homolka_reist

38°22’N+26°09’W

Armolia, Chios,
31. September 2016, 15’36“

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Das schlichte Café in Armolia, einem der Mastihadörfer auf Chios, liegt noch im Schatten, verschlafene Gestalten in staubigen Hosen saugen an ihren kalten Nescafé Frappees, zwei knapp bekleidete Blondinen auf dem beschwingten Heimweg werden nur kurz in Augenschein genommen. Kurz vor sechs Uhr morgens zeigt das Thermometer vergleichsweise kühle achtundzwanzig Grad an, höchste Zeit in die Mastihaplantagen zu fahren. Nikos Rengas parkt seinen Geländewagen in zweiter Spur, ruft seine Bestellung in die kleine Baracke, „Ena Frapee metrio“, kommt auf mich zu, „Martin, ela!“. Um diese Zeit bin ich als einziger Fremder unschwer zu identifizieren.

Wundern tut sich hier keiner über neugirige Fremde, die dem unergründlichen Wunder von Chios auf den Grund gehen wollen. Der Mastixstrauch, biologisch Pistacia lentiscus, wächst zwar auch anderswo, doch nur auf auf Chios lässt er sich melken. Unter den baldachinförmigen Büschen die durch jahrzehntelange Kultivierung Bäumen ähneln macht sich ein älterer Herr zu schaffen. „Mein Vater“, stellt Nikos vor, „er lebt den Rest des Jahres in einer Eigentumswohnung in Athen und könnte sich´s gut gehen lassen- aber ihm scheint´s Spaß zu machen!“ Behende klettert der Herr Papa zwischen den Ästen umher, rutscht auf den Knien in die hintersten Winkel, klaubt weisse Klumpen von der Erde. Die ist auch weiss, mit Kalk bestreut, das Mastihaharz glitzert als gläserne Tränen in der Morgensonne, wenn es einige Tage an der frischen Luft liegt wird es zu einer flachen, milchig weissen `Pita´

Aber eben nur auf Chios. Und selbst hier nicht überall, das Wunder funktioniert nur im Süden wirklich gut, schon 10 Kilometer weiter nördlich klebt die aus der angeritzten Rinde herabtropfende Masse zäh am Boden. Drüben auf der keine drei Kilometer entfernten Halbinsel von Cesme kann man auch unschwer die niedrigen Plantagen erkennen, die Terassen werden aber schon längst umgenutzt, Feriensiedlungen für Neckermänner versprechen leichteres Geld. Vorausgesetzt der gute Herr Präsident kommt mal wieder zur Ruhe. Wenn nicht, auch gut, Chios erfreut sich regen Besuchs von gegenüber, „wir kommen gerne nach Griechenland“, erklärt einer der Herr aus Istanbul, die mit ihren neuen Mercedes die lange Anreise gerne auf sich nehmen. „Hier sehen wir, wie die Türkei ohne dumme Politik und Religion aussehen könnte!“

Und natürlich geniessen sie auch den Masticha Likör, der aber nur die vergnüglichste Nutzungsmöglichkeit des eigensinnigen Harzes ist. Der Löwenanteil der Ernte wird zu kosmetischen und pharmazeutischen Produkten verarbeitet und exportiert. Und zwar schon seit Jahrtausenden, das resultierende Einkommen für die Eigentümer der Handelsschiffe war immerhin auch dafür ausschlaggebend, dass ein gewisser Herr Kolumbus hier seine Kapitänslehre absolvierte. Ob er hoffte, in Indien Masticha zu finden um damit seine Schulden bei der schönen Isabella von Kastilien zu bezahlen ist nicht bekannt.

w425_Reisebild.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2017/11/08 um 15:26 veröffentlicht und ist unter Uncategorized abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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