homolka_reist

guten appetit und frohe auferstehung!

Zumindest einmal jährlich bestätigen die Griechen alle Vorurteile welche Ahnungslose bezüglich der hellenischen Küche pflegen: da wird der hemmungslos Fleischeslust gefrönt! Damit begehen sie das höchste Orthodoxe Fest des Jahres, Pascha vulgo Ostern. Nicht nur deswegen ist das auch die beste Zeit Athen einen Besuch abzustatten!

Für gewöhnlich verkocht man rund um die Ägäis bis hinauf zum Olymp nämlich hauptsächlich Gemüse und Hülsenfrüchte, auch Patates und Pasta gehören zum Alltag, Fisch und Fleisch eher zum Feiern, beziehungsweise wenn Gäste kommen. Und zu denen zählen eben auch wir Sommerfrischler, da will man sich nicht lumpen lassen. Mittlerweile stolpern aber immer weniger in die klassischen Touristentavernen, die griechische Gastronomie braucht sich nicht verstecken, schon gar nicht abseits der typischen Charterdestinationen. Und erst in den Weingärten hat sich erst recht eine neue Generation von Winzern etabliert, welche die Vorzüge griechischer Lagen und Terroires in fantastischen Weinen zur Geltung bringen. Sogar dem fremden Gaumen manchmal unzugänglichen Retsina haben sie Manieren beigebracht, allen voran Vassili Papaiannakos, dessen Rieden in der Mesogaia, der Wiege des geharzten Grundnahrungsmittels der alten Athener, man schon bei der Landung in Athen aus dem Flugzeug begutachten kann und der mit seinen Wines of Athens die besten Winzer der Gegend zu einer schlagkräftigen Gruppe von Genussbotschaftern vereint hat.

„Meine Vorfahren haben den Wein mit Kutschen in die Tavernen der Stadt geliefert, die Konservierung mit Pinienharz hat sich seit der Antike bewährt, der Geschmack ist den Griechen ans Herz gewachsen“, erklärte er kurz, nur um gleich zu relativieren. Seine Generation hat im Ausland das feine Leben kennengelernt, die Europäische Industrie Kühlanlagen geliefert, „mittlerweile reicht auch den Einheimischen ein dezenter Aleppokieferton in unserem ansonsten ausgesprochen eleganten Savvatiano. Jetzt passt sogar unser Retsina, übrigens der einzige mit geschützter Ursprungsbezeichnung, zu den raffiniertesten Gerichten unserer neuen Chefs, die anderen sowieso!“ Wo man sich davon überzeugen kann? Vassilli empfiehlt Cookoovaya, die Eule, gleich von fünf ausgezeichneten Chefs rund um die Brüder Liakos geführt.

Weil aber der alte Spruch von den Eulen, welche die antike Währung zierten und in Athen reichlich vorhanden war, nur mehr bedingt stimmt, haben sie vor ein paar Monaten das Hoocut eröffnet und damit ihre Qualitätsstandards auch auf das ebenfalls schon in der Antike hierorts so beliebte Streetfood ausgeweitet. Statt monströse Fleischbrocken senkrecht rotierend zu grillen walzen sie ihr feinst gehacktes Fleisch hauchdünn aus, grillen es blitzschnell, wickeln es in frisch gebackene Pitas. Womit sie aber auch nur auf einen Trend aufspringen, der bereits seit Beginn der Bankenkrise den Griechen den Appetit nicht vergehen lässt.

Auch im „Hi-Fai„, einem vom aus Deutschland in den einst elitären Bürgerbezirk Kolonaki remigriertem Tasos an Stelle eines einstigen In-Cafés eröffneten Souvlakirestaurants, frönt man der leistbaren Fleischeslust. „Wir beziehen unsere Produkte von einem hervorragenden Fleischhauer in Larissa in Nordgriechenland und von regionalen Gemüsebauern oder frisch vom Markt! Trotzdem bieten wir die Souvlaki Pita ab 1,90 an, neben der Qualität muss heute sogar hier der Preis überzeugen, das hat es früher in Kolonaki nicht gegeben!“

Was es so auch nie gegeben hat war echte kleinasiatische „Politiki Pita“, hergestellt aus händisch hauchdünn ausgewalktem Filoteig. Diese feine Spezialität ihrer Vorfahren aus Konstantinopel füllt die einstige Journalisten Ioanna Amoutzaki mit, für neu-griechische Verhältnisse, exotisch gewürzten Zutaten, etwa nach Zimt und Koriander duftendem Faschierten, und gart sie auf einer konkaven Platte zu einer knusprigen Köstlichkeit. „Die Rezepte verdanke ich meiner Urgroßmutter, deswegen habe ich meinen kleinen Laden auch Cocona genannt, dem alten pontosgriechischen Wort für Omi!“ Und weil die Uromi schon immer, und erst gar nach der Flucht, sehr sparsam war, kommt man in der Odos Milioni überraschend günstig weg, fast wie in der „guten alten Zeit“ vor den Besuchen der Troika.

Die darf, oder muss, Nikos Fotiadis manchmal bekochen, als Küchenchef der Griechischen Nationalbank ist er regelmäßig für formelle Businessdinners verantwortlich. Auch er setzt auf historisch-patriotische Bezüge, allerdings reichen die nicht gar so weit zurück, seine Philosophie orientiert sich an der bescheidenen griechischen Küche vor dem Einzug der industriell produzierten und importierten Produkte. Und so kann es schon mal passieren, dass die zu Besuch weilende Troika, die Kindermädchen der Finanzwelt, beim festlichen soupieren mit Regierungsmitgliedern was besonders köstliches von der Brennnessel am Teller vorfinden, allerdings derart raffiniert zubereitet, dass ihnen ihre Brüsseler Haubenlokale sicher nicht abgehen.

Ansonsten berät er gerne junge Köche, die sich mit einem interessanten, authentischen Menú einen Namen machen wollen, etwa das „Balcony“ in Koukaki, das schon allein wegen seiner Bar mit Ausblick einen Besuch wert ist. Besser noch, man lässt sich vom zuvorkommenden Personal zu einem Happen überreden, Knochenmark mit Bottarga und Seeigelrogen von Trikalinos etwa, einem geräucherten, gegrillten Aal mit Fenchel und Orange, oder dem Griechischen Sushi von Oktopus, Melanzani und Limette. Letzteres gab es auch beim Besuch der japanischen Delegation im Rahmen eines traditionellen Menüs inklusive Teezeremonie, natürlich mit einheimischem Bergtee.

Generell scheint die Krise des vergangenen Jahrzehnts eine Renaissance traditioneller regionaler Genüsse bewirkt haben. „Mein Vater war zwar Fleischhauer in der Kreatagora“, erzählt Nancy aus ihrer Kindheit, „aber meine Mutter hat hauptsächlich Fasolada, Gigantes, Fava und Revithia oder ähnliche Dinge gekocht. Und immer reichlich!“ Die nahrhafte, proteinreiche Kost aus Hülsenfrüchten sieht man ihr auch an, vielleicht sind es aber auch die akribischen Qualitätskontrollen in ihrem „Serbetospito„, dem Süßigkeitenhaus, in dem sich sie mit ihrem Mann Serafim der Neuinterpretationen und Verbindung klassischer östlicher wie westlicher Konditorenkunst verschrieben hat. Und dass sie dem Motto ihrer Mutter, „was wir Griechen auf den Tisch stellen kommt nicht nur aus der Küche sondern auch vom Herzen“ treu geblieben ist merkt man nicht nur gleich beim ersten Bissen sondern auch an den Schlangen von Einheimischen, die sich auf der ohnehin schon nicht leeren Plateia Kolonaki um einen Sitzplatz anstellen. Wenn das die Troika sieht müssen wir uns wohl wieder auf Strenge Sanktionen gefasst machen.

Was schade wäre, arbeiten die Griechen doch ohnehin laut OSZE Studie mit durchschnittlich 47,5 Wochenstunden mehr, als die meisten anderen Europäer, mobiler als die sind sie obendrein . Ständig kommen talentierte griechische Köche und Köchinnen aus dem Ausland oder von den Inseln auf der Suche nach neuen Chancen nach Athen. So wie Argiro Barbarigou, die sich mit ihrem „Papadakis“ auf Paros in die sommerurlaubenden Herzen und Gaumen der Athener gekocht hat. Mittlerweile in der Stadt und im TV angekommen serviert sie in Athen eine raffinierte Nouvelle-Greque-Cuisine, wenn sie, wie gerade jetzt, als Botschafterin der Süd-Kykladischen EU-Gastronomieregion, die 2019 gebührend gefeiert wird, durch die Welt tourt übernehmen ihre Souschefs den Löffel. Makis Koustubardis ist ihr von Paros nachgefolgt, auch ettliche der Gerichte hat er aus den Kykladen mitgebracht.

Vom Salat mit Anthotyro- und Xinomisthra Frischkäse oder Krabben aus der Ägäis, Pilze mit Seetang, Oktopus mit Honig, sonnengetrockneten Tomaten und Süßwein, Garnelen mit Feta und Chilli, über Nacht im Tongefäß gegarte Kichererbsen, um mal nur die Vorspeisen zu nennen. Und weil wir hier im gutbürgerlichsten Innenstadtbezirk sind dürfen auch ruhig mal ein paar fein gehobelte Trüffelscheiben den saftigen Zackenbarsch schmücken, mit 28 Euro ist der immer noch billig im Vergleich zum ganzen Hummer. Aber der wird meist ohnehin nur von hungrigen Investoren oder anderen Spesenrittern auf der Suche nach den letzten Schnäppchen nach der Marktbereinigung in Griechenland bestellt.

Appetit bekommen? Kein Problem, das östliche Osterfest wird immer noch nach dem alten julianischen System berechnet, das heisst es bleibt eine Woche zusätzlich Zeit, den Flug zu buchen! Könnte allerdings knapp werden mit dem Sitzplatz, hat sich mittlerweile herumgesprochen dass man im Frühling nicht nur draußen sitzen, sondern auch Akropolis und andere Sehenswürdigkeiten unverschwitzt genießen kann!

Die im Artikel erwähnten Köstlichjeiten finden Sie hier:

Domaine Papagiannakos, Od. Pithagora, 19003 Markopoulo Mesogeas; +302299ß25206; papagiannakos.gr
In Österreich bei divinetastes.eu

Cookoovaya – Wise Cousine, Xatzigianni Metzi 2a, 11528 Hilton, Athen; +302107235005; cookoovay.gr
Hoocut – True Pita, Pl. Agias Irinis 9, 10563 Athen; +302103240026; hoocut.com

Hi-Fai Grillhouse, Skoufa 46, 10672 Kolonaki, Athen; +302103636366; haifai.gr

Cocona Art of Taste, Milioni 10, 10673 Kolonaki, Athen; +302103646563; facebook.com/Cocona

Balcony Restaurant & Bar, Veikou 1, 11742 Koukaki, Athen; +302114118437; balconyathens.com

To Serbetospito tis Nancy, Pl. Iroon 1, 10554 Psirri, Athen; +302103211323; nancysweethome.gr

Papadakis, Voukourestiou 47, 10671 Kolonaki, Athen,; +302103608621; papadakisrestaurant.com

Ausserdem empfehlenswert:

Hotel Orion
Familiäres Haus mit unschlagbarer Aussicht von Akropolis bis zum Meer- Und günstiger als Airb´n´b obendrein!
Em. Benaki 105, 11473 Exarchia, Athen; +302103302388;
www.orion-dryades.com

Yolenis
Bei Yoleni´s kann man auf vier Stockwerken speisen, erstklassige Produkte kleiner Produzenten finden, einen Kochkurs besuchen, entweder selber oder dort die Kinder sinnvoll deponieren!
Solonos 9, Kolonaki 10671, Athen; +302122223623; www.yolenis.com

Ouzeri Psitos Bakaliaros
Meeresfrüchte ohne Mengenbeschränkung um 13 Euro, Kinder schlemmen für 8 Euro, 3 Lokale, zum Beispiel im Strandvorort Glyfada!
4, Botsari Markou, 16675 Glyfada, Athen; +302108948131

Taverna o Barbagiannis
Eine der letzten originalen Athener Stadttavernen, erst auswählen in der Vitrine, winzige Rechnung danach . Besonders empfehlenswert: der klassische attische Schweinsbarten mit Erdäpfelsalat am Sonntag!
Em. Benaki 94, 11473 Exarchia, Athen; +302103300185

Atlantikos
Unschlagbar preiswerte Fischtaverne in einer der wenigen ruhigen Seitengassen in Psirri.
Avliton 7, 10554 Psirri, Athen; +302130330850

Sushimou
Unglaublich aber war, einer der wenigen Michelinbesternten und von der zuständigen Akademie in Japan ausgezeichneten Sushimeister ist der einstige Banker Antonis Drakoularakos. Und natürlich gilt seine besondere Aufmerksamkeit heimischem Meeresgetier. Allerdings geht ohne rechtzeitige Bestellung bei ihm gar nichts!
6, Skoufou, 10557 Athen; +302114078457;
www.sushimou.gr

Dieser Beitrag wurde am 2018/04/03 um 09:01 veröffentlicht. Er wurde unter athen, DIE PRESSE, ESSEN&TRINKEN, griechenland, Uncategorized abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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