homolka_reist

38.739 meilen sprint

Wer meint, die Vierundzwanzig Stunden von Le Mans wären ein Langstrecken Wettbewerb, der sollte sich mal das Volvo Ocean Race zu Gemüte führen. Das dauert nämlich exakt neunzig mal so lange, und aus dem Renngerät aussteigen kann man dabei auch nicht öfter!

„Sorry, gib mir bitte noch fünf Minuten Zeit, meine Frau ist heute Früh gekommen, und ich konnte sie noch gar nicht begrüßen!“ Ian Walker, 42 jähriger Skipper der Azzam, ist zwar am Ziel angekommen, den Gesamtsieg im Volvo Ocean Race war ihm schon nach der vorletzten Etappe nicht mehr zu nehmen, aber damit ist sein Job noch lange nicht erledigt. „Die Sponsoren sind der Sauerstoff den wir zum atmen brauchen“, wird er später sagen, IWC ist einer davon, und für dessen Unterstützung bedankt er sich artig und pflichtbewusst mit seiner -beinahe- lückenlosen Teilnahme an deren Siegesfeier. Und bezeichnet sie auch gleich als Glücksbringer, mit der deutschen Nationalmannschaft ist die Schweizer Uhrenmanufaktur Weltmeister geworden, mit McLaren hat man die Formel 1 WM gewonnen, alle guten Dinge sind drei.

Das Volvo Ocean Race hat am 4. Oktober letzten Jahres mit einem In-Port-Race in Alicante begonnen, eine Woche sind die sieben Teams in die erste, 6,487 nautische Meilen lange, der neun Etappen gestartet. Jeweils neun Mann teilen sich den beengten Platz auf den identischen Booten, beziehungsweise elf Frauen, das eine reine Damenteam darf zwei zusätzliche Crewmitglieder an Bord nehmen, um die durchaus extremen körperlichen Anforderungen etwas fairer zu verteilen. Schließlich ist jeweils ein Mitglied von der eigentliche seglerischen Arbeit ausgeschlossen, der On-Bord-Reporter kümmert sich ausschließlich um den medialen Transport des Abenteuers, muss täglich mindestens fünf Photos, ein zweiminütiges Video sowie zweihundert Zeilen Blog zum Sateliten hochschicken. „Gar nicht einfach der Job, täglich auf den 100 Quadratmetern am Schiff neue Perspektiven zu finden, ich hoffe Matt gewinnt den Preis“, hofft Ian. Um es vorweg zu nehmen: auch diese Trophäe sichert sich sein Team Abu Dhabi Ocean Racing.

Dazu gesellt sich eine dritte, auch die größte in 24 Stunden zurückgelegte Distanz haben sie gesegelt, 550 NM, mal 1,8 heißt das knappe 1000 Kilometer für uns Landratten. Und eine schöne Uhr für jedes Crewmitglied, eine limitierte IWC Portugieser Ocean Racer, Ian hat seine aber schon für eine Charity Aktion zur Versteigerung angemeldet, „ich hab ja ohnehin schon, wie alle von uns, die Teamuhr!“ Und Extrawürste gibt es auf der V.O.R.65 nicht, die Boote sind absolut identisch, bis auf die Lackierung, „aber da wird auch genau gewogen, dass keiner weniger Lack aufträgt! Sogar die Toiletten sind absolut identisch“, wie Guy Barron, der Shore Team Manager versichert. Selbst erfahrener Weltumsegler und Weltmeister stellt er sicher, dass an Land alles wie am Schnürchen läuft. Dabei hilft die Tatsache, dass alle Boote identisch sind, und das Service in den Etappenorten so relativ unkompliziert verläuft. So lange nichts schief geht, wie etwa bei Team Vestas, die sind mitten in der Nacht auf ein Riff gerauscht, mussten geborgen werden und ihr Boot neu aufbauen.

„Das neue One-Design-Reglement hat den Sport günstiger, fairer und interessanter gemacht. Beim letzten Rennen waren wir nur fünfte, weil wir ein schlechtes Boot hatten.“ Trotzdem hat Ian mit seiner eigenen Firma wieder ein Team auf die Beine gestellt, zwei olympische Silbermedaillen und etliche Weltrekorde lassen an seinen Fähigkeiten keine Zweifel aufkommen. „Abu Dhabi liebt Rekorde, die sind auch für Laien leicht verständlich. Und IWC hat meine Leistung verstanden, die waren damals schon dabei, verstanden die Probleme, erkannten die Chancen und haben mir wieder vertraut.“

Das neue, unkompliziertere Boot begünstigt auch jüngere, weniger erfahrene Segler, durchaus erwünscht, man will weg vom Gentleman Image des Yachtsports, neue, Junge Helden schaffen. Einer davon ist Adil Khalid, der 27 jährige Trimmer ist überraschender Weise der einzige Segler der Flotte, der aus Abu Dhabi kommt, immerhin sind die Emirate doch die Heimat einiger potenter Sponsoren. „Nächstes mal sind wir sicher schon mehr, durch diese Rennen hat der Sport bei uns zu Hause enorm an Beliebtheit gewonnen, immer mehr junge Araber segeln schon ernsthaft in der Regattaszene.“ Und die Regel, nach der auf jedem Boot zwei Crewmitglieder unter dreißig Jahre alt sein müssen, dürfte bald obsolet werden. Ganz im Gegenteil, meint Ian, „ich fürchte, wir brauchen bald eine zwei-über-vierzig-Vorschrift!“

Doch soweit ist es noch nicht, erst muss die alte Crew noch ihre letzte Mission erfüllen, auch bei den In-Shore-Races liegt man vorne, bei jedem Stopp in einem der Etappen Zielorte wurden Boot-gegen-Boot Rennen gesegelt, als ob die 38.739 Meilen nicht schon genug wären, man muss den Sport schon sehr lieben, um sich dieses Rennen anzutun. Samstag steigt die endgültig letzte Regatta, am Tag davor noch eine ProAm-Wettfahrt zum aufwärmen, da werden die Profis mit Amateuren aufgemischt, Sponsor IWC darf nominieren, und so kommt der WIENER zur großen Ehre, das Siegerteam zu, na ja, unterstützen. „Ich bin sicher nicht der beste Segler an Bord“, stapelt Ian tief, „muss ich auch nicht, ich suche mir nur die besten Leute aus. Am wichtigsten ist aber, dass man gerne gemeinsam sechs Monate unter Extrembedingungen auf engstem Raum verbringt!“ Nun, ob er gerade uns ausgesucht hätte sei dahingestellt, jedenfalls behält er während des ganzen Rennens seine legendäre Contenance. Außer, als er die gegnerische Dongfeng Yacht, die sich gefährlich knapp herangepirscht hat, ausmanövriert und knapp an die Mole drängt, da merkt man ihm plötzlich die Lust an der sportlichen Konfrontation an. Hektische Manöver im engen Hafen sind nicht gerade die Stärke von Hochseerennern, vielleicht aber das Bisschen Salz in der Seglersuppe. An der nächsten Wendemarke verlieren wir plötzlich rasant an Fahrt, könnte am Teilzeitsteuermann liegen, Ian entschuldigt sich jedenfalls beim gegnerischen Skipper für das unerwartete Manöver. Vielleicht auch deshalb, weil wir damit Dongfeng den nötigen Schwung nehmen, um die Boje rasch zu runden, was uns wiederum einen entspannten Schlag bis zur Ziellinie und einen unangefochtenen Sieg beschert.

Schließlich vermaselt Ian doch noch den Start bei der letzten Wettfahrt im Hafen, ist nicht seine Stärke, die Gegner wissen das, dümpelt die meiste Zeit dem Feld hinterher, nur um auf der letzten Länge doch noch den vorletzten Platz und damit den letzten Gesamtsieg sicher zu stellen. Womit die abschließende feierliche Preisverleihung zu einem echten Familienfest wird, nicht nur weil alle Trophäen beim Team Abu Dhabi Ocean Racing IWC landen, sondern weil jede Menge Familienmitglieder der Crew angereist sind, schließlich sind alle bis auf einen verheiratet und haben Kinder. Die freuen sich schon auf die Ferien mit ihren Papis, was denn auf dem Programm steht, frag ich Ians Dreimäderlhaus: „Wir gehen segeln, was sonst?!“ Und sie sind nicht die Einzigen!

Wiener_08-15_103_göteburg_v.o.r..pdf

Dieser Beitrag wurde am 2015/12/27 um 12:59 veröffentlicht. Er wurde unter göteborg, schweden, `WIENER´ abgelegt und ist mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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