homolka_reist

von arch über reiff nach turbel!

Wäre ich ein stolzer Italiener, vielleicht Lokalpolitiker, gar Populist, ich würde Google klagen! Bei den Vorbereitungen zur Reise an den Gardasee habe ich mir, wer tut das heute nicht, einen Überblick des Territoriums mit Hilfe der einschlägig bekannten Internetkarte verschafft, beginnend mit der Nordspitze des Sees. Und was finde ich dort? Einen Ort namens „Reiff“, gleich neben Arch! Dabei handelt es sich um Arco und Riva, beide seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts wohl bekannt als Luftkurorte, doch schon seinerzeit fuhr man natürlich nach Riva zur Kur, gerne auch mit der Bahn. Einmal umsteigen in Rovereto, keine Stunde später liess die Lokomotive direkt am Landungssteg von Riva Dampf ab und die feine Gesellschafft verlustrierte sich unter Palmen am südlichsten Ort Tirols.

Die Pracht der Jahrhundertwende ist immer noch allenthalben spürbar, die Grand Hotels an der Promenade würden auch im Salzkammergut gute Figur machen, die Architektur des Segelclubs wird man bei uns allerdings vergeblich suchen, da hat sich schon der moderne Stil des aufkommenden Faschismus aus dem Süden durchgesetzt, theatralisch und doch beschwingt. Letzteres ganz im Gegensatz zur Festung an der Einfahrt zum Hafen, die ganz deutlich zeigt, daß die Habsburger fest entschlossen waren, ihren Brückenkopf im Süden zu verteidigen. Ist ihnen, wie wir wissen, nicht wirklich gelungen. Dafür hat sich ein offensichtlich ein österreichischer Bootsbauer seinen Platz an der Mole erkämpft, die eleganten Taxiboote kommen durchwegs von Frauscher, stolz weist ein Kapitän darauf hin, dass der Italienimporteur hier am See zu Hause sei.

Auch wenn das Gros der schon ganz am Angang der Saison durch die Altstadt drängenden Touristen sich an Pizza und Pasta labt bleibt genügend Platz für regionale Spezialitäten auf den Karten der echten Trattorie, und jedes Mal findet sich dort die Carne Salada. Übersetzt heisst das gesalzenes Fleisch, das beste kommt nach übereinstimmenden Aussagen der Wirte von der Macelleria Bertoldi, ihre Produkte verkaufen sie im Haus der Agraria Riva del Garda. Das Gemeinschaftsgeschäft der landwirtschaftlichen Genossenschaft an einem Kreisverkehr am Nordrand von Riva erspart einem die Rundreise durch die Region, alles, was Rang und Namen hat ist hier vertreten, die Vielfalt an hervorragenden Weinen hier kennt man ja, dass es beinahe genau so viele Olivenölproduzenten gibt ist angesichts der schroffen Felswände rundum allerdings überraschend. Karnivoren werden von Matteo Bertoldi bereitwillig in die Geheimnisse der Carne Salada eingeweiht, die Gustostücke der Rinder aus eigener Produktion werden drei Wochen im Salz gereift, bevor sie fein aufgeschnitten als alpine Carpaccio begeistern.

Was sonst noch möglich ist kann mir Marcello Franceschini zeigen, Küchenchef des Restaurant al Forte Alto in der Festung von Nago. Eine Mitarbeiterin der Genossenschaft hilft mir, den Weg dorthin anhand meiner Karte zu finden, „lustig,“ meint sie, „du hast die Ortsnamen im alten Dialekt aufgeschrieben“, ihre Nonna hätte Torbole auch Turbel und Nago Naag genannt. Tja, hier kennt man Deutsch offensichtlich nur noch als alten Trentiner Dialekt. Marcello ist da ein wenig geschichtsbewusster, schliesslich hat er seine Küche unter dem Motto „Custode del Sappore“ der Bewahrung des Geschmacks und somit der Tradition gestellt. Und so tischt er auf, was die Gegend hergibt, von der Carne Salada über Gerichte mit den herkunftsgeschützten Zwiebeln, alten Zwetschkensorten bis zum Forellenkaviar aus der Sarca. Im Zufluss des Sees gibt es seit jeher eine Fischzucht, man kann sie von der Terrasse sehen, wie auch alle Zugänge zum Tal, die Wasserburg unten im See, und natürlich auch die Passtrasse hinüber ins Etschtal. Perfekte Kontrollstation also für die Österreicher um den Feind im Süden nicht aus den Augen zu verlieren oder rechtzeitig die Zolleinnahmen zu überschlagen, etwa für die Zitronen, die es leider nicht so weit in den Norden geschfft haben.

Jedenfalls nicht als lebende Bäume, allerdings erkennt man von hier oben schon deutlich die hohen Stützmauern der Limonaie, die den steilen Felswänden gleich hinter der Grenze zur Lombardei abgetrotzt wurden. Der nördlichste Ort, an dem Agrumen gedeihen, heisst passender Weise Limone, allerdings nicht wegen der Zitronen, wie mir Marco Usardi gleich erklären wird. Der braungebrannte Senior Pensionist mir als freiwilliger Fremdenführer den Ort und seine Besonderheiten näher, der Name geht aufs Lateinische Limes zurück, die von der Geologie gezogene Grenze wurde also von den Habsburgern nur bürokratisch bestätigt. Doch sogar das Klima hält sich daran, früher, wenn hier im Winter absolut nichts geöffnet hatte, pilgerten die Frauen zum Einkaufen nach Riva. Und marschierten unmittelbar nach dem ersten Tunnel der 1931 eröffneten Strassenverbindung ins Trentino durch den Schnee, während es auf ihrer Seite maximal regnete, wie Franco aus eigener Erfahrung zu berichten weiss. Um diese Jahreszeit waren die Zitronengärten schon längst abgedeckt, die nach Süden offenen Seiten mit Fenstern verschlossen, während die Stürme den See peitschten überwinterten die empfindlichen Bäumchen sicher in ihren Glashäusern während die Früchte per Ruderboot nach Garda und von der Bahn bis nach Wien und Petersburg an den Hof transportiert wurden.

Heute fahren mit dem Boot hauptsächlich Touristen, vom Balkon des Restaurant Monte Baldo kann man sie beim unsicheren an Bord gehen beobachten, während man eine erfrischende Limonata oder, noch typischer, eine Cidrata geniesst. Die wird aus der Cidra gewonnen, einer schrumpeligen Riesenzitrone die gerne von israelischen Touristen gekauft wird, weil sie im Judentum als heilig gilt und dementsprechen teuer gehandelt wird. Das Ausflugsboot wiederum lieben deutsche und österreichische Gäste, weil es an „ihr“ Ufer hinüberfährt, nach Malcesine im Venezianischen. Berühmtheit erlangte der Ort mit der weithin sichtbaren Burg schon anlässlich Goethes Italienischer Reise, des Dichters Aufenthalt dort verlängerte sich unfreiwillig, er hatte die Burg gemalt und sich so als Spion verdächtig gemacht. Das kann heute nicht mehr passieren, Deutsch ist hier Verkehrssprache, Bardolino und Umgebung lebt gut von seinen Stammgästen und natürlich dem Wein.

Wer will kann sich bei den Zenis über die Geschichte des Bardolino und die Wandlung vom günstigen Souvenirgetränk zum hochwertigen Qualitätswein mit DOC-Garantie ein Bild machen. Federica führt durch das Museum, das ihr Vater Gaetano genau aus diesem Grund ins Leben gerufen hat. „Jeder kennt den Namen, die Gegend und die Weine, doch nirgends konnte man sich informieren“, erklärt sie Papas Intention. Und dass die Besucher beim der Gelegnheit auch auf den Geschmack kommen, war wohl auch nicht ganz unbeabsichtigt. A propos Geschmack: zum Essen schickt sie mich nach zu ihrer Freundin Nadia nach Valeggio am Mincio, dem Abfluss des Sees. Ihre Mutter Albina ist die Hohepriesterin des Tortellino, von weit her pilgert man in den Ort unter der Skaligerburg. Die blickt auf den Ponte sul Mincio, die Brücke, wiewohl sie ihrem Namen heutzutage durchaus gerecht wird, wurde aber nicht als solche errichtet, ganz im Gegenteil. Graf Visconti von Mailand liess hier eine Staumauer errichten, um den Gonzagas das Wasser abgraben, den Burggraben von Mantova trockenlegen, die Stadt der Gonzagas einnehmen und dem deutschen Kaiser eins auswischen zu können. Hat aber nicht funktioniert, die Mühlen von Valeggio und weiter dahinter klappern bis heute.

Nadia empfiehl mir Abschliessend dringend noch Sirmione zu besuchen, ihren Lieblingsort am See, und danach unbedingt Adriano in Gargnano zu besuchen und grüssen zu lassen, „ein bisschen verrückt, aber kochen kann er“ präzisiert sie ihren Auftrag. Trifft sich gut, sein Ristorante Al Lido liegt zwischen Palazzo Feltrinelli, der gleichnamigen Villa und dem Cantiere Feltrinelli, der Werft von Mauro, dem oben genannten Importeur der schicken Boote vom Traunsee. An dem Namen kommt man hier sowieso nicht vorbei, seit die Venezianer den ersten seiner Familie, einen Fassbinder aus Feltre, im 15. Jahrhundert beauftragt hatten ihnen hundert stabile Ruderboote zu bauen auf dass sie den lästigen Habsburgern am See die Stirn bieten konnten. Dass es nicht gleich geklappt hat kann nicht an den Feltrinellis gelegen haben, die Nutzten die Gunst der Herren weidlich, wurden bald Holzhändler, diversifizierten in Papier und Druck, auch der legendäre Verlag hat hier seinen Ursprung. Dass alles ganz mit rechten Dingen zugegangen sein soll bezweifelte Mauro allerdings seit ihm die Oma vom Gehstock des Herrn Uronkel erzählt hat, in dem er angeblich immer ein paar Diamanten über den See geschmuggelt haben soll, damit ihm ja kein lohnendes Geschäft entgehen möge. „Tatsächlich hat er im Holz versteckt allerhand Sachen transportiert,“ erzählt Mauro von seinen Recherchen. „Allerdings nicht in seinem Gehstock, sondern in den Baumstämme, die zu riesigen Flössen zusammengeschnürt unauffällig über alle Grenzen trieben!“ Was genau da drinnen steckte weiss er zwar nicht, dass es sich gelohnt hatte ist hingegen unübersehbar. Im Palazzo findet die Universität Mailand, der nach Onkel Giacomos Ableben in Ermangelung von Nachfahren das Anwesen zufiel, Platz, die Villa Feltrinell beherbergt als teuerstes Hotel am See die Creme de la Creme des Jet Set. „Die gehört auch nicht mehr der Familie, ich selbst kann mir nicht einmal eine Nacht dort leisten!“ Will Mauro aber auch gar nicht, er ist glücklich bei seinen Booten, arbeitet und wohnt direkt über den Werkstätten, den See zu Füssen. Und damit seine Gäste den gleichen Luxus genissen können, kann man bei ihm nicht nur Boote mieten, sondern in der Residence San Carlo fast genau so privilegiert wohnen, man muss nur die Strasse überqueren. Dafür geniesst man aber auch den besseren Fernblick und keiner fragt einen frühmorgens, ob denn die Werkstatt denn schon geöffnet wäre. Das sei nämlich definitiv das Einzige, was ihm als Nachteil einfiele, von den Vorteilen des Sees hingegen kann er stundenlang schwärmen.

Tipps

Aqualux Hotel Spa & Suite. Ideal gelegen in Bardolino, hervorragende Küche, Pool und Spa – Herz, was willst du mehr! Wellnessangebot 2 Nächte € 217, www.aqualuxhotel.com

Cantina Zeni, Bardolino. Nicht nur trinken, hier erfährt man alles über die Enstehung guten Weines. www.museodelvino.it

Ristorante alla Borsa, Valeggio sul Mincio. Pasta für die man gerne einen Umweg macht und eine Panna Cotta für die man extra hinfährt! www.ristoranteborsa.it

Monte Baldo, Limone. Restaurant und Hotel in einem, beides vorzüglich und mit Blick auf den Hafen. www.motebaldolimone.it

Nautica Feltrinelli Residence San Carlo, Gargnano. Natürlich können Sie bei Mauro auch ein Frauscher Boot kaufen oder mieten und darauf schlafen. Kommoder ist es aber in seinen neuen Cottages! www.nauticafeltrinelli.it

Alles über die drei Regionen:

GR_Gardasee.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2016/06/29 um 16:37 veröffentlicht. Er wurde unter alto adige südtirol, brescia, italien, lombardia, trento, veneto, verona abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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