homolka_reist

himmlischer genuss

In der Mönchsrepublik am Berg Athos führt der Weg zu Gott -auch- durch den Magen. Dass dabei archaische Regeln befolgt werden tut dem Geschmack keinen Abbruch

Als Zeuge für die Entbehrungen des kargen, fleischlosen Mönchslebens am Athos ist Pater Epiphanios denkbar unglaubwürdig, dafür reicht alleine seine schiere Leibesfülle und der gesunde Teint als Beweis für die Kochkünste seiner Bewohner. Zumindest jener, die für die Zubereitung des gemeinsamen Males zuständig sind. Denn am Heiligen Berg ist Nahrung nie nur körperlichen Erfordernissen geschuldet, sondern immer auch der Festigung der klösterlichen Gemeinschaft gewidmet. „Wenn wir gemeinsam speisen preisen wir damit auch die Schöpfung des Allmächtigen und danken für seine Grosszügigkeit“, erklärt Epiphanias. An diesem Mal konnten schon immer Pilger teilhaben, früher eher selten, mittlerweile drängen manchmal hundert hungrige Wanderer auf dem Weg zu spiritueller Erfahrung an die Tafeln der zwanzig Klöster.

Um deren Küchen kümmern sich ausgewählte Brüder, in Mylopotamos ist dies eben jener Vater Epiphanias, ein wahrer Könner am Kessel, überdies ausgesprochen umtriebig und geschäftstüchtig, Sie dürfen ihn sich als Jamie Oliver hinter Klostermauern vorstellen. Wobei: so hermetisch, wie man meinen möchte, sieht die klerikale Welt hier gar nicht aus, gerne kommt er mit seinen Utensilien auch ins Haus, um die himmlischen Genüsse auch gemeinen Touristen und, vor Allem, Touristinnen zugänglich zu machen. Denn: am heiligen Berg herrscht strengste Penispflicht, weibliche Wesen sind vom Aufenthalt im Garten der Muttergottes, wie die Bewohner ihr eingeschlechtliches Paradies überraschender Weise nennen, mit allen Konsequenzen strikt ausgesperrt. Vater Epiphanios rüttelt bei unserer Ankunft im Hotel Eagles Palace, der ersten Adresse auf dem weltlichen Teil der Athos-Halbinsel schon längst an der riesigen Kasserolle die auf einem ausreichend dimensionierten Gasbrenner in der Wiese vor dem Restaurant brodelt, die Suppe darin ist so gut wie fertig, sie entspricht allen strengen Speisevorschriften der orthodoxen Bruderschaft.

Zu aller erst bedeutet das völlige Vermeidung von Fleisch, was einer zwingenden Logik entspricht, auf einem Landstrich, den keinerlei weibliches Lebewesen betreten darf, sind der Tierzucht enge Grenzen gesetzt, schon weit länger als ein Jahrtausend hat hier kein Fortpflanzungsprozess stattgefunden, zumindest, wenn man der offiziellen Geschichtsschreibung glauben mag. Das betrifft natürlich nur Geschlechtsakte von Warmblütlern, Schnecken und Vögel verbalten sich hingegen artgerecht, dem Kahlfrass der unersättlichen Ziegen, welche die spärliche Flora der Ägäis mehr geprägt haben als alle osmanischen Strafaktionen inklusive Brandlegung hat man aber mit dieser Vorschrift einen erkennbar wirksamen Riegel vorgeschoben.

Und so geniessen die Mönche auf der uneinnehmbaren Halbinsel ihr streng vegetarisches Dasein, „kein Problem, zum Binden von Sossen verwenden wir passierte und dick eingekochte Zwiebel“, verrät Epiphanias einen seiner Tricks, “ das schmeckt dank des vielen Zuckers in den sonnengereiften Knollen ohnehin besser!“ Nur bei den Rumänen gehen die Uhren wieder mal anders, ihres ist das einzige der zwanzig Klöster, in dem ab und an eine Sau geschlachtet wird. Okay, die Griechen, Serben und Russen fangen und braten manchmal ein Fischlein, das kann ja qua natura gar nicht auf dem heiligen Land gewachsen sein, aber sonst: nicht mal Eier, Butter sowieso nicht. Selbst auf Olivenöl verzichten sie an den Fasttagen, und derer halten sie ganze zweihundert streng asketisch ein. Bleiben hundertfünfundsechzig Tage für die Erhaltung der Körpermasse, diese nutzen sie, wie man nicht nur am Beispiel von Mönch Epiphanios feststellen kann, weidlich um ihre Kochkünste zu perfektionieren.

Nach tausend Jahren Übung darf man ihnen Meisterschaft konzedieren, sie verstehen es vorzüglich, mit den vorhandenen und gottgefälligen Mitteln in riesigen Töpfen ausgesprochen wohlschmeckende Gerichte zu zaubern. Möglicherweise richten sich die Anweisungen für die Zutaten auch immer noch nach jenen Zeiten, als der Berg dicht besiedelt war, gespeist wird immer gemeinsam, und zwar nach den Vorgaben des Ersten, wie der Vorstand eines Klosters genannt wird. Wenn der satt ist, müssen alle Löffel ruhen, vielleicht haben deswegen die Küchenbrüder besonders schmackhafte Rezepte ausgetüftelt, wenn´s dem Ersten schmeckt haben die Brüder auch mehr Zeit, ihren Appetit zu stillen.

Wenn hier am Berg nicht alles dermassen spirituell ablaufen würde, fühlte man sich leicht versucht, eine Reihe von modernen Marketingbegriffen auf die monastischen Ernährungsgewohnheiten anzuwenden. Schnell kommt einem „Slow Food“ in den Sinn, denn genau das ist die Klosterküche schliesslich: altmodisch, manuell, ohne beschleunigende Technik; und natürlich „Kilometro Zero“! Was in Italien der (vor-)letzte Schrei ist, hier kennt man gar nichts anderes. Regionale Produkte, natürlich, es soll schliesslich kein weltlicher Einfluss das heilige Wässerchen trüben. Sämtliche Produkte stammen aus eigener Landwirtschaft, vom Gemüse in den liebevoll gepflegten Klostergärten über die Früchte abgelegener, terrassenförmig in den Berghängen gelegener Felder bis zu den mühsam gesammelten Kräutern und Wildpflanzen. Nicht zu vergessen die Früchte des Weinberges, der als Messwein auch ausserhalb der Liturgie den Glauben, Physis und Stamina, sowie das Allgemeinbefinden ungemein stärkt. Wenigstens den kann man auch als ungläubiger Konsument überall erstehen, Doktor Tsantsali sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt!

Und natürlich dem unvergleichlichen Honig, hier machen die gottesfürchtigen Genussmenschen Ihm sei Dank auch mal eine vernünftige Ausnahme von ihrer Apartheid, ohne die Königin könnten sie von natürlicher Süsse nur träumen. So aber geniessen sie die Früchte der Arbeit der letzten von Chemie und Gentechnik unbeeindruckten Bienen der westlichen Welt, zu abgeschieden leben sie mit ihren Züchtern und Nutzniessern auf der uneinnehmbaren Bergfestung.

Paradiesisch? Klingt so, allerdings vor dem Auftritt Evas, vielleicht nicht jedermanns Sache, kulinarisch aber jedenfalls eine Sünde wert. Doch Moment: war Eva nicht eine Erfindung dieser neumodischen Eingottgläubigen aus dem Osten? Eben! Im Heimatland der Göttinnen, von Athene, jener der Weisheit, und Hestia, zuständig für den Herd, und Hort des Matriarchats lassen sich die Frauen nicht so einfach Abspeisen. Und setzen stattdessen eigene Aktivitäten, zeigen was sie können, im Rahmen des „Athos Food Festivals“ findet so quasi ein friedlicher Wettbewerb statt. Athos bezeichnet nämlich nicht nur die Klosterrepublik, sondern ist auch die Bezeichnung der Präfektur des weltlichen Teils jenes abgelegenen dritten Fingers -oder Füsschens, wie man hier so schön sagt- der Chalkidike Halbinsel.

Und wieder hat die Kochkunst ihren Ursprung in jener Stadt, welche für Griechen immer schon die einzig wahre war, sogar die Osmanen haben sie Istan Polis, die Stadt, genannt. Wurde die Mönchsküche vor über 1000 Jahren per byzantinischem Dekret ins Leben gerufen, so haben die griechischen Frauen hier ihre Art zu Kochen erst vor nicht einmal 100 Jahren aus Konstantinopel und Umgebung mitgebracht, als sie im Zuge des Nationalstaatenwahns nach dem Ersten Weltkrieg unsanft aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Die glücklicheren unter ihnen fanden Unterschlupf in der Nähe, angeblich sieht die Bucht von Ammouliani auch jener im Marmara Meer ähnlich, woher die netten älteren Damen stammen, welche im Heimatkundemuseum fingerfertig nach Rosenwasser duftende Blüten aus Marzipan fabrizieren.

Diese werden dann später am Abend beim grossen Fest an der Promenade von Nea Roda genau so feilgeboten, wie traditionelle Festtagskuchen mit viel Butter, wahre Kunstwerke aus hundert Blättern vor Aller Augen handgerolltem Filoteig, reichlich Honiggebäck und jeder Menge weiterer süsser Sünden aus dem alten kleinasiatischen Hellas. Da steht natürlich auch so mancher Pope in der Schlange hungriger Gäste um zu kosten, Butter hin oder her, religiöse Fanatiker sucht man in Griechenland nämlich vergebens!

http://www.athosfriends.org
http://www.mountathosarea.org
http://www.discovergreece.com
Wiener_09-14_106.pdf

Dieser Beitrag wurde am 2014/09/11 um 14:49 veröffentlicht. Er wurde unter athos, chalkidiki, griechenland, `WIENER´ abgelegt und ist mit getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „himmlischer genuss

  1. Pingback: The experiences I had in Greece defined my future | homolka_reist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: