homolka_reist

mandarinen, schnee und weisse tränen

„Natürlich liegt da oben manchmal Schnee“ weist Vivi Potamousis die Behauptungen der Chioten aus dem Süden der Insel entrüstet zurück. Immerhin ragt der Gipfel des Profitis Ilias knapp 1300 Meter über den Meeresspiegel der Ägäis hinaus, auch das Schwarzweissphoto im Masticha Museum aus dem 19. Jahrhundert auf dem man erfrohrene Mastixbäume sieht hat ja schon darauf hingedeutet. Aber im Süden wills Keiner glauben. Schon lustig, wie unterschiedlich Menschen, Meinungen und Alltag selbst auf einer ziemlich kleinen Insel sein können.

Wobei Chios mit seiner Länge von 51 Kilometern immerhin die zehntgrösste im Mittelmeer und seit Jahrtausenden für überraschende Geschichten gut ist. Immerhin dürfte es einer der wahrscheinlichsten Geburtsorte von zu mindest einem der potentiellen Homers sein, in der Iliada erwähnt er jedenfalls den schwarzen Wein von Arousios, Nektar der Götter, den nächsten Hinweis gibt Strabon, spätestens wenn einem Dimitris Kefalas die zur Trocknung und also Geschmacksintensivierung ausgebreiteten Chiotiko Krassero Trauben zeigt ist man überzeugt: stimmt, der göttliche Tropfen kann nur hier gekeltert worden sein!

Bis spät in Byzantinische Zeiten reichte der Ruhm chiotischen Weins bevor er in Vergessenheit geriet, nur noch zwei Winzer sind aktiv, origineller Weise beide Namens Kefalas. Dimitri firmiert als Direktor der auf Privatinitiative gegründeten Arousis Weinkellerei, alleine die Lage der Produktionsstätte rechtfertigt die lange Fahrt ganz in den Norden, von hoch oben blickt man übers weite Meer. „So hoch, wie es scheint liegen wir gar nicht, 160 Meter über dem Meer, unsere Weissen wachsen viel weiter oben“ erklärt er die Lagen des Gutes. Und weiss zu berichten, dass sie eigentlich biologisch dynamisch wirtschaften, wie zu Homers Zeiten, keine Landwirtschaft ringsum würde unkontrollierten Chemieeintrag verursachen, „auf die Zertifizierung verzichten wir aber. Kostet viel Geld und wir verkaufen so auch mehr als wir produzieren können!“ Schön, aber was ist mit all den Anderen geschehen, die einst hier reichlich Wein für´s west- wie oströmische Reich produziert haben?

Nun, da gab es noch ein ausgesprochen gefragtes Produkt der Insel, das war -und ist- sogar ausschliesslich auf Chios zu Hause, ein Exportschlager seit Jahrtausenden, und als die Genueser die Herrschafft übernahmen haben sie Alles andere hintangestellt: Mastix! Dieses Harz der Pistacia lenticus, einem dem Pistazienbaum verwandten Gebüsch, gilt seit dem Altertum als Heilmittel, besonders gereizte Rachen, Zähne und Mägen lassen sich mit Mastichaprodukten schonend besänftigen. Das zähflüssige Harz tropft aus sachkundig geritzten Einschnitten auf den mit weissem Staub bedeckten Boden und bildet sogenannte Tränen. Und zwar nur auf Chios, und selbst da nur im Süden, weinen müssen also eigentlich all jene, die nicht hier Bauern sein dürfen. Warum dem so ist bleibt ein Rätsel, die damit einhergehende Exklusivität und den ergo erzielbaren guten Preis des Produkts haben die Genueser klug abgesichert indem sie die handvoll Mastichadörfer zu imposanten Wohnfestungen mit nur einem Tor ausgebaut haben.

Dass auch die Einheimischen davon profitiert haben erkennt man unschwer am exaltierten schwarz-weissen Dekor der Häuser von Pyrgi, gibt´s übrigens nur dort, unter Anderem an jenem Haus in dem ein gewisser Herr Kolumbus. Als genuesischem Kaufmannssohn hat ihm der Papa eine Ausbildung bei den seinerzeit legendären chiotischen Kapitänen angedeihen lassen, diese sowie die Geschichten von den lokalen Reedern, welche mit dem Import exotischer Handelsware reich geworden waren hat ihm wohl bei Isabella von Kastilien und ihrem Schatzmeister Tür, Tor und die Schatulle mit dem Reisekostenersatz geöffnet.

A propos Spanien: dorthin gelangten im Gepäck der Araber diverse Zitrusfrüchte, das Klima auf Chios erschien den Genuesern geeignet, diese auch hier zu kultivieren, und weil deren Aroma den Alltag so versüsst haben sie auch gleich ihre Herrenhäuser in die weitläufigen Plantagen in der Ebene rund um die Hauptstadt gebaut. Ist wohl kein Zufall, dass die an Haciendas in der Neuen Welt erinnern, man kann die Pracht heutzutage auch als gemeiner Tourist geniessen, manche der prachtvollen Residenzen dient heute als Hotel. So leistet sich einer der, auf Chios noch immer zahlreich heimischen Reeder, das Argentikon, leider ohne die Früchte der zugtausend duftenden Bäume zu nutzen. Das tut dafür Giannis Venetis nur einen Steinwurf entfernt hauptberuflich, während seine Gattin Inge die Zitrusfrüchte nicht nur weiterverarbeitet sondern auch den Gästen ihres wunderbaren Hauses schon beim Frühstück zukommen lässt, besonders begeistert der ursprüngliche Geschmack der Mandarinen die man bei uns ja kaum mehr zu sehen und riechen bekommt.

Überhaupt ist Diversifikation auf Chios der Schlüssel zum Erfolg, nachdem europäische Reiseveranstalter in vorauseilender Angst 2012 Charterflüge auf die Insel genommen haben -und erst nächstes Jahr wieder aufnehmen wollen- war es ihre Vielseitigkeit welche die Chioten relativ problemlos über die vergangenen Jahre gebracht hat. „Wir haben schon viel Schlimmeres überstanden“ merkt Giorgos Missetzis an, während er uns im Kloster Nea Moni eine verglaste Truhe voller kahler Knochen zeigt. „Angeblich haben die Osmanen 1822 über 100.000 Menschen, 90% der Bevölkerung, umgebracht, als Rache dfür, dass sie die Unabhängigkeitskämpfer unterstützt haben. Viel wahrscheinlicher ist, dass ein Großteil geflüchtet ist, ausserdem war der Sultan wohl enttäuscht, immerhin waren die Chioten ziemlich privilegiert, etwa was Steuern anlangte“. Interessant: dort wo Menschen ganz nahe mit ihren angeblichen Feinden zusammenleben sind sie viel weniger anfällig für Propaganda.

Ausserdem trifft Giorgos beinahe täglich Türken, nachdem er lange als Consultant gearbeitet und nebenbei in seinem Heimatort Avgonima verlassene Häuser erstanden hat betätigt er sich mittlerweile dort als Hotelier. „Während die Menschen im Süden Masticha, die im Norden Wein produziert und jene an der Küste Fischfang betrieben haben gab es für die hier oben im kargen Hochland eigentlich nur die Alternative als Händler zu fungieren“ erklärt er, während wir vom Dach eines seiner Spitakia, Häuschen, die ganze Westküste überblicken können, von Mesta im Süden bis hinauf zur byzantinischen Burg am Berg über Volissos. Die wacht über den kleinen Hafen von Limnia und die direkte Route von Konstantinopel nach Kreta und Alexandria. Ist heute vielleicht nicht mehr so wichtig wie einst als Byzantinische Kaiser oder Osmanische Sultane die Meerse kontrollierten, wenn man aber beim Frühstück unter Pinien oben am Hügel über den Volissos Holiday Homes die Unzahl von Containerschiffen, Tankern und natürlich auch Fregatten beobachtet versteht man warum die Ägäis seit Homers Zeiten für Schlagzeilen gut ist.

INFO
www.chios.gr
www.visitgreece.gr

WOHNEN
Venetis House Suites, Kambos, www.venetis-house.gr
Spitakia Hotel, Avgonima, www.spitakia.gr
Volissos Holiday Homes, Limnia, www.volissosholidayhomes.gr

ESSEN
Abgesehen davon, daß man auf Chios generell überdurchnittlich gut speist, seien hier ein paar besonders herausragende Lokale empfohlen:
In der Taverne Hotzas in Chios´Stadtzentrum kocht die Familie Linou seit 1882 mit den feinsten lokalen Zutaten, Gerichte wie Bohnen mit Mandarinen etwa, Reservierung angeraten! Kondili 3, Tel. +30 2271042787
Fisch speist man natürlich vorzugsweise am Meer, besonders fein im Agyra Restaurant am Strand von Kerameia, Tel. +30 2271 032178
Auch was Barkultur anlangt spielt Chios in der Champions League mit, Iakovos Kostantas mixt in der OZ Cocktailbar Bar international ausgezeichnete Drinks, natürlich ebenfalls mit lokalen Aromen! www.ozcocktailbar.gr,Tselepi/Argenti Str., +30 2271 083026

SN Spezialtipp:
In den letzten Jahren wurden eine Reihe von Wanderwegen im Landesinneren von Chios kartographiert, markiert und instandgesetzt, verantwortlich dafür ist unter anderen Giorgos Halatsis. Das stolze Mitglied des Österreichischen Alpenvereins ist auch dafür verantwortlich, daß im Thermalbad von Agiasmata reichlich Kataloge aus Gastein und weiteren alpinen Vorbildern aufliegen. Über den Winter hofft man dem Gebäude eine umfassende Renovierung angedeihen lassen zu können, doch auch im derzeitigen Zustand ist der einsame Ort an der Nordküste mit seiner kleinen Taverne und dem alten Bergbaudorf im Hinterland jedenfalls lohnendes Ziel aussichtsreicher Wanderungen!
thermae-agiasmata.com
chioshiking.gr

SN_CHIOS_16.04.2019

Dieser Beitrag wurde am 2019/06/07 um 13:21 veröffentlicht. Er wurde unter chios, griechenland, inseln, SALZBURGER NACHRICHTEN abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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