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LINDT & ZWINGLI

Die Schlange vor dem Eingang des Jelmoli ist für sieben Uhr abends ganz respektabel, elegante Menschen warten geduldig auf Einlass in Zürichs erste Adresse in Sachen Konsum. Das Kaufhaus spielt selbstbewusst in der Liga von Galleries Laffayette, Harrods und Co mit, der Steffl in Wien kommt noch am ehesten hin, doch eines fehlt: eine Feinkostabteilung. Die hat das Jelmoli nämlich im Souterrain, Meinl schau oba!

Und genau dorthin drängt die Haute Volée der Stadt an der Limat, dass Geld hier keine restriktive Rolle spielt weiss man ohnehin, die 95 Franken für den Eintritt kratzen hier Keinen, bei der offiziellen Eröffnung von Zurich Food muss man sich einfach sehen lassen. Was nicht leicht ist, dicht drängen sich Gourmets und Gourmands um die zahlreichen Stände, an denen die Creme de la Creme der Züricher Gastronomie Kostproben ihres Könnens reicht, von der Entenleber über Wagyu Beef bis zu Ceviche vom eigens eingeflogenen griechischen Wolfsbarsch fehlt nichts, im riesigen Käse Humidor säbelt der Senner selber herzhafte Stücke vom alten Chäs. In der Stadt der Reformation scheint die Völlerei ihr neues Zuhause gefunden zu haben, gut, dass das der alte Puritaner Zwingli nicht mehr sehen muss.

Die Food Zurich 2016 ist die erste Genussveranstaltung ihrer Art, erstmals hat die Stadt die über hundert Events organisiert und koordiniert, einige sind ganz neu, etliche blicken schon auf ihre eigene Geschichte zurück oder gehören längst zum kulinarischen Erbe der Stadt. So sprudeln in Zürichs Hotellobbys längst nicht mehr gewöhnliche Springbrunnen, in der Stadt von Lindt und Sprüngli fließt natürlich flüssige Schokolade aus dem Schoggibrunnen. Und im Zürcherhof präsentiert Cailliers Schokolademacherin Géraldine Müller-Maras ihre 2015 World-Chocolate-Master Bewerb in Paris ausgezeichnete Skulptur „Schoggikönigin“ dank der sie zur besten Schokoladen Frau der Welt gekürt wurde. Am anderen, frugalen Ende der Genussskala findet man sich im Glockenhof ein, wo anlässlich des Chabis-Festivals alter Kohlsorten gehuldigt wird, überraschend zubereitet darf man sich inmitten lebendiger Exemplare im Garten des Hotelrestaurants mit dem einstigen Arme-Leute-Essen versöhnen.

Auch die zeitweise verkannten Weißfische aus See und Fluss dürfen sich ihrer Widerentdeckung erfreuen, unter kundiger Führung des Fisch- und Räucherexperten Patrick Marxer und mit Hilfe der Slow Food Youth Schweiz sowie des Berufsfischers Andy Braschler werden alte Arten zukunftsweisend zubereitet, etwa exotisch als Ceviche oder ganz schweizerisch in Form von Fischknusperli. Noch bodenständiger und stets traditionsbewusst geht´s beim hingegen auf dem Bauschänzli zu. Schon als Zürich noch Turicum hieß, die befestigte kleine Insel noch Zollstation war und Waren aus der Innerschweiz von Seeschiffen auf Flösse umgeladen wurden um die Limat weiter hinunter transportiert zu schippern feierten die Römer hier ab und an. Die Tradition wird von den Helvetiern gerne weiter gepflegt, anlässlich des Zollfests drehen sich die Spanferkel in der größten Gastwirtschaft der Stadt unter den Kastanienbäumen, dazu wird Vinum und Cervesia gereicht, o tempora, o mores!

Am anderen Ufer, nämlich jenem des Schanzengrabens, der Limat und Sihl verbindet, hat das Restaurant Rive Gauche des Hotel Baur au Lac hingegen mit Tal Ronnen einen Shooting Star aus den USA eingeladen, um gemeinsam mit Chef Oliver Rais die verwöhnten Gäste mit vegane Neuinterpretationen klassischer Gerichte zu überraschen. Seine aus Palmherzen geformten frittierten Calamari etwa sehen nicht nur genau wie die bei alt und jung beliebten Ringerln aus, sie schmecken auch vorzüglich und haben Tal zu Berühmtheit unter Fleischabstinenzlern verholfen. Denen wird auch in Frau Gerolds Garten geholfen, der ist schon 2012 zwischen dem Prime Tower, unübersehbarem Symbol des Imobileinbooms im Areal Zürich West, und dem bekannten Freytag-Taschen Flagship Store entstanden. Wie bei jenem bilden umgenutzte alte Container den architektonischen Rahmen, letztes Jahr hat sich Frau Gerold erstmals unter dem Motto „Rübis&Stübis“ dem nachhaltigen Kochen verschrieben, anlässlich des Food Festivals tut sie das heuer wieder. Und zwar sowohl von „Nose to Tail“ als auch von „Leaf to Root“, müssen sich also weder Vegane noch Karnevore Gourmets mit Gewissen Sorgen machen, dass sie der Verschwendung Vorschub leisten. Da hätte dann auch Zwingli seine Freude.

Man könnte nun mit dem Genuss Tram der Züricher Verkehrsbetriebe auf der Hardbrücke über die unzähligen Gleise des ausrangierten Frachtbahnhofareals gondeln und dabei Pintxos, Fondue oder die Gerichte des Trentino genießen, um nur ein paar der Angebote zu erwähnen, je nachdem, welche Linie man wählt. Oder man wandert schnell hinüber und stürzt sich in eine kleine kulinarische Weltreise. Anlässlich des Street Food Festivals hat man nämlich Gelegenheit, schnelles Straßenfutter zu verkosten, von echten Vietnamesischen Baos über Klassiker wie Vegane oder Wagyu Beef Burger, authentische Souvlaki oder New York Style Pastrami Sandwiches bis zum dänischen Luxus Hot Dog um 250 Franken, da sind dann aber auch ein Sonnenschirm, Hocker und Champagner dabei!

Aber auch für´s schmale Portemonnaie ist in Zürich gesorgt, bei der Äss Bar gibt es „Frisches von Gestern“, die Initiatoren holen einfach abends bei einigen der besten Adressen ab, was nicht mehr an den Zürcher gebracht wurde und verkauft es anderntags um den halben Preis im Laden in der Szenegegend im Dörfli. Oder man macht´s gleich wie Maurice Maggi. Der hat nämlich Jahrzehnte lang heimlich still und leise die Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen der Stadt bunter gemacht, in Guerilla Manier Samen gestreut, aus denen nicht nur bunte Blüten sprossen sondern durchaus auch genießbare Pflanzen. Und in seinem Kochbuch „Die essbare Stadt“ beschreibt er anschaulich, wie man, selbst in Zürich, quasi Gefundenes fressen kann. Schelmisch grinsend deutet er beim Spaziergang durch sein Quartier immer wieder auf scheinbar nutzlose Pflanzen, nennt die Namen, schlägt Rezepte vor. Huflattich, Bärlauch, wilde Malven, Holunderbeeren, Lindenblüte, überall entdeckt er genießbares und Weiß auch gleich zu erklären, was oder wo man tunlichst nicht pflücken sollte. Und doch hat er nach einer halben Stunde seine immer mitgeführte Stofftasche mit Produkten gut gefüllt, aus denen er ein kleines Mittagessen zaubern wird. Beeindruckend, was Zürich an Vielfalt zu bieten hat, und das war jetzt nur mal die Kulinarik!

SN_ZURICH FOOD.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2016/09/23 um 13:37 veröffentlicht. Er wurde unter schweiz, Uncategorized, zürich abgelegt und ist mit , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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