homolka_reist

von athen lernen

Am 8. April ist es so weit, die Kunstwelt blickt nach Hellas, Kassel nach Athen. Diesmal wollen die Deutschen aber nicht sicher stellen, daß die Griechen ihre Hausaufgaben machen, wie´s immer wieder heisst, der künstlerische Austausch erfolgt unter dem Titel „Learning from Athens“, Neugier soll also an die Stelle von Belehrungen treten. Da trifft sich´s gut, dass gleichzeitig das Osterfest ins Haus steht und ganz Griechenland sein soziales Leben wieder nach draußen verlegt.

Selbst in Athen wird das Osterlamm gerne im Freien gegrillt, durchaus mal auch gleich vor der Haustür am Trottoir. Besorgt wird es stets beim befreundeten „Chasapis“, dem Schlachter. Etliche von denen bieten ihre Ware lautstark in der Kreatagora feil, dem Fleischmarkt in der historischen Markthalle an der Athinasstraße, die vom zentralen Omonia Platz nach Monastiraki führt, den Blick stets auf die Akropolis gerichtet. Seit der Antike wurde genau hier Handel getrieben, noch heute bilden Geschäfte mit ähnlichen Angeboten Cluster. In einer Seitengasse quellen bunte Plastik- und Blechgefäße aus den Portalen, in der nächsten findet man Alles, was zur Elektrifizierung des trauten Heims nötig erscheint, die Gewürzgasse findet man mit geschlossenen Augen. Und in Psirri, dem nach den dort angeblich allgegenwärtig gewesenen Läusen benannten Schneidereibezirk, hört man die letzten Nähmaschinen rattern.

Längst hat sich Psirri zum Ausgehviertel gewandelt, erst bezogen Kreative die einstigen Lofts, Tavernen und Bars folgten. Das Nachtgeschäft ist auch schon länger in der Gegend zu Hause, Generationen von jungen Griechen wurden hier zu Männern. Die steigenden Mieten haben Ateliers den Garaus gemacht, kein Problem, einen Steinwurf weiter wartete Kerameikos, die nächste heruntergekommene Ecke, die es zu beleben galt. An der Piraeos Straße, die seit zweieinhalb Jahrtausenden die Stadt mit dem Hafen verbindet hat man Mitte des 19. Jahrhunderts das städtische Gaswerk errichtet, die Speicher sind weithin sichtbar. Heutzutage weisen sie den Weg nach Technopolis, einem lebendigem kommunalem Kulturzentrum, das die Gebäude der Anlage für Konzerte und Ausstellungen nutzt.

Hat man das Gaswerk seinerzeit am Stadtrand angesiedelt, stehen sie heute quasi mitten in der Stadt. Steht man davor, blickt man auf die nahe Akropolis, die Propyläen erheben sich über den Areopag, eine anlässlich der Olympischen Spiele 2004 angelegte Fußgängerzone führt direkt zur Agora. Man könnte aber auch rechts hinunter die Piräos Straße spazieren, zum modernen Ableger des Benaki Museums, dem Kentro Athinon oder ins Pantheon Theater. Oder links hinauf, sich im Bios einen Drink und eine Performance gönnen, und weiter am Nationaltheater vorbei über den Omonia Platz zum Archäologischen Nationalmuseum pilgern. Dort erweist man Exponaten ersten europäischen Kulturschaffens seine Reverenz, bevor man nebenan das Polytechneion in Augenschein nimmt, jene Hochschule, welcher Griechen ebenfalls gerne historische Bedeutung zubilligen. Hierher hatten sich am 17. November 1973 Demonstranten gegen die Militärdiktatur geflüchtet, bei der Erstürmung kamen mindestens 23 Menschen ums Leben. Was wenigstens das Ende der Junta und – wieder einmal – den Beginn eines freien Griechenlands einläutete.

Das Datum wird jährlich gewürdigt, teils feierlich, teils aktionistisch-revolutionär. Exarchia, die Gegend hinter der Uni, ist immer noch studentisch dominiert, die Analogie zur Anarchia wird geradezu folkloristisch gelebt. Und als anlässlich der gegen Griechenland verhängten Austeritätspolitik Fernsehsender aus aller Welt spektakuläre Bilder benötigte, besann man sich alter Seilschaften, rasch brannten Mülleimer und Bankfassaden, die gewünschten Negativschlagzeilen waren geliefert. Schlendert man allerdings unvoreingenommen durch die engen Gassen unterhalb des Strefi Hügels bietet sich ein überraschend anderes Bild. Hinter von bunten Graffitis geschmückten Mauern lauern hauptsächlich kleine Boutiquen, Kunstgewerbeshops, Galerien, Bars und Tavernen. Angst muss man nur davor haben, bis in die frühen Morgenstunden wegen dem Vergnügen und Genuss zum Opfer zu fallen. Tritt man dann beispielsweise Samstag früh hinaus ins grelle Tageslicht kommt man gar nicht umhin, lautem Geschrei auf den Grund zu gehen. Reife Tomaten und frischen Fisch wird angepriesen, am Laiko, der Wochenmarkt auf der Kallidrommiou Straße und Athen zeigt sich charmant dörflich.

Nur, um ein paar Häuserblocks weiter gleich ganz andere Seiten aufzuziehen. Willkommen in Kolonaki, dem bürgerlichen Herz von Athen, wo die echten Einheimischen wohnen! Ihrem Selbstverständnis nach handelt es sich dabei nur um ein paar Zehntausend Alteingesessene, die restlichen drei bis vier Millionen sind ja im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts eingewandert, von den Inseln oder aus Kleinasien. Ein Abstecher auf den Lykavettos mit seinem Rundumblick auf die Stadt lässt erahnen, dass die nicht alle hier geboren worden sein können. Von hoch oben kann man auch die Unterschiede der sozialen Struktur Athens erkennen, den ganzen Nuancenreichtum der Stadt kann man sich aber nur erwandern. Ist es in Exarchia die charmante Mischung von ordentlichem Kleinbürgertum und anarchistischer Studenteska, die friedlich nebeneinander lebt, stechen in Kolonaki exklusive Kraftfahrzeuge, repräsentative Wohnhäuser und edle Boutiquen ins Auge, Paris ist auch nicht eleganter.

Aber bei weitem nicht so hügelig! Um Athen wirklich zu ergehen ist gutes Schuhwerk angeraten, wer keines im Gepäck muss nicht verzweifeln. Durchaus seriösen Statistiken zufolge weist die Stadt die höchste Dichte an einschlägigen Geschäften auf. In der zentralen Einkaufsstraße Ermou sowieso, aber auch rund um die Plateia Kolonakiou herrscht kein Mangel. Die Plateia, der Platz, ist übrigens das Zentrum jeden der unzähligen Viertel Athens, die vor hundert Jahren noch eigenständige Dörfer waren. Bis heute hat Athen quasi drei Dutzend Bürgermeister, dementsprechend wichtig sind die Platias, auf denen sich das Volk trifft, diskutiert, politisiert und Geschäfte macht. Mit Vorliebe bei einem Kaffee, muss kein griechischer sein, auch ein Cappucino geht, am Besten als Freddo, kalt und köstlich, besonders wenn es endlich wieder nicht mehrr kalt, wir würden wohl sagen: richtig heiß ist. Dann suchen sie den Schatten, die Athener, in ihrem Lieblingscafé oder -Kafeneion, auch auf der Plateia Kolonakiou gibt es deren einige, jede Gesinnungsgenossenschaft hat ihr Stammlokal. Samstag Morgen schaut auch schon mal der Herr Minister persönlich nach dem Rechten, ein Schauspiel wie damals unter Perikles, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Genau so wenig wie ein paar von den Museen, die man von hier leicht erreicht, quasi im Vorrübergehen, sogar in den neuen Schuhen, es geht nur mehr bergab. Na gut, fast, zum Akropolis Museum muss man doch noch mal hoch, die restlichen sind über die Kalliroi Straße zu erreichen, und die macht ihrem Namen alle Ehre. Die mythologische Kallirrhoë war, je nach Überlieferung, die Tochter einer Reihe von Flussgöttern, darunter Mäander, ihr Name bedeutet die Schönfließende, und also folgen wir ihr passender Weise zum ins EMST. Das nun endlich operative Museum Zeitgenössischer Kunst hat seine Heimstatt in der alten Fix Brauerei gefunden, nach der Eröffnung der permanenten Ausstellungsfläche im Souterrain folgen heuer auch die restlichen Etagen, sie werden standesgemäß von der Documenta für Ausstellungen und Symposien genutzt.

Auch das Dach wird wieder bespielt, schon letzten Sommer war es der Platz, an dem man sich dem Kunstgenuss hingeben musste, im Sonnenuntergang, die Akropolis unmittelbar vor der Nase abgehoben zwischen zwei der hektischsten Verkehrsarterien der Stadt kann man sich der Faszination kann man sich dem überwältigendem Panorama hingeben, alle Klassiker sieht man von hier ganz deutlich, versteht, warum genau hier einst der Nabel der Welt lag. Von drei einst bewaldeten Gebirgszügen geschützt gegen Einfälle vom Land, offen zum Meer an der vierten Seite mit der festungsartigen Halbinsel von Piräus als Brückenkopf. Entlang des Syngrou Boulevards, den man von hier hinunterblickt, ist in den letzten Jahren eine veritable Museumsmeile entstanden. Neben dem EMST sind es vor Allem das STEGI im Onassis Center und das gerade erst fertiggestellte SNFCC, die Athen zum „must“ für Kunstinteressierte machen. Letzteres Akronym steht für Stavros Niarchos Foundation Cultural Center, es wird neben der Nationalbibliothek auch die Griechische Staatsoper beherbergen, das von Renzo Piano entworfene Gebäude ist nicht nur schon von weitem unübersehbar, es bringt die Stadt auch erstmals seit Ewigkeiten wieder direkt ans Meer.

Vom Café in gut 30 Metern Höhe hat man einen fantastischen Ausblick auf den Saronischen Golf, von Fern grüßen die Gipfel des Peloponnes, die zahlreichen Inseln dazwischen scheinen im Meer zu treiben. Schiffe jeden Kalibers streben ihnen hektisch zu, kein Wunder, um die Osterzeit treibt es die Athener geradezu magisch aus der Stadt. Aufs Meer hinaus, zu den Dörfern auf die Inseln, das Wunder der Auferstehung lässt sich fern der engen Stadt halt doch viel schöner nachvollziehen. Und am allerweitesten von der Zivilisation entfernen kann man sich im Handumdrehen auf Hydra! Etwas mehr als eine Stunde das Linienschiff unterwegs, bevor man in diesem Amphitheater von einer Hafenstadt in eine magische Welt eintaucht. Kaum, dass das Tragflügelboot die Bucht elegant verlassen hat sind die Geräusche des Schiffsdiesels verklungen, die laut ihre Zimmer anpreisenden Wirtinnen verstummt, unwirkliche Ruhe umfängt den staunenden Besucher. Nein, es gibt hier keine Autos, nicht einmal Mopeds, sogar Fahrräder sind aus dem Paradies verbannt. Umso deutlicher vernimmt man den Popen in der Kirche „Christos anestis“ verkünden, der Herr ist Auferstanden. Und die Gemeinde der Gläubigen antwortet inbrünstig: „Alithos anestis“, fürwahr, Er ist auferstanden! Um kurz später ihrer Freude mit einem ohrenbetäubenden Feuerwerk nachdrücklich Ausdruck zu verleihen. Dass man das Ende der Fastenzeit mit ebensolcher Hingabe lukullisch begeht versteht sich von selbst. Tieropfer haben in Hellas ja bekanntlich Tradition, wieso sollte man also ausgerechnet in mageren Zeiten wie diesen auf den bewährten Brauch verzichten?

TIPPS

ANREISE
Aegean Airlines fliegt täglich von Wien nach Athen, Preis ab 64 Euro www.aegeanair.com

HOTELS
Das New Hotel überrascht mit raffiniertem Design am Fuße der Akropolis, Zimmer ab 131 Euro
www.yeshotels.gr/hotel/new-hotel

Gleich hinter Kerameikos liegt das Wyndham Grand nahe der neuen In-Szene, das Doppelzimmer gibt´s ab 108 Euro
www.wyndhamgrandathens.com

Hoch auf dem Streffi Hügel thront das Hotel Orion mit Traumblick über die Stadt, ab 50 Euro kostet die Nacht
www.orion-dryades.com

KULTUR
Stavros Niarchos Foundation Cultural Center, www.snfcc.org
National Museum of Contemporary Arts, www.emst.gr
Akropolis Museum, www.theacropolismuseum.gr
Onassis Cultural Center, www.sgt.gr
Dokumenta 14, www.documenta14.de
Galerien in Athen, www.athens-museums.com/art-galleries

ESSEN
Atlantikos, kreative Fischtaverne, unglaublich frisch und günstig; Avliton 7, Psirri, +3021030330850
Sushimou, gehört zu den Top 100 Restaurants der Welt, Sushi vom Feinsten. Reservierung unumgänglich! Skoufon 6, Syntagma; +3021014078457
Barbaiannis, typisch Athener Beisl am Eck, attischer Sonntagsbraten vom Schwein; 94 Em. Benaki, Exarcheia, +30 210 3824138

SHOPPEN+MODE
Luxuriös und elegant kauft man In Kolonaki rund um die Plateia, entlang der Taskalof und weiter hinunter die Voukourestiou. Dann landet man im Attika, dem neuen edlen Departement Store, von dem aus gelangt man direkt in die Ermou Strasse, wo Schuhfetischisten schöne Schnäppchen finden. An deren Ende in Monastiraki warten Flohmarkt und Off-Boutiquen auf das, was das Börsel noch hergibt.

ATHEN_schaufensterfen_31.03.17

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Dieser Beitrag wurde am 2017/04/09 um 13:10 veröffentlicht. Er wurde unter athen, DIE PRESSE, griechenland abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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