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GRÜNE KÜSTE – WEISSER FLECK

Beim Flug über die Iberische Halbinsel wundert man sich eigentlich, warum die Hauptstadt Spaniens ausgerechnet im, offensichtlich staubtrockenen, sandgelben Landesinneren liegt. Abgesehen von großzügig angelegter Verkehrsinfrastruktur und ein paar grünen Adern sind es vor Allem die Olivenbäume, die, weit verstreut wie Autos auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrum am Sonntag die Gegend verzieren. Eine gute Stunde lang geht das so, doch plötzlich ändert sich die Aussicht gravierend: da steigen doch glatt dicht bewachsene, üppig grüne Bergketten aus der Ebene, gekrönt von satten Weiden und spitzen, schneeweißen Gipfeln.

Dementsprechend stolz sind sie hier auch auf ihre „Costa Verde“, vor Allem den Spaniern selber bleibt der Mund erstaunt offen stehen, wenn sie sich nach der Landung in Oviedo am Set einer Rosamunde Pilcher Verfilmung wähnen, die grünen Wiesen kippen über steile Klippen unmittelbar in den Atlantik. „Selbst wenn das Kürzel OVD am Boarding Pass anderes verspricht, das hier ist der Aeroporto de Asturias, nicht jener von Oviedo“, führt uns Liliane gleich in den komplexen Nationalstolz der Asturianer ein. Wobei sie zugeben muss, zur Hälfte Baskin zu sein, man erkenne das an der schmalen Nase, aber dank ihrer Liebe zu Asturien und Kraft einer Kunstgeschichteausbildung ist sie bestens geeignet, Neuankömmlingen diesen ganz speziellen Landstrich näher zu bringen.

Auch wenn Asturien in den Katalogen der Reiseveranstalter zur Zeit ein Schattendasein führt gehört es doch zu den Wegbereitern dieses Wirtschaftszweiges. Waren es doch die Könige von Asturien, welche, nachdem sie den Mauren flugs den nördlichsten Teil ihrer jüngsten Eroberung nach ein paar Jahren in der Schlacht von Covadonga 722 wieder entrissen und, mit der Einrichtung des Jakobsweges, eine erste Fremdenverkehrsattraktion geschaffen hatten. Hintergedanke war wohl, Menschen aus dem christlichen Abendland in den entvölkerten Landstrich zu locken um die lokale Wirtschaft zu unterstützen. Durchaus vergleichbar mit der zeitgenössischen Situation, wie überall in Europa verschwinden auch aus Nordspanien alteingesessene Industrien.

Das heißt ganz verschwinden tun sie nicht, die Stahlindustrie etwa hat sich in der Küstenregion sichtbar gehalten, ein wahres Schauspiel für Freunde alter Industreiarchitektur. „Hier wurde Spaniens erster Hochofen errichtet, es war ein Prestigeobjekt von Francos Industriepolitik, deswegen trägt dieser auch nach dessen Gattin Alto Horno Doña Carmen seinen Namen. Im Volksmund nennen wir sie übrigens die Carmen Collar, weil sie unzählige Halsketten gekauft aber keine einzige bezahlt hat“, plaudert Liliana aus der Volksschule. In der man übrigens auch heute noch den „korrekten“ Namen von Gijon, der bedeutenden Hafen- und bevölkerungsreichsten Stadt Asturiens lernt. „Xixon“ steht dann eben auch auf diversen offiziellen Gebäuden und den Bussen geschrieben, „aber man spricht es natürlich Schischon aus!“ Danke Liliana, wie denn auch sonst?

Vielleicht hat sich die asturische Sprache ja vom spanischen Rachenputzer weg zu einer sanften Aussprache hin entwickelt, weil den Asturianer eine ausgeprägte Liebe zu satter Nahrungsaufnahme auszeichnet, beim „sch“ bleibt halt mehr von den herrlichen Gerichten im Mundraum während die korrekt kastillianische Aussprache mitunter zu unziemlichen Zwischenfällen führen kann. Man könnte ob der auf den Menús angepriesenen Speisen leicht den Eindruck gewinnen, die schiere Kalorienanzahl wäre schon Argument genug ein Lokal zu wählen, doch selbst beim Business Lunch erwartet der Asturianer ausgezeichnete Qualität. Die findet man hier genau so wie im, mittlerweile gastronomisch geradezu legendären Baskenland, Michelin Stars gibt´s auch hier genug, die Hermanos Manzano haben für ihre beiden Restaurants insgesamt drei verliehen bekommen. Doch für´s schlichte Business Lunch in Gijon haben die beiden Brüder ein „Gloria“ genanntes Restaurant eröffnet, welches angeblich die Küche ihrer Mutter aufgreift. Mag ja sein, Mama ist dann aber eine ausgesprochene Koryphäe, den ganzen, in einer grenzgenialen Tempuramasse frittierte Drachenkopf traut man sich erst gar nicht kosten, so schön sieht das stachelige, rotgoldene Tier am Teller aus. Sollte man aber, ist nämlich die einzig wahre Zubereitungsart für die ansonsten meist in Suppen zerfallende schuppige Bestie!

Der Fischfang ist natürlich einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Asturien, besteht das Land doch hauptsächlich aus einer zerklüfteten Küstenlinie mit viel Ausblich auf die endlose Biskaya und einigen geschützten Buchten. Aus denen haben sich früher die Tapfersten aufgemacht, um Wale an Land zu ziehen. Waren lohnende Opfer, viel dran, von Tran bis zu den sogenannten Fischbeinen, welche bei den Damen von Welt beliebt waren, um ihre Korsette zu verstärken und ihnen zu einer Figur zu verhelfen, welche die Asturische Küche eher zu Nichte macht. Heutzutage verfängt sich eher kleineres Getier in den Netzen, allerdings von ausgesuchter Qualität, dementsprechend gut besucht ist die Fischbörse der Kooperative im Hafen von Lastres. Nachdem man im Restaurant obenauf vorzüglich gespeist hat kann man zusehen, wie sich via Internet und Sensal Fischhändler aus ganz Spanien ihre Lots sichern, der frische Fang wartet feinsäuberlich aufgereiht auf sein Los, der Auktionator ruft den festgelegten Preis pro Kilo aus, dann geht´s hinunter. So lange, bis jemand online zuschlägt. An minimalen Zuckungen in den Gesichtern der scheinbar teilnahmslos herumstehenden Fischer kann man ablesen, ob ihre Ware gut ankommt. Schaut so aus, kein Wunder, bessere wird in Europa wohl nicht so leicht zu finden sein.

Abgesehen von der langen, schmalen Küste gibt es in Asturien eigentlich nicht viel ebenes Land, am schmalen Streifen dahinter findet man da und dort fruchtbares Land, vorzugsweise bestanden von Apfelbäumen. Die Früchte pflückt der Asture aber nicht, nein, er wartet bis sie sich ihm freiwillig ergeben, Fallobst ist nämlich der bevorzugte Rohstoff für sein liebstes Getränk. Sidra nennt sich der moussierende Apfelwein, der bevorzugt mittels eines spektakulären Ritus genossen wird, speziell geschulte Mundschenke lassen ihn aus großer Höhe in kleine Gläser plätschern, der mangelnden Zielgenauigkeit beugen sie mit Gummigaloschen vor, auch treten sie einen Schritt vom Gast zurück, bevor sie ihn beglücken. Besonders spritzig geht´s in Oviedo in der Calle Gascona zu, schon von weitem lockt der Duft gärender Äpfel in die Sidreria Tierra Astur.

Die Asturische Erde, auf die sich der Name bezieht, ist auch für das feststoffliche Menü verantwortlich, abgesehen von einer Vielzahl köstlicher Wurstwaren und Jamons besteht das aus ganz vorzüglichen heimischen Käsen. Klar, kaum eine Spezies fühlt sich bei so viel Grünzeug wohler als Paarhufer, Ziegen bevorzugen vielleicht aride Gebiete, soll´s im Sommer auch geben, mögen dann die Kühe halt weniger. Kein Problem, so wie überall wandert man dann mit ihnen halt in die Berge, und die spielen in Asturien alle Stückerln. Von Ribadasella, einem entzückenden Seebad in der Mündungsbucht der Sella, fährt man lediglich eine halbe Stunde Flussaufwärts, immer den Hinweisschildern Los Picos de Europa folgend, nicht zu verfehlen.

Auf halber Strecke künden riesige Parkplätze im engen Tal vom Wallfahrtsort Cuadonga, je genau, dort haben wir Christenmenschen vor 1300 Jahren erstmals die Westeiberienroute blockiert und wenigstens Nordspanien mal den Ungläubigen entrissen. Grund genug für Pabst Juan Pablo 2o dortselbst im August 1989 der heiligsten Jungfrau zu danken, sein Landsmann Przemislav Niemec stattete seinen Dank 2014 vierzehn Kilometer weiter oben ab. Dort liegt nämlich auf über eintausendeinhundert Metern über dem Meer bei den Covadonga Seen regelmäßig die Ziellinie der Vuelta, auch heuer werden sie wieder Anfang September raufstrampeln und die alpine Kühle genießen. Genau wie die Kühe, das elegante Grauvieh wartet genüsslich vor dem malerischen See, in dem sich die stets schneebedeckten Gipfel spiegeln, widerkäuend auf die Sennerin, Idylle pur!

Würde diese dann nicht deutlich vernehmbar Spanisch sprechen, man könnte glauben, irgendwo in den Alpen zu stehen. Und nicht am westlichsten Ende Europas, wo einst die Reconquista ihren Ausgangspunkt nahm, die Missionierung Indiens übrigens auch. Na gut, war dann doch die Karibik, nichts desto Trotz preisen die Schilder auf den alten Kolonialwarenhandlungen in Asturien immer noch „Productos Indianos“ an, vor Allem kubanischen Rum und Zigarren. Na und? Schliesslich haben sich die keltischen Ureinwohner Asturiens vor beinahe drei Jahrtausenden von der Hallstatt Kultur verabschiedet, bevor sie kurz vor Galizien ihr Ziel ausgemacht haben. Und das gibt es ja auch weiter im Osten noch einmal, wieso sollte man da ausgerechnet bei Indien auf dem I-Tüpferl herumreiten? Asturien selbst ist jedenfalls ziemlich einzigartig!

asturias_23:9:17.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2017/09/28 um 13:32 veröffentlicht und ist unter asturia, SALZBURGER NACHRICHTEN, spanien abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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