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efages?

Man könnte natürlich einfach wieder in Italien schlemmen oder in der Ägäis pritscheln. Es gibt aber auch eine Alternative, die kaum noch jemand kennt.

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Das Essen spielt in Griechenland eine derart wichtige Rolle, dass man bis vor nicht allzu langer Zeit statt des mittlerweile auch jedem Touristen bekannte „ti kaneis“ ein empathisches „efages?“ als Gruß zu hören bekam. Ob man schon gegessen hätte war es, was interessierte, nicht, wie´s einem denn sonst so ginge. Hat wohl was mit der Jahrtausende alten Geschichte des steten Reisens zu tun, welche die hellenische Welt prägte, die danach sowieso, selbst wenn man den Tag auf See, am Feld oder der Weide verbrachte war es nur natürlich sich erst mal nach dem leiblichen Wohl des Angekommenen zu erkundigen. Die Frage hört man wohl kaum noch, das Interesse am Ernährungszustand des Gegenübers ist indessen nicht wirklich geringer geworden, in Griechenland. Das geht soweit, dass sich die Mutter des Geschäftspartners, die tagein tagaus das Büro am Laufen hält, anlässlich der Abreise dafür entschuldigt kein ordentliches Gastmahl offeriert zu haben. Aber nächstes mal ganz sicher!

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Sicher, man kennt die umsorgende Art der griechischen Kellner aus dem Sommerurlaub, keiner darf hungrig nach Hause gehen, zur Rechnung gibt´s noch was Süßes und einen Digestif, natürlich aufs Haus. Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass die Taverne am Meer ihren Nachschub eher industriell und an die erwartete Nachfrage angepasst organisiert, während „der Grieche“ sich zu Hause gerne vom Wirten leiten, nein: verleiten lässt und dankbar das Angebot des Tages bestellt. Klar, am Meer gibt´s frischen Fisch, wer aber meint, das, und nur das, plus die üblichen Verdächtigen Moussaka und Souvlaki würden die Griechisch Küche ausmachen liegt falsch. Völlig falsch! Liegt natürlich am eingeschränkten Sichtfeld, das man als Badeurlauber hat, schließlich leben vielleicht ganze zehn Prozent der Griechen dann auch tatsächlich in jenen Gefilden wo unser Traumurlaub stattfindet. Im Alltag geht´s den Griechen nämlich genau wie uns, Fronarbeit weitab vom Meer bestimmt den Alltag. Den unterbricht der Grieche dafür genau so gerne wie wir mit ausgiebigen Mahlzeiten, begleitet von feinem Wein, alles möglichst lokal hergestellt, dort, wo schon und noch immer die Landwirtschaft einen integrativen Bestandteil der Ökonomie darstellt. Oben im Norden etwa, rund um Veria in der Region Imathia, wo mit dem malerischen Naoussa auch gleich noch eines der beiden Zentren des griechischen Rotweinbaus wartet.

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Den Namen trägt die Stadt in Erinnerung an die Tochter von König Veritas, und wo die dem Sprichwort nach bekanntermaßen drinsteckt muss man nicht extra erwähnen. Veria liegt malerisch auf einer Terrasse unterhalb des Vernmio Gebirges, der Blick schweift über Pella und Vergina, ja, genau dort, wo Phillip von Chef und Alexander der Große war. Wenn er denn nicht gerade mit seinen Truppen die bekannte Welt im Osten erobern musste. Gute zwei Jahrtausende später sind die Griechen froh wenn sie nicht gerade wieder vom Westen bedrängt werden irgendwelche Schulden zu zahlen und doch endlich etwas herzustellen, was sich auch exportieren lässt. Dabei haben sie das ohnehin schon längst, man kann es von Veria in die Weite blickend auch unschwer erkennen, akribisch über die Hügel gezogene Rieden versprechen reichlich Wein. Außer man erwischt die Zeit der Pfirsichblüte, dann wirkt das ganze Land von den leuchtend pinken Blüten überzogen wie ein surreales Gemälde.

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Ein flüchtiger Genuss während der Wein in der Gegend um Naoussa schon seit 4 Jahrtausenden heimisch ist, immerhin stammt auch Semele, Mutter des einschlägig bekannten Dionysos von dort. Und nicht nur weil die besten Weine auch hier am Fuß der Berge gedeihen darf man das Weinbaugebiet durchaus mit dem Piemont und seinen Nebbiolos vergleichen, der international renommierte Experte Nico Manessis nennt den autochthonen Xinomavro gar „unseren Burgunder“ und macht sich weiter keine Gedanken um die helle Farbe oder die hohe Säure. Letztere ist schließlich als „xino“ namengebend wie das „mavro“, schwarz, der Teil ist hier aber wohl nur als Unterscheidungsmerkmal zu Weißwein zu verstehen. Der hohe Säureanteil verhilft Xinomavro Weinen zu hoher Lagerfähigkeit, mit zunehmendem Alter gewinnt die spätreifende Sorte ungemein an Komplexität und Körper, nicht verwunderlich also dass hier oben die als OPAP Naoussa meistdekorierten Rotweine Griechenlands entstehen. Die Kostnotizen der Tester erwähnen stets getrocknete Früchte und die markante Tannin Struktur aber auch frische Paradeiser, Walderdbeeren oder schwarze Oliven. Kann man sich etwas vorstellen darunter, besser noch ist sich selber ein Bild zu machen.

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Den besten Überblick verschafft man sich bei VAENI Naoussa, der von der 1983 gegründeten Weinbaugesellschafft betriebenen Kellerei. Deren 200 Mitglieder und insgesamt 330 Weinbauern sorgen immerhin für 50% des im DOP Gebiet produzierten Weines, in ungefähr 5 Millionen Flaschen abgefüllt finden die verschiedensten Weine ihren Weg in die ganze Welt. Das können dann wertvolle wie der nicht jedes Jahr verfügbare Naoussa Grand Reserve oder der in geräucherten Eichenfässern gelagerte Damaskinos sein, man hat aber auch Blanc de Noirs, Rosés und Süßweine sowie Cuveés mit Syrah und Merlot wie den raren Vios Hellinon sowie eine ganze Reihe von Tafelweinen im Angebot.

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Am völlig anderen Ende des Winzerspektrums findet man die Brüder Argyrakis, wobei die beiden sogar auf eine wesentlich längere Geschichte verweisen können. Schon der Uropa hat Wein gemacht, allerdings in Smyrna, bis das große Feuer von 1922 ihn zum Weggehen gebracht hat, ein Jahr später war´s dann sowieso aus mit der griechischen Präsenz in Kleinasien. Nicht wenige der Vertriebenen haben in Nordgriechenland eine neue Heimat gefunden, merkt man in der Küche, auch bei politischen Diskussionen sollte man dieses schmerzhafte Detail der Geschichte nie vergessen. Spyros und Konstantinos Argyrakis haben hingegen mit der Vergangenheit nichts am Hut, schon ihr Vater hat, nachdem er sich seine Lorbeeren beim Weinproduzenten Boutari SA erworben hatte, 1997 sein eigenes kleines Weingut angelegt, Konstantin derweil bei Kir Yianni die Kunst des Weinmachens erlernt.

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Keine schlechte Schule, auch wenn Yianni Boutari als trockener Alkoholiker in erster Linie als unorthodoxer Bürgermeister von Saloniki berühmt geworden ist hat er andrerseits doch den griechischen Weinbau wesentlich mitgeprägt. Aus dem Umsatzstarken Familienunternehmen hat er sich einst auszahlen lassen, Masse war nie sein Ding, und ist mit dem eigenen Weingut Kir Yianni in Giannakochori den Weg in Richtung Klasse gegangen, übrigens nicht weit von Argyrakis in Tripotamos entfernt. Wenn man sich deren, nun ja, Winzerhof nähert versteht man sofort, dass hier ein frischer Wind weht. Dort, wo die Weinreben Platz lassen, wandeln Solarzellen die zumindest im Sommer reichlich vorhandenen Sonnenstrahlen in elektrische Energie um, „garage winery“ schießt einem unweigerlich durchs Hirn, diese englische Bezeichnung für ein Weingut ohne alteuropäischen Staub und Mief.

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Dementsprechend pragmatisch und analytisch macht man sich hier ans Werk, aber bitte nicht Misverstehen, das Gefühl kommt nicht zu kurz, genau so wenig wie die Liebe zu dem was die beiden Brüder mit Hilfe der Partnerin des einen in ihren Rieden und Fässern entstehen lassen. Der DOP Fesseln haben sie sich im Streben nach Neuem entledigt, die vier Weine heißen einfach Ati Red, wenn sie aus Xinomavro und Merlot bestehen, Ati White jene aus den autochthonen Sorten Assyrtiko und Malagouzia, im Ati Rose zeigt Syrah dass er in Nordgriechenland verwurzelt einen Hang zu Granatapfel, Erd- und Himbeeren entwickeln kann. Im Sweet Kiss treffen sich schließlich Xinomavro, Syrah und Merlot in einem Blend dessen Aromen an jene der trocken ausgebauten Weine erinnern ohne dass die Sensationen des im Herbst reichlich entstandenen Restzuckers mit seinen Erinnerungen an die Wärme der Sonnenuntergänge hinter dem Vermio Gebirges.

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In das wir Zwecks Nahrungsaufnahme nun auch gleich ein stück weit hinauf fahren werden, ins Estiatorio Xarama (sprich: CH arama!) nach Arkochori, um genau zu sein. Auf der Terrasse sitzend blickt man in ein grünes Tal, das einen vergessen lässt, wo man sich eigentlich befindet, mit dem, was man gemeinhin in Griechenland hat diese alpine Kulisse gar nichts zu tun. Was gar nicht so schlecht ist, so kann man sich wenigstens auf die circa 50 Positionen der Speisekarte konzentrieren, natürlich ist nicht alles verfügbar, nur was frisch ist kommt auf den Tisch. Und weit her holt man die Zutaten auch nicht gerne, wozu auch, hervorragendes Gemüse wächst je nach Jahreszeit weiter oben oder unten im Tal, Pilze sprießen rundherum im Wald wo sich ab und an auch ein Wildschwein vor eine Flinte verirrt. Nur die Rinder kommen aus der Ebene, dafür werden sie gründlich verwertet, Backerln und Schweif inklusive, beides besonders zu empfehlen. Alles andere übrigens auch, vom Weinkeller fang´ ich jetzt erst gar nicht an.

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Wobei man Veria eigentlich gar nicht extra verlassen muss, um fantastisch zu Speisen. Im Ap´ Allou in der Altstadt von Veria etwa beherrscht Tasos Iakovidis nicht nur seine Rezepte, auch architektonisch ermöglicht er mit der Öffnung des Innenraums seines Hauses einen neuen Blick auf traditionelles Bauhandwerk, ganz ähnlich geht er auch in der Küche vor, lokaler Frischkäse versteht sich da perfekt mit marinierten Walderdbeeren und Kritamo, den eingelegten Algen die man in Hellas schon aß, als kein Westler wusste dass es Japaner gibt. Auch Thanasis Samoukas mixt in seinem 12grada im alten jüdischen Viertel von Veria alt und neu, West mit Ost, was uns endlich mal wieder das Vergnügen von perfekt zubereiteten Pastourmapites bescherte, und das quasi nur als Appetitanreger. Wenn man aber mal einfach nur schnell eine Kleinigkeit -ja, wirklich- zu sich nehmen will empfiehlt es sich, einem Insider Tipp folgend, ein unscheinbares Café im Geschäftsviertel aufzusuchen und einen Ouzo mit Thalassina Mezé zu ordern, welche Chefin Olimpia persönlich auf unnachahmliche Art zubereitet. Aber leider nicht serviert, um sie persönlich zu treffen muss man halt dann den morgendlichen Meinl Café bei ihr einnehmen.

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Wie sich bei der Lektüre unschwer erkennen lässt empfiehlt es sich zentral Logis zu nehmen, zu Fuß ins Bett gehen zu können ist bei solch lukullischen Abendvergnügungen von unschätzbarem Vorteil. Ob man im wilden Norden von Griechenland denn auch standesgemäß absteigen kann habe ich mich anfangs auch gefragt. Und wurde ausgesprochen angenehm überrascht. Mittlerweile recht bekannt ist das Kokkino Spiti neben der alten Synagoge. Das makellos renovierte Bürgerhaus liegt hoch am verwachsenen Hang über dem Tripotamos der unten plätschert. Obwohl es, dem Namen nach, Rot sein soll erkennt man es vom anderen Ufer weithin als blauen Fachwerkbau mit schattigen Balkonen auf denen sich trefflich den genossenen Köstlichkeiten nachhängen lässt.

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Nur ein Stück weiter oben, direkt am alten Durchgang ins jüdische Viertel wartet mit dem Olganos ein Haus von internationalem Zuschnitt. Den modernen Luxus lässt es sich von außen nicht anmerken, bescheiden präsentiert es sich mit liebevoll renovierter Fassade, der Eingang liegt versteckt ums Eck. Dafür spielt es drinnen dann alle Stückerl, einfühlsam auf letzten technischen Stand gebracht erfolgt der Zugang elektronisch, auch in den Zimmern scheint M alles für den aktuell diensthabenden James Bond vorbereitet zu haben, speziell im Bad. Da vergnügt man sich entweder im großzügigen und doch unpeinlichen Whirlpool oder blickt aus der Badewanne durch den offenen Kamin auf die großartigen schwarz-weißen Zeichnungen des historischen Veria hinter dem Bett.

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Und wieder einen Block weiter zum Zentrum hin wartet mit dem Art Hotel Veritas eine weitere veritable Überraschung, in dem unscheinbaren Haus stößt man über dem Café im Erdgeschoss auf 8 künstlerisch gestaltete Zimmer, jeweils einem griechischen Künstler gewidmet, eins schöner als das andere. Ich hab mich in Maria verliebt, also in die Callas, beziehungsweise jenes Zimmer, wo sie einem stets einen verführerischen Blick zuwirft. Keine Ahnung, ob die Diva Assoluta aus New York je Imathia besucht hat, den Rezepten in ihrem Kochbuch nach hätte es ihr aber hier gefallen. Vor Allem wenn Sie mit uns unterwegs gewesen wäre!

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Auf den Geschmack gekommen? Kein Problem, demnächst bietet Divine Tastes exklusive VIP Touren für Geniesser an. Wir freuen uns auf Ihr geschätztes Interesse!

Dieser Beitrag wurde am 2019/05/17 um 19:36 veröffentlicht und ist unter DIVINE TASTES TOURS, ESSEN&TRINKEN, griechenland, imathia abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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