homolka_reist

schitour oder baden gehen

Seit den reißerischen Meldungen im heurigen Winter weiss es ja beinahe ein Jeder. Ja, es schneit in Griechenland! Nein, nicht nur ab und an, jeden Winter leuchten die Bergzüge von Hellas Grellweiß über das Meer. Und zwar nicht nur oben am Festland, nein, auch auf Kreta ist man die weiße Pracht durchaus gewohnt, wieso sonst hätte man das Gebirge inmitten der mächtigen Insel sonst wohl Lefka Ori, die weißen Berge genannt? Eben!

Nichts desto Trotz ist es für die Insulaner jedes Mal wieder ein besonderes Ereignis, wenn sie Morgens aus den Fenstern blicken und ausrufen: „Xioni“, Schnee! Und dann lassen sie gern auch mal die Arbeit einen Tag liegen, setzen sich in ihre Autos, und fahren hinauf nach Anogia, das letzte Dorf vor dem unwegsamen Gebirge, und heißen den Winter willkommen. Und zwar so zahlreich, dass es regelmäßig zu einem veritablen Stau am Hochplateau kommt, wie ein Drohnenfilmchen von Sokratis Damoulakis eindrücklich zeigt, kein Weiterkommen aber lauter glückliche Gesichter. Weil: auch wenn in den Städten an der Nordküste mittlerweile für gewöhnlich westliche Arbeitsnormalität herrscht, Heraklion gar zur hektischen Großstadt gewachsen ist, der Drang ihre Liebe zu Freiheit und Natur auszuleben ist den Kretern nicht so leicht auszutreiben.

An dem haben sich seit Jahrhunderten diverse Eroberer die Zähne ausgebissen, selbst wenn die Küste unter Kontrolle war hat das nicht viel geheißen, man hat sich dann halt in die Berge zurückgezogen, dort hat sich keine Staatsmacht hingewagt, schon gar nicht die des modernen Griechenland. Was im Volksmund Teufelsdreieck genannt wird, und im Zweiten Weltkrieg eines der hartnäckigsten Widerstandsnester war, die Drei Dörfer Zoniana, Liovadia und Anogia, scheint auch heute noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen zu sein. Womit es sich natürlich ganz hervorragend als Ausgangspunkt für einen Urlaub von der lästigen Zivilisation eignet.

Die drei Orte liegen gute 600 Meter über dem Meer an der Schulter des Idagebirges, oberhalb der Hauptstraße wird die Vegetation schon ziemlich schütter, beste Voraussetzungen für die Ziegen, deren Zucht die Haupteinnahmequelle der Gegend darstellt. Zumindest wenn man den offiziellen Steuererklärungen der Bewohner glauben schenken mag. Die haben sich eben nie wirklich für die Regeln der Hauptstadt interessiert sondern eher an den Gesetzen der Natur. Man versteht das auch gleich, wenn man hinaufsieht zum Psiloritis, der sich jeden Winter sein weißes Kleid an und selten vor dem Sommer wieder ablegt. Heuer war Frau Holle besonders großzügig, was nicht nur Ausflügler angelockt sondern auch die Tourengeher gemacht hat.

Auch Markos Psathakis hat deshalb heute sein Mountainbike in der Garage in Rethymnon stehen gelassen und stattdessen die Tourenski auf seinen Rucksack geschnallt. „Von mir zu Hause am Meer zum Kloster Arkadiou sind es vielleicht 15 Kilometer, keine Entfernung mit dem Rad aber auch im Winter ist man mit dem Auto schnell oben, auf Kreta nimmt einen immer jemand mit! Bald danach warten nur noch kleine Wege, erst eben, bald stetig steiler ansteigend, so wie es momentan ausschaut gibt das einen unverspurten Aufstieg.“ Tatsächlich freuen sich die Menschen hier, wenn sie helfen können, und wenn der Reisende gar zu einem Gotteshaus möchte gibt es schon gar keine Frage. Ela, komm´, ruft einem der Bergbauer auf dem Heimweg zu, einen Umweg nimmt er gerne in Kauf. Immerhin gilt das Moni Arkadiou als das bedeutendste Baudenkmal Kretas, vor der Einführung des Euro war es gar auf dem 100 Drachme Schein abgebildet. Der Legende nach vom Byzantinischen Kaiser Arcadius im 5. Jahrhundert gegründet und 1587 von den Venezianern in seiner heutigen Pracht errichtet wurde hier 1866 ein Revolutionskomitee gegründet um endlich die lästigen Osmanen loszuwerden, die Geschichte endete blutig aber ruhmreich, typisch Kreta eben.

Letzter Ort vor dem endgültigen Einstieg in ein archaisches Naturerlebnis ist Platania, den Ortsnamen findet man überall in Griechenland wo die Namenstiftenden Bäume gedeihen, und das ist nun mal immer in den Bergen. Und feucht haben sie es natürlich auch gerne, das Wasser kommt hier durch eine 3 Kilometer lange Schlucht aus dem Psiloritismassiv, die das ganze Jahr über gut besucht aber bei weitem nicht so überlaufen ist wie die berühmten Geschwister im Süden, von der legendären Samaria abwärts. „Viel zu gefährlich jetzt, alles vereist, im oberen Teil muss man über schwindelerregende Steige am Fels entlang“ warnt Marios und schlägt den Aufstieg über einen Forstweg zur Kirche des Heiligen Antonios vor. Die Höhle des Antonios in der Nähe gilt als einer der beiden möglichen Geburtsorte des flötenden Gottes Pan, selbst Göttervater Zeus wollte sich auf Anfrage des Dichters Kallimachos nicht genau festlegen, also akzeptieren wir das einfach mal. Leider ist von der guten alten Hirtentradition nichts geblieben, statt verführerischen Flötentönen hört man nur den Wind pfeifen, erst recht oben am Timios Stavros, dem „ehrwürdigen Kreuz“, das den Gipfel ziert. Gottseidank steht dort auch eine Kapelle die sich als Schutzhütte anbietet und gerne genutzt wird.

Wie so oft, wenn man sich in Griechenlands Natur bewegt werden mythologische Begebenheiten real, Kreta als Wohnort des Göttervaters Zeus nimmt Gestalt an, von hier oben hat er jedenfalls die ganze Insel im Auge gehabt. Bei der Geburt des Pan muss er gepennt haben, anders ist das nicht zu erklären. Oder er war gerade vom Tiefschneegleiten abgelenkt, vielleicht war es ja gerade so wie im Jänner 2017, „apistevto, unglaublich, ich könnte direkt vom Gipfelkreuz bis an den Strand abfahren, das gab´s noch nie!“ Jauchzt Markos und entschwindet lautlos schwingend ins Tal, nur ein paar Straßen und Weidezäune werden seinem Glück dann wohl doch im Weg gestanden sein.

Während an den Nordhängen die weiße Pracht oft bis weit in den Sommer hinein erfrischende Akzente in die Landschaft zeichnet wärmt die Frühjahrssonne die Südseite der Berge schon früh im Jahr auf. Die zahlreichen Weinberge unterhalb der Bergstraße, die von Platania kommend über Platanos, Kamares und Vorizia in die Inselmitte und schließlich wieder an die dicht besiedelte Nordküste führt zeugen vom freundlichen Einfluss des Libyschen Meeres, im Golf von Mesaras hat es sich ein Stück weit in die Insel hineingewagt, verlockend funkelt es in den zahlreichen Buchten, die es aus dem porösen Sandstein geschwemmt hat. Die wohnlichen Höhlen in den Felsen haben bereits jungsteinzeitlichen Siedlern als Wohnstatt gedient, so richtig in wurden sie allerdings erst, nachdem Cat Stevens, Bob Dylan und diverse Landsleute auf der Flucht vor den amerikanischen Militärbehörden dort Zuflucht suchten, zahllose Hippies sollten ihnen folgen. Ein paar sind noch immer dort, versuchen mittlerweile ihr alternatives Lebenskonzept zu vermarkten, den echten Höhlenspirit erlebt man aber anderswo. Zum Beispiel bei Nikos in der Vathi Bucht, in zwei, drei Stunden wandert man an drei Kirchen vorbei in sein kleines Paradies. Er betreibt dort eine kleine Taverne, kredenzt zur Ziege vom Grill feurigen Raki und herzerwärmende Tragoudia, die kretischen Weisen begleitet er auf seiner alten Bouzuki. Erst, wenn das allerletzte Glas geleert ist wankt man glücklich an den Strand und bettet sein schwindliges Haupt auf ein Kissen aus Sand, und zwar gleich hinter dem Schild, welches das Campen ausdrücklich untersagt. Nikos hat gemeint, das gilt nicht, wir sind auf Kreta, schon vergessen?

Hat man am nächsten Morgen den von Nikos ausgeschilderten Weg zu den „romantischen Toiletten mit Telephon“ erklommen und erkannt, dass er einen mit seinem typisch kretischen Humor auf einen ausgesetzten Felsen gelotst hat, wo einen zwar keiner stört und das Mobiltelephon wieder ein Netz findet, genießt man vor Allem Eines: den überwältigenden Ausblick auf die gesamte Südküste und die dahinter hoch aufragenden Lefka Ori, die weißen Berge. Ihren Namen rechtfertigen sie nicht nur im Winter, selbst aper strahlt der kahle Kalkfels weiß über dem Rest der Welt. Ein Stück weit führt noch eine Straße die Steilküste entlang, unterbrochen nur ab und an von einem Stück Schwemmland, dicht bestanden von Schilf, Wein, Gemüsegärten und frugalen Feldern. Und weit drüben, kurz bevor nicht mal mehr Platz für einen Ziegensteig ist, wacht das Frangokastello über die südlichste Grenze des christlichen Abendlandes. An die Venezianer, die diesen Außenposten ihres Reiches einst errichtet und unterhalten haben erinnert immer noch das Wappen mit dem Markuslöwen an der nackten Mauer, Balken, Bretter und was ihnen sonst noch brauchbar erschein haben schon vor langer Zeit die Bewohner der sfakiotischen Dörfer abmontiert und mitgenommen. Ihr Hauptort Chora Sfakion ist der letzte an der Küste, den man noch auf einer Straße erreichen kann, entweder entlang des Meeres oder durch die enge Schlucht entlang der Ostflanke der Lefka Ori.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie abgeschieden die Gegend früher gewesen sein muss, wenn es sogar heutzutage nicht gerade einfach ist den Ort zu erreichen. Als entsprechend eigenwillig gelten die Sfakioten, selbst die Kreter halten sie für wild und ungezähmt. Umso überraschter waren sie, als ausgerechnet hier ein recht luxuriöses Resort eröffnette, das sich ausschließlich an Gäste richtet, die den Urlaub so verbringen wollen, wie Gott sie schuf. „Nackt in Chora Sfakion? Unglaublich, wo verstecken den die Sfakioten dann ihre Waffen“, scherzt Polydoros Markoulakis, Junghotelier aus Palaeochora. Wesentlich stimmiger findet er das Xenonas Alonia, ein uriges Gästehaus im Weiler Agios Iannis, ganz am Ende des letzten Feldweges, direkt unter den Lefka Ori und ein hervorragendes Basislager für Erkundungen der über 50 Zweitausender des größten Bergmassivs der Insel. Und einer der wenigen Wüstengebiete Europas, zu denen die Gipfelregion zählt.

Auch zur Samaria Schlucht ist es nicht weit, wobei Nikos Katsoulis, der die Insel besser kennt als seine Westentasche und gerne mit Gästen versteckte Winkel aufspürt, davon abrät, sobald die Saison erst mal begonnen hat. Er bevorzugt die Schlucht von Tripiti, sie ist mindestens genau so spektakulär aber wesentlich ruhiger, allerdings sollte man mindestens zwei Tage dafür rechnen, mit Freunden betreibt er mit hiking-crete.com eine kleine, feine Agentur. „Man kann aber auch mit dem letzten Schiff, das eigentlich kommt, um Touristen abzuholen, an den Strand von Samaria fahren, dort übernachten, und ganz früh aufsteigen. Bevor einem die Bergabtouristen entgegen kommen ist man schon durch den Bannwald aufs Hochplateau abgebogen und hat seine Ruhe!“ Zurück an der Küste kann man auch von Tripiti ein Boot zurück nach Chora Sfakion nehmen, oder man steigt auf das andere, jenes das nach Palaeochora tuckert, einen Ort, der bei aller Infrastruktur, die er bietet, doch noch viel von seinem Charme behalten hat.

Abends trifft man Polydoros und seine Freunde im kleinen Kafeneion im Zentrum, das aber gerade mal einen Häuserblock vom winzigen Hafen entfernt ist, eine neue Marina gibt es draußen, an der Spitze der Halbinsel, auf der das alte Kastel Selino thront. „Panselino“ heißt übrigens Vollmond, und genau wenn der aufgeht sollte man hinaufsteigen, aufs Kastro, am besten gleich am ersten Abend. Dann hat man sich nämlich auch schon orientiert, in Richtung Osten gibt es eine Reihe ruhiger Strände, gleich hinter dem Ortsende biegt die Straße ab und führt, durch eine kleine Schlucht natürlich, hinauf nach Anidri. Und dort, in der stillgelegten Schule, wartet eine entzückende kleine Taverne, das Menü ist mit bunter Kreide an der Schultafel notiert, verzehren tut man es unter einem Methusalem von Olivenbaum, der Ausblick auf das Libysche Meer wird von den beiden Seiten des Tales wirkungsvoll eingerahmt.

Auch nach Westen wandern oder radeln kann man von Palaeochora, aber weit ist es jetzt nicht mehr bis ans Ende. Nach den, für die kretische Südküste ach so typischen Tomatenplantagen und ihren mit Plastikplanen gedeckten Gewächshäusern biegt die Küste endgültig nach Norden ab. Es empfiehlt sich durchaus, die steilen Serpentinen und die anschließende holprige Abfahrt in Kauf zu nehmen, spätestens wenn man vom Bergsattel wieder Ausblick auf die Küste hat, versteht man, warum der Strand von Elaphonissi es regelmäßig in die Top-Ten-Beaches Listen der renommiertesten Reisezeitschriften der Welt schafft. Ein winziges felsiges Eiland ein paar hundert Meter draußen im Meer ist durch eine Sandbank mit dem Festland verbunden, je nach Strömung, Wellengang und Gezeiten bildet sie einen unterschiedlich breiten Strand. Und der ist nicht einfach nur banal weiß, einer Laune der Geologie ist es zu verdanken, dass man hier auf feinem rosa Staub gebettet die Strahlen der sich langsam wieder hinter dem Horizont versinkenden Sonne genießen kann. Dort irgendwo muss auch Europa und unser Alltag liegen, machen wir´s doch einfach so, wie die renitenten Kreter: einfach ignorieren!

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Dieser Beitrag wurde am 2017/03/17 um 15:29 veröffentlicht. Er wurde unter griechenland, kreta, lasithi, paleochora abgelegt und ist mit , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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