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gute aussicht für athen

Immer schon habe ich mich gefragt, womit der Stadtteil Kalithea seinen Namen verdient hat. Er liegt zwischen dem Akropolis Hügel und dem Possidonos Boulevard an der Küste, ziemlich flach, von „Guter Aussicht“, was Kali Thea nämlich bedeutet, weit und breit nichts zu sehen. Bis jetzt. Seit man nämlich Renzo Pianos markanten Neubau eines Kulturzentrums für die Stavros Niarchos Foundation besuchen, besichtigen und sogar besteigen kann begreift man endlich das Toponym.

Beurteilte man den aktuellen Zustand Athens nur nach den Schlagzeilen der deutschsprachigen Medien müsste man meinen, die Stadt vegetierte nur dahin, halte sich gerade so über Wasser. Doch die hinlänglich bekannten Probleme einer Volkswirtschaft unter Belagerungszustand mit den verbundenen Symptomen wie Arbeitslosigkeit und Ebbe im persönlichen Geldbörsel hat bei den Griechen seit alters her schon oft paradoxe Reaktionen ausgelöst. Und auch diesmal zeigt der Lokalaugenschein ein überraschendes Bild, nicht nur die Lokalszene blüht und gedeiht auch ohne sommerlichen Touristenandrang, so richtig beeindruckend zeigt sich das Talent der Athener zum Stehaufmännchen in der Kultur.

Am südlichen Ende des Syngrou Boulevards, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Symbol eines neuen, selbstbewussten Athens weitblickend großzügig angelegt worden war, erhebt sich mittlerweile ein unübersehbarer Keil aus der Landschaft, eine grüne Rampe auf der man zwischen Olivenbäumen bis zum Gipfel auf beinahe 40 Metern Höhe wandern und die sich stetig ändernden Ausblicke genießen kann. Erst auf die Häuserwüsten von Nea Smyrni und Tzitzifes, zwei nach der Vertreibung der Griechen aus Kleinasien in den neunzehnhundertzwanziger Jahren eruptiv entstandenen Vororten, das Imittos Gebirge, welches die Stadt von Osten her umarmt, den Hügel der Halbinsel von Piräus im Westen, schließlich die diversen Stadien, teils schlafende Souvenirs der 28. Olympiade, teils allwöchentliche Hexenkessel von Mannschaften vom Schlage von Olympiakos oder Apollon Smyrnis. Und oben angekommen schließlich weit über den Sarronischen Golf, hinüber nach Ägina, Hydra gar, und zu den Gipfeln der Peloponnes.

Man steht, während man sich vom Ausblick überwältigen lässt, übrigens direkt über der Bühne der neuen Athener Oper. Wobei neu fast untertrieben ist, tatsächlich hat die Griechische Staats Oper nämlich das erste Mal überhaupt ein eigenes Haus bekommen, welches im Konzert der Großen Häuser mitspielen kann. Und wie! Nigel Wollheim, Opernaficionado und P.R. Consultant für Phillip Morris und Ferrari aus London, der die Wintermonate mit seiner italienischen Gattin extra in Athen verbringt, weil er, wie er sagt, dort täglich ins Theater gehen kann, vergleicht die Ethniki Liriki Skini gar mit dem Opernhaus in Sydney. „Auch dort hat die spektakuläre Architektur dazu geführt, dass sich Superstars zu Engagements überreden ließen. Das wird auch hier passieren, die Athener Staatsoper wird in die Champions League aufsteigen!“

Eine Hoffnung, die auch Gabriella Triantafyllis hegt. Sie ist als Programm- und Produktionsmanagerin des Stavros Niarchos Foundation Cultural Centers am Erfolg der Oper natürlich besonders interessiert, genau wie am Gelingen des Umzugs der Nationalbibliothek in die ebenfalls im Neubau untergebrachten Räumlichkeiten. Beide Institutionen sollten in den nächsten Monaten ihren Umzug erledigt haben, die Oper wird im Sommer ihren Einstand feiern, von der alten Bibliothek in der Innenstadt wird eine Menschenkette einige tausend Bände von Hand zu Hand ihrer neuen Unterkunft übergeben und so die Verbundenheit der Griechen zu ihrem Erbe versinnbildlichen. „Wir selber sind schon seit vergangenen Sommer aktiv, haben Workshops und Konzerte im Park veranstaltet, zeigen täglich dutzenden Interessierten auf Touren unser Haus, bieten bereits Computerkurse und Lesungen in den Räumen der Bibliothek an. Und das Interesse ist beeindruckend“ zieht Gabriella stolz Bilanz des ersten halben Jahres nach Übergabe des Jahres. „Der Skulpturengarten wie auch die kleine Gallerie mit wechselnden Ausstellungen am Dach ist auch schon in Betrieb, bald eröffnet dort auch das Café, das wird wohl DER Treffpunkt des Sommers, hat nicht nur der Condé Nast Traveler festgestellt!“

Man muss aber auch gar nicht besonders geschult sein, um das zu erkennen, dreht man nämlich der, übrigens bislang sträflich unterbeachteten, Athener Küste den Rücken zu, baut sich eine Kulisse von historischer Dimension auf. Beschützt von Parnitha und Penteli liegt die Stadt auf ihren dutzenden Hügeln und Bergen, nach vier Jahrtausenden Siedlungstätigkeit dicht besiedelt. Nur da und dort hat der Respekt vor historischen Fakten noch grüne Schneisen geschlagen, und mittendrin thront die Akropolis auf ihrem Felsen, steinerner Bezugs- und Orientierungspunkt nicht nur Athens sondern auch unserer westlich-demokratischen Kultur. Und direkt unter den strahlend weißen Marmorblöcken der Burgmauer kann man das monolithische schwarze Gebäude des Akropolis Museums erkennen, welches das andere Ende der neuen Museumsachse entlang der Syngrou bildet, zu dem sich, neben dem 2010 eröffneten STEGI, vulgo Onassis Cultural Center, neuerdings auch ein Museum für moderne Kunst gesellt. Und zwar das, ausnahmsweise, nicht von der Stiftung eines verblichenen Reeders eingerichtete EMST.

Doch auch das Ethniko Moyseio Sychronis Technis, also Nationalmuseum Zeitgenössischer, oder gebräuchlicher, moderner Kunst ist mit der Athener Alltagsgeschichte zutiefst verbunden. Im Jahre 2000 gegründet hat es im Februar 2014 in der einstigen Produktionsstätte der Fix Bierbrauerei zwischen zwei der meistbefahrenen Verkehrsachsen der Stadt eine Heimstatt gefunden. Im Laufe des Jahres 2016 hat sich das Haus mit einer Reihe von Veranstaltungen nun auch endlich den Besuchern präsentiert, wie etwa einer Performance der, ebenfalls vazierenden Athener Oper auf der weitläufigen Dachterrasse. Direktor Katerina Koskina fällt es leicht, mir die Faszination der Location schmackhaft zu machen, zumal an einem lauen Sommerabend. Jetzt im Dezember bläst allerdings eine steife Brise von den Bergen herunter, also begeben wir uns in die Ausstellungräume in den unteren Etagen, dort läuft seit Anfang November die erste reguläre Ausstellung, eine Koproduktion mit dem M HKA Antwerpen. Die Kontakte hat sich die Historikerin und Philosophin über Jahrzehnte als Kuratorin bedeutender Sammlungen, Beraterin für das künstlerische Rahmenprogramm der Olympischen Spiele und Kommissarin für diverse Biennalen von Sao Paolo über Saloniki bis Venedig erarbeitet. Und wird diese wohl auch zu Nutzen wissen, wenn die Documenta in ihrer 14. Auflage erstmals neben Kassel unter dem Titel „Learning from Athens“ eine zweite Stadt bespielen und auch im EMST gastieren wird.

„Wir wollen der Documenta einen gelungenen Einstieg erleichtern, am 8. April übergeben wir quasi das Zepter“ erklärt auch Poka-Yio, Organisator der Athens Biennale. Er hat mit wechselnden Co-Direktoren seit 2005 das Format vom alle zwei Jahre stattfindenden Event zu einem kontinuierlich laufenden künstlerischen Prozess umgewandelt. Nach den Themen „Destroy Athens“ und „Remap Athens“ ist man nun bei der „Agora“, dem Marktplatz angekommen und bespielt so unterschiedliche Orte wie ein altes Hotel am Omonia Platz oder einen Kiosk direkt neben der Halle des alten Fischmarktes mit Blick auf die Akropolis. Auch wenn die aktuelle Ausgabe in ihrer Unterschwelligkeit dies nicht so ohne weiteres zeigt, haben die künstlerischen Interventionen des letzten Jahrzehnts die Textur der Stadt doch ganz schön verändert. So zählt der, einst als heruntergekommen verrufene, Bezirk Kerameikos mittlerweile zu den angesagtesten Vierteln der Stadt. Aus Ateliers, temporären Galerien und Art-Spaces sind mittlerweile Bars, Lokale und kommerziell erfolgreiche Theater geworden, die Mieten haben angezogen, es ist „in“ hierher zu kommen. Was übrigens nicht nur für Kerameikos gilt, die ganze Stadt zieht Kreative und Künstler aus aller Welt an, „Learning from Athens“ darf man wohl durchaus auch als Angebot oder Auftrag an die krisengeschüttelte westliche Zivilisation verstehen. Hier sieht man, wie sich in der Krise die Chance finden und Neues spriessen kann.

INFO: www.discovergreece.com
FLUG: www.aegeanair.com/
HOTELS: www.yeshotels.gr , www.wyndhamgrandathens.com

www.snfcc.org
www.emst.gr
www.athensbiennale.org

 

http://www.salzburg.com/nachrichten/lifestyle/urlaub-reisen/sn/artikel/kulturstadt-athen-der-klassiker-im-neuen-kleid-231882/

 

 

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Dieser Beitrag wurde am 2017/02/12 um 15:36 veröffentlicht. Er wurde unter athen, griechenland, SALZBURGER NACHRICHTEN abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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