. Doch vom Segelboot aus versteht man sofort die Bedeutung, die es, nicht nur für Seeleute hat, „jetzt sind wir am südöstlichsten Punkt Italiens“, erklärt Capitano Nicoló stolz, „und da vorne erkennt man schon Othoni, die nördlichste Insel Griechenlands.

Er selbst segelt auch in seiner Freizeit gerne hinüber, „alte Gewohnheiten sind hartnäckig“, meint er, spricht aber damit nicht nur von sich selber. Seine nähere Heimat heisst Grecia Salentina, auch hier im Süden Apuliens haben sie gesiedelt, die Griechen, konkret die Spartaner, die hier 800 v.u.Z. die Stadt Taras und so den Taranto begründeten. Dass in den neun Gemeinden der Grecia Salentina noch immer Griko, ein dorischer Dialekt, den die Griechen stets Unteritalienisch genannt hatten, gesprochen und gesungen wird, liegt allerdings wohl eher an den byzantinischen Flüchtlingen, welche den Ottomanen ausweichen wollten. Was ihnen auch ziemlich gut gelang, bis im Jahre 1480 die türkische Flotte die Stadt einnahm und der Oberbefehlshaber die Bewohner aufforderte, zum Islam überzutreten.

War natürlich gar keine Option für die stolzen Christen, es folgte eine Enthauptungsorgie, 800 Märtyrer waren geboren, nun ja, zumindest waren ihre Leichname ein Jahr später bei der Bestattung angeblich immer noch intakt. Der 1593 eingeleitete Seligsprechungsprozess zog sich dann doch noch ein wenig, erst 2013 war es endlich so weit, anlässlich seiner ersten Heiligsprechung kanonisierte Papst Franziskus alle 800 auf einen Streich. In der Kathedrale von Otranto kann man ihre Überreste in einem wundersamen Glaskasten bewundern, zumindest jene, die nicht im Lauf der Jahrhunderte als Reliquien verkauft worden sind.

Im Landesinneren geht´s beschaulicher zu, schon die Orsini haben ihre Herrschaft lieber von Lecce ausgeübt. Die Stadt hat den Vorteil in Aequidsistanz zu den beiden Küsten zu liegen, vom Campanile kann man beide Meere sehen. Die strategisch günstige Lage haben sowohl die Normannen als auch Karl V. geschätzt, der gleich auch das Castello seiner Vorgänger prächtig ausgebaut hat. So richtig aus dem vollen schöpften die Architekten ab dem 17. Jahrhundert, der im Umland abgebaute helle Tuffstein bringt den Lecceser Barock erst so richtig zur Geltung.

Die Piazza del Duomo etwa ist ein umwerfendes Ensemble, man spürt einerseits den byzantinischen Einfluss sowie die Strenge der Normannen in den Grundrissen, das alles hinter verspielten, detailreichen Facaden. Von denen beobachten Geister, Gespenster und andere märchenhafte Gestalten das Treiben auf den Plätzen, nicht nur in Lecce, der helle Stein beraubt sie dabei ihrer Angst einflößenden Kräfte. Ganz zivil geben sich die Palazzi der lokalen Aristokraten, sie selber auch, einmal im Jahr öffnen sie ihre Pforten für Gäste. Cortili aperti heißt das dann, offene Höfe, die Grafen laden zu Drinks und Schwätzchen, eine Hand voll Auserwählter schafft es auch in den Salone zum Diner, aus dem Piano Nobile betrachtet sieht die Stadt noch mal schöner aus.

Dass solch eine Kulisse der Filmindustrie nicht verborgen bleiben kann ist logisch, zahlreiche Filme und Serien wurden und werden hier gedreht, die Apuliafilmcomission hat einen so genannten Cinehub in Lecce eingerichtet, um Produktionen anzuziehen. Das zahlt sich wohl aus, „Mine Vaganti“ etwa, dessen deutsche Version den schlimmen Titel „Männer al dente“ trägt, hat das Zeug, das Interesse der Zuschauer von den Darstellern auf die Location abzulenken. Die Familie, um die sich die bittersüße Komödie dreht, lebt in einem jener Herrenhäuser, in die man nur selten blicken darf.

Dafür produzieren sie im Film Pasta, und die bekommt man dafür hier im Überfluss, und, wie in Italien ohnehin selbstverständlich, auch sonst alles was schmeckt und Freude macht. Alle paar Kilometer weist auf den Landstraßen ein Hinweisschild zu einer Masseria, einem Landgut, dessen Bezeichnung auf die Herrschaft der Spanier zurückgeht, welche Anbaulizenzen bevorzugt an den lokalen Adel verteilten.

Entsprechend beeindruckend sind dann auch die Mauern, an denen man bis zum eigentlichen Gutshof entlangfährt, welcher heutzutage gerne als Hotel geführt wird, während das umliegende fruchtbare Land immer noch von Getreide, Olivenbäume und Weinstöcken bestanden ist. Die Aristokraten hingegen haben zugunsten von Industriellen das Weite gesucht, nicht zum Schaden privilegierter Gäste, die nun in den Genuss distinguierter Gastfreundschaft kommen, professionell und doch persönlich, meist überwacht die Signora persönlich das Landgut.

So auch auf der Tenuta Furnirussi in Serrano, gleich neben Calimera, griechisch für Guten Morgen. Inmitten der größten biologischen Feigenplantage Europas liegt das kleine Hotel mit 24 Suiten, und einem feinen Restaurant, in dem man, nein, nicht nur die eigenen Feigen sondern auch alle anderen Feldfrüchte meisterhaft zuzubereiten versteht.

Will, oder muss, man Apulien verlassen, bleibt einem nichts anderes übrig, als die bukolische Ruhe des Landes und der kleinen Städte zu verlassen und sich nach Bari aufzumachen. Das war schon immer so, jedenfalls seit das Römische Reich sich gen Osten ausbreitete und hierfür am Ende der Via Appia einen Brückenkopf errichtete, jenseits der Adria übernahm die Via Egnatia den Verkehrsfluss und leitete ihn nach Byzanz, Ostrom, Konstantinopel, oder wie immer sich die Filialstadt halt gerade nennt.

Die lukrative Geschäftsverbindung zu den Orthodoxen Christen hat man stets gepflegt, auch mit durchaus unorthodoxen Werbemaßnahmen. Nachdem man erst recht spät bemerkt hatte, dass man als eine der wenigen wichtigen Seemächte keinen bedeutenden Heiligen vorzuweisen hatte, tat man es der Serenissima gleich, und entwendete 1087 die Gebeine des Heiligen Nikolaus aus Myra, der zuständige Bischof Elias kam gleich mit, und bot sie in der Kathedrale zur Anbetung dar. Das funktioniert noch immer, in die Krypta drängen russisch Orthodoxe Pilger stündlich zur Messe, während oben im Hauptschiff beinahe täglich prachtvolle Hochzeiten gefeiert werden.

Angenehmer Nebeneffekt: die Apulier hatten so fast tausend Jahre Zeit, den Umgang mit Touristen zu lernen. Und inzwischen sind sie Meister darin, Gäste werden ungezwungen Willkommen geheißen und verwöhnt, ganz ungezwungen, mit südlicher Wärme. Selbstverständlich auch bei gemäßigtem Herbstklima!

INFO

WOHNEN

Tenuta Furnirussi, Serrano

Halbwegs zwischen Lecce und dem Hafenort Otranto liegt die Ternuta, eine moderne Version der klassischen Masserie, inmitten einer 20 Hektar großen Feigenplantage mit 4500 Bäumen. 22 der Suiten öffnen sich direkt in diesen duftenden Garten, die 2 Superior Suiten im Oberstock entschädigen mit großen Terrassen und Blick bis auf´s Meer. auch aus dem Bad!

Strada Comminale „Scine“ 29, 73020 Serrano, Lecce www.furnirussi.com

ERLEBEN

Cortili Aperti, Lecce

25 historische Herrenhäuser öffnen ihre Türen, vom Palazzo Apostolico Orsini über die Casa e Corte Protonobilissimo bis zum Convento di San Giovanni D´Aymo, mit etwas Glück schafft man es zum Cocktailempfang, mit guten Beziehungen vielleicht sogar zum Diner in den Piano Nobile. Die nächste Gelegenheit bietet sich wieder anlässlich der einundzwanzigsten Auflage ende Mai 2016. Die Brochure als Download findet man hier:

www.comune.lecce.it , www.leccenelsalento.it/cortili-aperti

SEGELN

Capitani Coraggiosi, Otranto

In Otranto, der östlichsten Stadt Italiens, liegt die Yacht Red Fox der „mutigen Kapitäne“ Silvia und Marco vor Anker. Die beiden bringen einem gerne auch bei, die 39-Fuss Slup selber zu segeln, entspannender ist es aber unter ihre Führung die Küste von der Punta Palascia bis zur Südspitze bei Leuca zu erkunden. Sie kennen die schönsten Buchten und besten Fischgründe, auch fangfrische Ricci die Mare und ein Glässchen Greco können nicht schaden.

Via del Porto, 73028, Otranto, +39 329 2342488, www.capitanicoraggiosi.it

GENIESSEN

La Sciabica, Brindisi

Völlig zu Recht ist diese Hafentaverne nach den Schleppnetzfischerbooten benannt, die, neben allerlei weiteren ernsthaften Arbeitsschinakkeln, vor dem Haus am Kai dümpeln. Von der Dachterrasse sieht man den frischen Fang einlaufen, kurz später ist er am Tisch, zubereitet wie es sich gehört. Und wenn es oben zu zugig wird findet man unter dem massiven Steingewölbe im Erdgeschoss stilvoll Zuflucht.

Via Ammiraglio Paolo Thaon De De Revel 29, 72100 Brindisi, +39 0831 562870

 

Apulien

Dieser Beitrag wurde am 2015/10/27 um 15:05 veröffentlicht. Er wurde unter apulien, italien, salento abgelegt und ist mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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