homolka_reist

annus sanctus an den brücken

Wenn Carlo Marchiolo morgens seine Wohnung auf dem Monte Mario verlässt, um auf die Uni zu fahren, fällt sein Blick unweigerlich auf die Kuppel des Petersdomes. „Für gewöhnlich ist dir gar nicht bewusst, in was für einer privilegierten Gegend in einer aussergewöhnlichen Stadt du wohnst. Erst, wenn du einen Gast umherführst fällt dir das wieder ein!“ Meist holt er in der früh noch seine Freundin am Museo dell´Ara Pacis ab, weiter flussabwärts am Tiber beim Ponte Cavour, heute wählt er für mich die Route weiter oben über den Corso Francia und den Ponte Flaminio. „Eines der vielen Auftragswerke des Duce“, erklärt Carlo die typischen Insignien, „die Säulenstümpfe sollen an die historische Via Flaminia erinnern!“ Im Gegensatz zu dieser 220 v.u.Z. begonnenen und während der Kaiserzeit ständig ausgebauten strategisch bedeutenden Militärstrasse war es Mussolinis Intention, eine möglichst spektakuläre Einfahrt in „seine“ Hauptstadt aus dem Norden zu schaffen. Ist ihm nicht ganz gelungen, der Bau wurde im Zweiten Weltkrieg unterbrochen und erst 1951, lange nach dem Ende des Duce fertiggestellt.

 

Für den modernen Römer viel wichtiger ist allerdings ein Kiosk an der Brücke, „besonders in der Nacht, am Heimweg von der Disco bleiben wir hier gerne für einen Snack stehen!“ Mittlerweile ganz korrekt operierte der in der Jugend seines Vaters noch ohne Lizenz, ihn nicht zu legalisieren hätte den zuständigen Stadtrat wohl seinen Job gekostet. So wie Kaiser Konstantin die Herrschafft über das gesammte Römische Reich, hätte er nicht die Schlacht am Ponte Milvio keine zweihundert Meter stromabwärts gewonnen, im Vatikan kann man Fresken mit Darstellungen des Sieges bewundern. „Sie ist die älteste Brücke Roms, teils hölzern mit Travertinverkleidungen, wurde im Streit zwischen Päpsten und weltlichen Herrschern immer wieder zerstört und neu errichtet. Und die Stromschnellen unterhalb sind die natürliche Grenze des Ruderreviers von Aniene!“ Im Circolo Canottieri Aniene, dem 1892 gegründeten und damit zweitältesten Ruderverein Roms, hat Carlo jahrelang drei mal täglich trainiert, sicher öfter, als der ebenfalls seinerzeit eingeschriebene Gabriele D´Anunzio. „Unsere Wendemarke stromaufwärts, Reste einer nie fertiggestellten antiken Brücke, nennen wir übrigens die Säulen des Herkules, dahinter endet quasi unsere Welt“.

 

Dafür geht sie stromabwärts erst so richtig los, die römische Welt, schon am rechten Ufer der Ponte Milvio tummeln sich die Menschen, der kleine Markt lockt Hausfrauen aus der Umgebung an, die kleinen Cafés erfreuen sich auch deutlicher Beliebtheit, ein schneller Espresso in der Sonne geht sich immer aus. Weiter geht es am Radweg direkt am Ufer, „der ist ganz neu, früher floss der Blonde, wie wir Römer den Tiber seit altersher nennen, entweder ungezähmt oder zwischen hohen Mauer, zu oft überschwemmete er die Gegend.“ Die nächste Brücke, unter der wir durchkommen ist die Duca d´Aosta, „später kommt noch eine“, diese hier ist nach dem General Emmanuele Filiberto benannt, der im Ersten Weltkrieg Karfreit gegen die habsburger gehalten und sonst nie auch nur eine Schlacht verloren hat. Weswegen sie Mussolini auch als Ponte di Vittoria in Carrara Marmor errichten liess.

 

„Vor der Vereinigung Italiens hat es Rom als Stadt ja nicht wirklich gegeben,“ erklärt Carlo die Dominanz es Duce in Sachen Strassenbau. Bestimmend waren der Vatikan und seine Päpste, die weltliche Herrscher in erster Linie als unliebsame Konkurrenz betrachteten, das zivile Rom am anderen Ufer als vernachlässigbare Vorstadt. „Es gibt ja auch kaum wirklich alte römische Familien, und wenn, dann sind es Aristokraten oder Juden, die einzige Konstante in der Stadt.“ Es blieb also späteren Generationen vorbehalten, den Fluss zu zähmen und überbrücken, erst 2001 wurde der Ponte della Musica fertiggestellt, eine Fussgängerbrücke elegant die Sportstätten des Foro Olimpico mit dem Auditorium im Parco della Musica und dem MAXXI, einem riesigen Kulturcampus aus der Feder Zaha Hadids verbindet. „Dort gibt es immer interessante Ausstellungen und Workshops, ausserdem ist es Heimat des Film Festivals“, was Carlo eher anlockt als moderne Kunst. Auch den Schwimmflössen am linken Ufer in den Schlingen, die der Fluss nun hinlegt kann er wenig abgewinnen, sie beherbergen die Ruderclubs Ass. Roma und Lazio, Konkurrenten seines Vereins Aniene, aber nur auf sportlicher Ebene, nicht, was den Status betrifft.

 

Die nächste Brücke nennt Carlo nur Ponte Mascherone, wegen der maskierten Statue an einem Ende, „ah, si, Ponte Risorgimento“, dafür hat er zur nächsten, Ponte Matteotti, wieder Details auf Lager. „In der Nähe wurde Giacomo Matteotti, ein sozialistischer Politiker, 1924 erschlagen aufgefunden. Man verstand rasch, dass er Opfer der Faschisten geworden war, wodurch Mussolinis Popularität zu schwinden begann. Damals hiess die Brücke noch delle Milizie, wegen der vielen Kasernen in Prato, wohin sie führt.“ Die Kasernen stehen noch immer auf den Prati, Wiesen, doch seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte sich die einst rurale Gegend nördlich des Vatikans zur beliebten Wohngegend. Die mit der Via Cola di Rienzo auch über eine der feinsten Einkaufsstrassen verfügt, „viel besser als der Corso“, findet Carlo, statt Flagship Stores für Touristen findet man in der Cola di Rienzo die grosse Auswahl für die Römer. Und mit dem Franchi auch die best sortierte Feinkosthandlung der Stadt.

 

Der Boulevard mündet direkt in den Ponte Mergherita, die Brücke ist, wie die berühmte Pizza, der gleichnamigen Königin gewidmet, und führt ganz unaristokratisch über die Pizza del Popolo ins touristische Kernland zur spanischen Treppe. Wir aber bleiben am Fluss, biegen auf den Lungotevere in Augusta ab und halten auf den strahlend weissen Richard Meier Bau des Museo dell´Ara Pacis zu. „Um den Neubau gab´s eine riesige Kontroverse in Rom, Bürgermeister Alemanno von Berlusconis Partei wollte ihn nach seiner Wahl sogar abreissen lassen. Mir gefällt das neue Gebäude ausgesprochen gut, ein Skandal ist dagegen der Zustand, in dem sich das Mausoleum des Augustus gleich daneben befindet!“ Den Altar, der im Museum zu bewundern ist, hat der Römische Senat Augustus für seine Siege gegen die Gallier und die folgende Pax Romana gestiftet, das Mausoleum der Kaiser gleich selbst bestellt. Mussolini hätte auch gerne hier seine letzte Ruhe gefunden, vielleicht verfällt es ja auch genau deshalb.

 

Gleich nach dem Museum gelangt man über den an den ersten Ministerpräsidenten des vereinten Königreichs Italien erinnernden Ponte Cavour geht es wieder hinüber ans andere Ufer, einst lag hier der Porto di Ripetta, wichtigster Hafen der Stadt für den Handel mit dem Oberlauf des Tiber. Immer noch angelaufen wird das Café gleich am Brückenkopf, „ich weiss gar nicht, ob es gerade Antonini oder Ruschena heisst, aber die Cornetti zum Café in der Früh sind immer frisch weil im Haus gemacht, genau wie abends zum Apperitivo der herrliche Crevettencocktail, schon mein Vater war deswegen Stammgast!“ Das -derzeit- Ruschena ist jederzeit gut besucht, nicht zuletzt von Juristen, die wegen des nahen Kassationsgerichtshofs hier ihre Kanzleien haben, andrerseits liegt das Ruschena direkt an der Verbindung vom Zentrum zum Verkehrsknotenpunkt der Piazza Cavour aber auch dem Borgo, einem alten Stadtviertel zwischen Prati und Vatikan.

 

Dort lebten während der Hochblüte des Kirchenstaates nicht nur die aristokratische und klerikale Elite, auch die zahlreichen Künstler, die Bramantes neuen Petersdom verschönerten fanden Gefallen an den gebotenen Annehmlichkeiten. In den Stuffe, einer Weiterentwicklung der römischen Thermalbäder, konnte etwa Raffael ungestört Aktstudien skizzieren, erst als die Bourgeoisie weiter nach Prati zog waren die tollen zeiten vorbei. Nur die Coronari, die Rosenkranzmacher und Devotionalienhändler blieben natrlich dort, man findet sie auch heute noch in ihren winzigen Läden voller Engel, Marienstatuen und Bildern vom, immer noch, beliebtesten Papst aus Polen. Dem verwinkelten Borgo machte schliesslich die Anlage der Via della Conciliazione ein Ende, die Verwirklichung eines Jahrhunderte alten Plans, eine Sichtachse vom Petersdom zur Stadt zu legen.

 

„Damit haben sie Berninis wunderbares Überraschungsmoment zerstört, auf seinen von Kollonaden gesäumten Platz sind die Pilger einst aus dem engen Borgo getreten, muss ein überwältigendes Erlebnis gewesen sein“ plaudert Carlo aus der Geschichte. Die Versöhnung, an welche die Via della Conciliazione erinnert, ist jene zwischen den kirchlichen und weltlichen Herrschern, auf die Rom so lange warten musste, ausgerechnet Mussolini hat sie mit Papst Pius XI ausgehandelt und in den Lateranverträgen fixiert. „Der Duce konnte so seinen Staat legitimieren, der Vatikan kam endlich in die Lage, als eigener Staat in der internationalen Diplomatie ein gewichtiges Wort mitzureden!“ Carlo kennt sich da ziemlich gut aus, das Studium der Jurisprudenz dürfte ihm nicht nur Pflichterfüllung sein. „Aber jetzt gehen wir mal was essen, im Borgo und in Prati gibt´s jede Menge feine Trattorie und Ristoranti, von traditionell bis nouvelle! Den Ponte Sant´Angelo kennt man sowieso aus unzähligen Filmen!“ Stimmt. Und beim Essen erfahre ich dann noch eine Menge Details über die Brücke des anderen Duca d´Aosta, den Maikönig Umberto I, Garibaldis Brücke in den Knast und die „Englische“, auf der die Fahrtrichtungen vertauscht sind. „Die Brücken sind für uns Römer eine ewige Konstante“, fasst er irgendwann sinnierend zusammen. Und als Wegmarken durch die Geschichte der Ewigen Stadt taugen sie auch ganz gut.

 

Roma.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2016/02/22 um 10:57 veröffentlicht. Er wurde unter italien, rom abgelegt und ist mit getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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