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licht am ende der gasse

Es tut sich `was in Athen! Dank kreativer Initiativen schütteln die Griechen die Depression langsam ab und erobern ihre Stadt zurück!

„In die Pittaki musst du schauen, wenn du sehen willst, wie wir Athener mit der Krise umgehen“ trägt mir Kallirroi Spyridonos energisch auf. Sie führt einen kleinen Designladen namens Hellenic Art & Design im Schatten der Akropolis, etwas abseits des Touristentrampelpfades hinter der Laterne des Diogenes. Die typischen Souvenirs sucht man bei ihr vergebens, sie sieht ihre Mission darin, jungen griechischen Designern eine Plattform zu bieten. „Ich habe in Paris Kunst und Interior Design studiert, schön langsam gibt es auch wieder Aufträge von Architekten. In der Zwischenzeit halten wir uns mit kreativen Ideen und materieller Bescheidenheit über Wasser.“

Pittaki also, ist nicht weit, eine enge Gasse in Psirri, benannt nach den Psirra, Läusen, welche sich in diesem Textilviertel dem Vernehmen nach wohl fühlten, böse Zungen meinen, die nachgezogenen Hippies wären genauso Gastfreundlich. Doch längst ist Psirri auch eines der beliebtesten Abendziele für genussaffine Athener, zumindest rund um die Plateia, den zentralen Platz und im Umkreis von Monastraki, wo sich Einheimische wie Gäste allabendlich am Anblick der beleuchteten Akropolis laben. Die Ermou Strasse hinunter jedoch sind die Seitengassen oft noch finster. Statt Kitsch und Tand, wie auf der touristischen Seite, findet man hier Nähzugehör, Plastikhausrat und Metallwaren.

Aber auch so manche Künstler haben hier dank niedriger Mieten neben den alteingesessenen ihren Platz gefunden, eben auch in der Pittaki. Am eindrucksvollsten erlebt man die Metamorphose der dunklen Gasse in der Abenddämmerung, die Athener Stadtverwaltung lässt sich mit dem anknipsen der Strassenbeleuchtung reichlich Zeit, man will ja nicht von der EU-Toika wegen Stromverschwendung gescholten werden. Während jetzt im Winter der tiefblaue Himmel kaum noch Tageslicht in die Stadt wirft strahlen die weissen Tempel besonders schön, und dann: in der Pitaki gehen die Lichter an! Aber nicht banale Beleuchtungskörper, oh nein, unzählige Lampenschirme baumeln wie in Alice´s Wunderland über der Strasse und verzaubern die gerade noch düstere Stimmung in ein heimeliges Ambiente.

Vor gut zwei Jahren, als Hellas von Europa in die Finsternis gejagt wurde, schlossen sich ein paar Unentwegte zusammen, um den sprichwörtlichen Lichtstreif an den Horizont zu malen. Einem Aufruf, nicht mehr benötigte Beleuchtungskörper im Büro der Initiative Syn-Oikia abzugeben folgten die Nachbarn derart zahlreich, dass die Lichtkünstler von Before Light kaum mit der Montage nachkamen. Mittlerweile kommt der Strom auch nicht mehr durch die Fenster aus den Steckdosen der Anrainerwohnungen sondern ganz dank grosszügiger Sponsoren offiziell aus der Hauptleitung, auch die Instandhaltung scheint gesichert, die dunkle Zeit überwunden.

Nicht so schräg gegenüber in der Normannou Strasse in Monastiraki, jedenfalls wenn man dem ersten Eindruck nachgibt. Durch die leicht zu übersehende, viel zu niedrige Tür mit der Nummer 5 betritt man ein scheinbar kurz vor dem endgültigen Zerfall stehendes Gründerzeithaus. Viel wurde hier nicht verändert, die Schräge im Eingang deutet auf eine frühere Nutzung als Geschäftshaus, hier dürfte täglich reichlich Ware ein und aus gekarrt worden sein. Eine Treppe führt nach oben, das Hinweisschild sagt `Exhibition Space´, geradeaus geht´s in einen Innenhof, die Räume rundum sind farbig beleuchtet, jeder ein Ausstellungsraum für sich, in manchen der Installationen diskutieren Gäste und nippen an Gläschen. Eine Seite des Hofes nimmt eine moderne Bar ein, die Karte weist das Etablissement als T.A.F. aus, The Art Foundation. Sie ist eine quasi inoffizielle Aussenstelle der Kunstuni, selbstverwaltete Künstler Coop, Veranstaltungs- und Ausstellungsraum, vor Allem aber formloser Treffpunkt. Und eine formidable Bar mit anspruchsvoller Cocktailkarte, weswegen mich Panaiotis Papanicolaou hierher bestellt hat.

Der renommierte Art Director hat schon lange vor der Krise die Branche gewechselt, als Consultant Chef so manches neue Küchenkonzept für das nächste In-Restaurant entwickelt, sich seiner Malerei und philosophischen Exkursen gewidmet. Also geht es gleich weiter zu BIOS, einem Art Space an der Piräus Strasse in Kerameikos zu einer Diskussionsveranstaltung. Die nächste Kunstbiennale will vorbereitet werden, bei der vergangenen hat man die verwahrloste Gegend unter dem Motto „Remap Athens“ in den Focus genommen, und mit zahlreichen künstlerischen Interventionen aus dem Dornröschenschlaf zu wecken versucht. Gleich darauf besuchen wir eine Vernissage im Museum of Greek Gastronomy, auch so eine Privatinitiative, diesmal in einer bestens renovierten klassizistischen Villa, man will ja die Errungenschaften der griechischen Küche im besten Licht präsentieren, ist auch tatsächlich Appetit anregend.

Gottseidank bin ich anschliessend mit Maria Kavvadia zum Abendessen verabredet, sie kommt gerade von einem Termin vom Akropolis Museum, eine ihrer Kreationen soll ins Programm des Museumsshops aufgenommen werden. „Eine Puppe, typisch griechisch, im Land handgefertigt, und doch modernes Design!“ Klar, hat sie doch in Florenz Kunst studiert, und ihre Boutique To Kerasaki Stin Tourta gilt als erste Adresse in der Stadt, wenn man Erstklassiges für Kinder sucht. Doch jetzt hat sie mal Hunger, wie offensichtlich alle Griechen zu dieser Uhrzeit, um 11 Uhr abends werden alle Lokale gerade voll. Aber sie kennt da ein neues, Yperokeanio, der Ozeandampfer heisst es. Schaut aber gar nicht so aus, in einer Stoa, einer engen Geschäftspassage in einem Hauseingang, hat Eigner Lefteris ein ehemaliges Kafeneion zur modernen Taverne umgemodelt. Und über eine Wendeltreppe hinten im Lokal gelangt man auf die Bar am Dach im Hinterhof, wirkt wie die Brücke auf einem, genau, Ozeandampfer!

TIPPS. Essen & Trinken. Kultur & Souvenirs

Fusion heisst der Trend woanders, griechische Köche müssen nur einfach ihre Erfahrungen aus der weiten Welt mit den hervorragenden Produkten ihrer unmittelbaren Heimat verbinden, und fertig ist das kulinarische Abenteuer!

P Box
Christoforos Peskias hat einst mit dem `48´ Athen auf die Gourmetkarte gesetzt, in seiner neuen `P Box´ serviert er raffinierte leistbare Küche mit Witz in entspannter Atmosphäre.
22 Charitos, Kolonaki, +30 210 7298556

Trapezaria
Industrielles Setting mit traditionellen Designelementen prägen dieses `Esszimmer´, man bringt Speisen in Intensität und Frische auf die Tische, wie man sie von griechischer Küche erwartet.
1 Theodorou Negri, Makrigianni, +30 210 921 3500

Hytra
Das Restaurant mit langer Michelin Stern ausgezeichneter Geschichte an wechselnden Locations gilt, nun im Onassis Kulturzentrum gelandet, als eines der schönsten der Stadt und vermag auch Traditionalisten mit seiner kreativen Küche zu überzeugen.
107-109 Leoforos A. Syngrou, Nea Smirni, +30 210 7071118

Kalamaki o Elvis
Souvlaki Grill Station der alten Schule, im neuesten Hipp-Quartier gerade besonders angesagt, nicht zuletzt wegen der altmodischen Preise
29 Od. Leonidou, Keramikos, +30 210 3455836

Base Grill
Kühe geben ihr Leben, um hier zu landen, Athener fahren dafür durch die halbe Stadt: die besten Steaks Griechenlands!
64 Leof. Konstantinopoleous, Peristeri, +30 210 5757455

Yperokeanio
Klassisches Mezedopoleion unten in der Stoa, am Oberdeck Bar und am Wochenende DJ-Sets.
46, Perikleous, Psirri, +30 210 3234945

Mamacas
Klassiker in Gazi, Inseltaverne neben dem alten Gaswerk, Küche wie einst bei Mama.
41 Persefonis, Gazi, +31 210 3464984

Monopolio Athinon
In der ehemaligen Lagerhalle der staatlichen Salz- und Zünholzmonopolbetriebe kocht Angeliki wie Mama heute kochen würde- erstklassig!
10 Ippothondion, Petralona, +30 210 3459172

Barbaiannis
Typische Taverne, aussuchen an der Vitrine, Sonntag Mittag speist der Einheimische hier Schweinsbraten mit Erdäpfelsalat, dann wird zugesperrt.
94 Em. Benaki, Exarcheia, +30 210 3824138

A for Athens
Bar am Dach, sechste Etage zu Fuss, nächster Anhaltspunkt: Akropolis!
2 Miaouli, Monstiraki

The No Name Bar
Hat keinen Namen, vielleicht auch keine Lizenz. Who cares?
Amfiktionos 33, Thision, die blaue Tür

Stratos the Butcher DJ
Stratos legt in seiner Fleischhauerei auf, bekannt für after-after-parties am frühen Morgen. 19 Aghias Sophias, Nea Smirni

Six Dogs
Bar, Café, Veranstaltungsort, Künstlerlofts, zwischen Feuermauern und antken Fundamenten.
6-8 Avramiotou, Monastiraki. +30 210 3210510

Onassis Center
Kultur- und Veranstaltungszentrum der Onassis-Stiftung mit Schwerpunkt auf griechischer zeitgenössischer Kunst, internationalen Kooperation und Bildung, 107-109, Leoforos Syngrou, Ag. Siostis, +30 210 9005800

Bios
Art Space im industriellen Ambiente beim alten Grossmarkt, Konzerte, Ausstellungen, rare grooves und hippe outfits im store, 84 Od. Peireos, Tavros, +30 210 3425335

Faust
Nein, nicht wegen Goethe, sondern vom lateinischen `faustus´, beglückend, gesegnet, bezieht dieses Theater und Konzerthaus seinen Namen! 11, Kalamiotou, Kentro, +30 210 3234095

Benaki Pireos
Das Benaki Museum ist schon im Stammhaus in Kolonaki ein muss, in die Dependance im hippen Arbeitervorort bringt die Stiftung avantgardistische Kunst und interesante städtebauliche Ausstellungen und Workshops, 138 Od. Peireos, Gazi, +30 210 3671000

T.A.F.
The Art Foundation, gegründet und geführt von Kunststudenten, feine Bar, interessante Ausstellungen, überraschende Performances, aktuelle Gigs.
8, Normannou, Monastiraki,

Hellenic Art & Design
Kallirroi verkauft nicht nur ihre Eigenen Entwürfe, hier gibt sich die junge Designergarde die Klinke in die Hand. 10 Xairefontos, Plaka, +30 210 3223064

To Kerasaki Stin Torta
Maria macht Kinder glücklich, und erst Designaffine Omis Tanten und Eltern!
6 Irodotou, Kolonaki, +30 210

Dieser Beitrag wurde am 2015/01/13 um 09:58 veröffentlicht und ist unter athen, griechenland abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „licht am ende der gasse

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