homolka_reist

denn sie wissen was sie tun

Lambrusco? Muss nicht sein, oder doch? Nur wenige Vergärungsprodukte des Traubensaftes haben es zu derart zweifelhaftem Ruhm gebracht, österreichische Glykolperlen mal ausgenommen. Andrerseits: kann doch nicht sein, dass in einer Region, die von den besten Sportwagen der Welt bis zu erlesenen Käsen, Schinken, und Wurstkreationen bis zum beliebtesten Pastaragú die unvergleichlichen Genüsse ihrer kreativen wie schweisstreibenden Arbeit mit anspruchsvollen Mitmenschen geteilt hat ausgerechnet beim Schaumwein derart versagen sollte.

Hat sie eh nicht, nur gab´s anscheinend nie genug vom wirklich feinen Stoff, und die skrupellosen Negotianten haben in Komplizenschaft mit gierigen Sprudelindustriellen kohlesäurehaltiges G´schloder über die Alpen nach Norden transportiert, welches in der südlichen Poebene und dem anschliessenden paradiesischen Hügelland nicht mal zum Autowaschen verwendet wird.

Es wäre aber verwunderlich, wenn es in der Heimat des roten Frizzante selbst nicht ganz anders aussähe, dort ist man nämlich verwöhnt, was den Genuss angeht, und weiss, wie man hochwertig handwerklich Dinge herstellt, welche Kennern weltweit die Tränen der Verzückung in die Augen treibt. Schon bald hinter Bologna, immerhin Namens gebend für Würste und das beliebteste Ragout bei Jung und Alt, schmücken nicht nur rasante Motorräder aus lokalen Schmieden die Landschaft, zwischen den zahlreichen kleinen Industrieansiedlungen erstrecken sich Plantagen unterschiedlichen Inhaltes. Obst, Gemüse oder Futtergetreide gedeihen prächtig, unterbrochen von Brachen, der italienische Landwirt weiss, was seine Felder brauchen.

Die nächste grössere Stadt heisst Modena, Vororte hören auf Namen wie Maranello oder Fiorano, da braucht man ja eigentlich gar nicht mehr dazu sagen, tatsächlich ist die Dichte an röhrend selbst am dichten Berufsverkehr teilnehmenden Ferraris beeindrucken, und, ja, fast alle sind sie Rot lackiert. Übrigens auch der grösste Teil der Alfa 4Cs, der Sound ist noch ein bisschen räudiger, sie werden übrigens bei Maserati mitten in der Stadt montiert. Deren eigene Fahrzeuge mit dem Dreizack sieht man auch oft, aber nicht so leicht, auffällige Lackierung schätzt der klassische Kunde des dezenten Hauses eher weniger. Das heisst aber noch lange nicht, dass er lautlos durch die Gegend zuckelt, leistungsmässig orientiert man sich nämlich an der Schwester mit dem Pferd.

Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, mit Thomas Cremonini, Capo Collaudatore der Modeneser, eine kleine Runde zu drehen, eine seiner Testrunden führt hinauf in die Hügel hinter Castelvetro, der Ort leiht seinen Namen auch einer geschützten Herkunftsbezeichnung für den dortselbst heimischen spritzigen roten Wein. Zwischen traditionellen Höfen haben es sich mittlerweile auch einige Heimkehrer in die Agrikultur hier bequem gemacht, erkennbar sind die Winzereien der Industriellen die zu den Wurzeln ihrer Grossväter zurückkehren und sich auch als Gutsherren beweisen wollen an der durchwegs gelungenen modernen Architektur ihrer Aziende. Auch das `Opera 2´ sticht gleich ins Auge, der Eigentümer hat in der Bauindustrie sein Vermögen gemacht, jetzt steckt es in Form schier endloser Rebenreihen wieder in seiner Heimaterde, Gäste des Hauses bewundern diese aus dem einladenden Pool.

Aus Lambrusco Trauben der tanninreichen Variante Grasparossa gewinnen die Bauern dieser Region schon ewig den farblich an Himbeersaft erinnernden Lambrusco, kaum ein Hof verzichtet auf die kleine Riede zur Befriedigung des Eigenbedarfs. Von riesigen Plantagen ist hingegen nichts zu sehen, und Moreno Serri erzählt sehr erstaunt gewesen zu sein, als er einmal im Lager eines deutschen Weinhändlers schier endlose Hochregale voller -angeblichem- Lambrusco erspähte. „Keine Ahnung, woher die kommen, die Produzenten residieren laut Etikette alle in irgendwelchen Industriegebieten!“

Morenos Hof `Le Casette´ hingegen liegt etwas oberhalb einer bäuerlichen Siedlung an der Strasse von Modena nach Castelvetro, immer schon, zu mindest die letzten drei Generationen haben ihr Augenmerk verstärkt auf den Lambrusco gelegt. Ausserdem hat man natürlich noch die Trebbiano Stöcke in den Rieden, die für den Aceto Bolsamico unumgänglich sind, so er denn ein Traditionale di Modena werden soll. Aus den Früchten der Obstbäume, die die Reihen der Weinstöcke umrahmen kocht man erst Marmeladen, danach den Most für den Essig, der dann gleich oben seiner Reife engegen schrumpfen darf. Mit der damals neu eingeführten Förderung des Agrotourimus mussten sich die Kühe aus ihrem Stall verabschieden, ihre Milch landete ohnedies ausser Haus bei einer grossen Parmesan Käserei, an ihrer Statt stehen nun moderne stählerne sowie, speziell für die Schaumweinproduktion gefertigte, Tanks aus Fiberglas.

Was ein richtiger Agrotourismus Betrieb sein will, muss natürlich die Produkte auch gleich verkochen, hier im Haus machen das Mama, Moglie und Schwägerin, kilometro zero vom Feinsten, das wissen auch jene vierzig Ferrari Mitarbeiter, die am frühen Abend lautstark ihre Tafel im weitläufigen Speisesaal stürmen. Sie wurden von ihrer Firma `Adler´ südlich von Neapel auf ein knappes Jahr in den Norden geschickt, um für den Überschlitten `La Ferrari´ die Kohlefaser Chassis zu backen, keiner kann das so wie sie! Doch die Ragazzi klagen, ihr unüberhörbar südländischer Akzent verstärkt den Klang der Schmerzen: „porca miseria, nach Monaten hier habe ich mindestens sieben Kilo zugenommen! Butter, Käse, Wurst, Schinken, Pasta, pazzesco diese Emiliani.“ Sieben? Klingt doch gar nicht so arg. Ma pensati, die Ragazzi Nabboleddani sind aber auch ein ganzes Stück kleiner, als ihre Landsleute hier im Norden, da fällt das schon ordentlich ins Gewicht….

Dieser Beitrag wurde am 2014/06/04 um 09:11 veröffentlicht. Er wurde unter emiglia romagna, italien, modena abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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